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Mit der Geburt eines Kindes kommt das Glück wie von allein? Das ist leider nicht immer so. Bild: shutterstock

Wenn auf die Geburt eine Depression folgt: «Ich hätte der glücklichste Mensch auf Erden sein sollen – aber war es einfach nicht»

Sarah Meier sieht der Geburt ihres Kindes zwar mit Respekt entgegen, ist sich aber sicher: Wenn das Baby erst einmal gesund zur Welt gekommen ist, kommt alles gut. Doch dann passiert etwas, womit sie keine Sekunde lang gerechnet hat.

05.10.15, 08:51

Frau Meier, nach der Geburt Ihres ersten Kindes litten Sie unter einer postpartalen Depression (PPD). Wann und wie hat das damals angefangen?
Sarah Meier*:
Ich habe meine Tochter an einem Samstagabend zur Welt gebracht. Am Sonntag war alles ganz normal – wenn auch neu für mich. Ich war müde, überwältigt und zufrieden. Doch am Montag fing es an. Da habe ich plötzlich nur noch geweint und die ganze Zeit gedacht: «Du müsstest jetzt gerade der glücklichste Mensch auf Erden sein!» Doch ich war es einfach nicht.

Ist Ihnen schnell klar geworden, dass es sich um eine Depression handeln muss?
Nein – und das war glaube ich mit das Schlimmste daran. Ich bin ein Mensch, der gerne alles unter Kontrolle hat. Entsprechend habe ich mich während der Schwangerschaft vorbereitet. Ich habe einiges gelesen: über die Geburt, das Stillen, die Babynahrung. Ich wollte mich nicht verrückt machen, aber gleichzeitig gut informiert sein. Doch obwohl es unendlich viele Informationsquellen gibt, wird das Thema postpartale Depression so gut wie nie erwähnt. Der Babyblues ja, davon liest man viel. Dass die PPD aber ebenfalls gar nicht so unüblich ist, das hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm.

Wie hat das Personal im Spital reagiert?
Die haben mich überhaupt nicht ernstgenommen. «Ach ja, das ist nur der Babyblues», hat man mir gesagt. Also habe ich ihnen geglaubt – davon hatte ich schliesslich gelesen und das wäre ja auch nicht so schlimm gewesen. Während meine Zimmernachbarin also laufend Besuch hatte und sich und ihr Baby feiern liess, wollte ich mich einfach nur verkriechen – und sicher nicht mein «Glück» mit anderen teilen. Als ich dann eine Weile wieder zuhause war, hat meine Hebamme erkannt, was wirklich mit mir los ist.

Was haben Sie dann unternommen? 
Nicht viel. Eine Möglichkeit wäre gewesen, zum Arzt zu gehen und möglicherweise auch Anti-Depressiva zu nehmen. Das stand aber damals für mich nicht zur Debatte. Ich habe mir gesagt, dass ich es auch so schaffen würde. Es war wie ein Teufelskreis: Der Wunsch und der Drang, alles richtig machen zu wollen, hat in mir immer wieder dazu geführt, dass ich mir gesagt habe: «Jetzt reiss dich mal zusammen, das bist du deinem Kind schuldig, du musst jetzt alles richtig machen.» Sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt, wäre irgendwie ein noch grösseres Versagen gewesen. Das dachte ich zumindest damals und darum kam externe Hilfe nicht in Frage. 

Gelingt das Stillen nicht, setzen sich viele Mütter unter Druck. Bild: shutterstock

«Eine Mutter, die ihr Kind nicht stillt, ist keine gute Mutter» – das wird von allen Seiten suggeriert und ich war natürlich mehr als empfänglich für diese Botschaft.

Wie ist es Ihrem Mann in der Zeit gegangen?
Der hat auch sehr darunter gelitten. Gleichzeitig war er für mich die grösste Stütze. Er hat sich gekümmert, wo er nur konnte, ist jede Nacht aufgestanden, wenn die Kleine geschrien hat und hat sie stundenlang durch die Wohnung geschleppt. Wobei man dazu sagen muss: Meine erste Tochter war ein eher ruhiges Baby. Zum Glück. Als ob sie es gespürt hätte. Diese Bindung zum Papa zu sehen, war für mich allerdings sehr schlimm – irgendwie wie ein weiterer Vorwurf des Versagens.

Wie lang hat diese Depression angehalten? 
Die schlimmste und akute Zeit dauerte sechs Wochen. Dann ist es für mich zu einem Schlüsselereignis gekommen: Wir mussten mitten in der Nacht zu einer Notapotheke fahren, um Nahrung für meine Tochter zu kaufen. Obwohl es mit dem Stillen von Anfang an nicht so richtig geklappt hatte, habe ich es immer und immer wieder probiert. Ich hatte bei jedem einzelnen Versuch höllische Schmerzen, aber ich habe mir das nicht auch noch nehmen lassen wollen. «Eine Mutter, die ihr Kind nicht stillt, ist keine gute Mutter» – das wird von allen Seiten suggeriert und ich war natürlich mehr als empfänglich für diese Botschaft.

Der Druck von aussen war also gross?
Ja, sehr. Die ganze Zeit bekommt man von allen Leuten zu hören, dass Stillen mit das Beste für das Baby ist, dass man unheimlich glücklich sein muss und dass man gerade die schönste Phase des Lebens durchmacht. Kaum einer kann sich vorstellen, dass es eben nicht so ist. Und das erhöht den Druck und macht alles bloss noch schlimmer. 

Wie ging es dann nach diesem Schlüsselereignis weiter?
Nach dieser Nacht habe ich begriffen, dass das mit dem Stillen einfach nichts bringt, dass mein Kind auch ohne Muttermilch gross und stark werden würde – und ich eine gute Mutter sein kann. Als dieser immense innere Druck, verbunden mit den körperlichen Schmerzen, verschwunden war, hatte ich wieder genügend Kraft, um auch die schönen Seiten zu sehen – und diese zu geniessen. Ich habe sehr viele Dinge aktiv für eine Besserung unternommen und so ist es dann nach und nach aufwärts gegangen.

Was für Dinge waren das, die Sie aktiv unternommen haben?
​Ich habe mich zum Beispiel gezwungen, mit der Kleinen unter Leute und nach draussen zu gehen. Mit ihr Tram zu fahren oder eine Krabbelgruppe zu besuchen. Das klingt jetzt nur nach Kleinigkeiten. Für mich war das damals sehr schwierig, aber es hat geholfen.

Etwas mehr als zwei Jahre später sind sie noch einmal schwanger geworden. Hatten Sie keine Angst, dass das alles noch einmal passieren würde? 
Doch, sehr sogar. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Chance, auch beim zweiten Kind eine postpartale Depression zu bekommen, bei 50 Prozent liegt – wenn man beim ersten Kind eine hatte. Dennoch habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, deswegen kein weiteres Kind zu bekommen. Ausserdem konnte ich mich ja jetzt viel besser darauf einstellen und irgendwie dachte ich, es hilft, zu wissen, was auf mich zukommen könnte.

​Ich habe mich gezwungen, mit der Kleinen unter Leute und nach draussen zu gehen. Mit ihr Tram zu fahren oder eine Krabbelgruppe zu besuchen. Das klingt jetzt nur nach Kleinigkeiten. Für mich war das damals sehr schwierig, aber es hat geholfen.

Und hat das tatsächlich etwas gebracht? 
Wie man's nimmt. Ich konnte von Anfang an gewisse Faktoren beeinflussen. Indem ich mir zum Beispiel gesagt habe «Wenn das mit dem Stillen nicht von Anfang an klappt, dann soll es eben nicht sein. Und dann werde ich es nicht auf Gedeih und Verderb versuchen!» Und genau so ist es dann gekommen. Im Spital gab es zwar trotzdem wieder ein paar Schwestern, die mir vorschreiben wollten, wie ich mein Kind zu ernähren habe, aber dagegen habe ich mich erfolgreich gewehrt. Auch um mich selbst zu schützen.

Dann ist dieses Mal alles gut gegangen?
Nein, leider nicht. Zwei Wochen lang war alles in Ordnung. Aber dann kamen diese komischen Gefühle doch wieder auf. Ich habe wieder sehr viel geweint, war furchtbar unglücklich und konnte auch beim zweiten Mal die ersten Wochen mit meinem Baby einfach nicht geniessen.

Haben Sie sich auch dieses Mal wieder allein – sprich ohne ärztliche Hilfe – aus dem Loch gekämpft? 
Nein. In der Zwischenzeit hatte ich einen Hausarzt gefunden, der zusätzlich eine psychologische Ausbildung hat. Mit ihm habe ich darüber geredet. Er hat mich über die verschiedenen Möglichkeiten aufgeklärt und weil es dieses Mal noch schlimmer war, habe ich entschieden, mich medikamentös behandeln zu lassen.

Was heisst, es war «noch schlimmer»? 
Meine zweite Tochter war – im Gegensatz zu der ersten – ein Schreikind. Das hat mich natürlich noch mehr Nerven gekostet. Und ausserdem war ja jetzt auch noch die Grosse da. Da konnte ich mir nicht einfach die Decke über den Kopf ziehen oder auf dem Sofa liegen und Löcher in die Luft starren. Ich wollte – und musste – mich zusammenreissen, um für die Kinder da sein zu können. So gesehen war die Überforderung mit der Situation bei der ersten Depression grösser, aber die Intensität der Belastung aufgrund der fehlenden Ruhepause beim zweiten Mal stärker.

Das ist eine der härtesten Seiten des Mutterseins: Das Verurteilt- und Abgestempelt-Werden durch andere Mütter. Heute sehe ich das alles etwas differenzierter.

Und die Medikamente haben direkt angeschlagen?
Ja, da hatte ich Glück. Man muss erst mal das passende Medikament und die entsprechende Dosierung finden. Zum Glück hat in meinem Fall die geringste Dosis gleich beim ersten Versuch angeschlagen. Wochenlang hatte ich mich gefühlt, als hätte ich keinen Boden unter den Füssen. Der kam nun langsam aber sicher wieder. Allmählich fühlte ich mich wieder in der Lage, Entscheidungen zu treffen und ich selbst zu sein. Die Medikamente habe ich knapp ein halbes Jahr genommen, danach konnte ich sie ohne Schwierigkeiten absetzen.

Wie offen gehen Sie heute mit dem Thema um?
Dass ich eine postpartale Depression hatte, wissen inzwischen die meisten meiner Freunde und Bekannten. Bei der Sache mit den Medikamenten ist das etwas anders.

Warum das?
Weil die Leute einen dann sofort abstempeln. Am deutlichsten habe ich das bemerkt, als ich mal in einer virtuellen Krabbelgruppe unterwegs war, auf der man andere Mütter treffen und sich über die verschiedensten Themen austauschen kann.

Eine Art «Tinder» für Schwangere?
Eher eine Art Forum. Ich kann froh sein, dass ich das bei der ersten Schwangerschaft noch nicht entdeckt habe. Das hätte mich vermutlich noch stärker in allem verunsichert, denn das ist eine der härtesten Seiten des Mutterseins: Das Verurteilt- und Abgestempelt-Werden durch andere Mütter. Heute sehe ich das alles etwas differenzierter.

Und dort haben Sie sich mit den Frauen über das Thema postpartale Depression ausgetauscht?
Ja, eine Frau hat ihre Gefühlslage beschrieben und das hat mich stark an mich selbst erinnert. Weil ich helfen wollte, habe ich ihr meine Geschichte – mitsamt der Einnahme von Medikamenten – erzählt. Die hat reagiert, als wäre ich die schlechteste Mutter auf Erden.

Wenn mir auf der Strasse eine junge Mutter begegnet, die vor lauter Glückshormonen fast platzt, dann werde ich auch heute noch traurig.

Hatten Sie während Ihrer Depressionen irgendwelche Leidensgenossinnen, mit denen Sie sich haben austauschen können?
Nein, gar nicht. Während meiner ersten Schwangerschaft habe ich natürlich mit zig Freundinnen über jedes kleinste Detail geredet. Das Thema postpartale Depression kam aber irgendwie nie auf den Tisch. 

Auch beim zweiten Mal war also vor allem Ihr Mann Ihre grösste Stütze?
Absolut. Ich weiss noch, eines Abends hatte ich – als die Grosse schon im Bett war – wieder so einen absoluten Tiefpunkt. Da habe ich unsere schreiende Tochter angeschaut und gesagt: «Ich weiss, es ist furchtbar, wenn ich das als Mutter sage, aber ich mag mein Kind gerade so gar nicht.» Und mein Mann hat geantwortet: «Weisst du was? Sie macht's dir auch schwer. Und ich mag sie auch nicht, wenn sie so schreit.» Etwas besseres hätte er in dem Moment nicht sagen können.

Das absurdeste ist eigentlich, dass ich mir sogar heute manchmal noch sage: «Ach, wahrscheinlich war das alles halb so wild und ich bin einfach nur ein Weichei.»

Hat die Depression irgendwelche Nachwirkungen, die Sie heute noch spüren?
Im Prinzip nicht. Es geht uns allen gut. Aber wenn mir auf der Strasse eine junge Mutter begegnet, die vor lauter Glückshormonen fast platzt, dann werde ich auch heute noch traurig. Weil ich das so nie erleben durfte. Und dann ist da natürlich noch das schlechte Gewissen meinen Kindern gegenüber. 

Weil Sie glauben, eine schlechte Mutter gewesen zu sein?
Ja, zumindest am Anfang. Bei beiden Kindern habe ich das Gefühl, ihre ersten Wochen ruiniert zu haben. Besonders stark ist das schlechte Gewissen aber der älteren Tochter gegenüber. Die war ja schon grösser, als ich diese Depression zum zweiten Mal hatte. Obwohl ich versucht habe, mich zusammenzureissen, konnte ich die Tränen nicht immer zurückhalten. Also hat sie mich oft weinen oder unglücklich gesehen. Dann ist sie irgendwann zu mir gekommen und hat gesagt «Mama, hast du dir Aua gemacht? Wo soll ich pusten?» (Bei diesem Satz kommen ihr die Tränen)

Kommt ein drittes Kind für Sie in Frage?
Nein, eigentlich nicht. Die zweite Schwangerschaft hat mich körperlich stark belastet. Aber auch die Sache mit der postpartalen Depression hat einen gewissen abschreckenden Effekt. Diese Wochen, die ich da jeweils erlebt habe, waren die schlimmsten meines Lebens. Es ist gut, so wie es ist. Zwei gesunde Kinder reichen völlig.

Vielen Dank für das ehrliche Gespräch. Sie waren sehr tapfer. 
Wissen Sie, ich habe schon so viele Tränen wegen dieser Sache geweint. Irgendwann muss es ja auch mal gut sein. Das absurdeste ist eigentlich, dass ich mir sogar heute manchmal noch sage: «Ach, wahrscheinlich war das alles halb so wild und ich bin einfach nur ein Weichei.»

* Name geändert

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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