Interview

Wirtschaftskrise in Russland:

«Putin wird sich bis zuletzt an die Macht krallen» 

Russland rutscht in die Rezession, Wladimir Putin gibt dem Westen die Schuld. Im Interview erklärt Starökonom Konstantin Sonin, dass die Krise in Wahrheit schon vor Jahren begann – und prophezeit eine Revolution. 

11.12.14, 10:53 11.12.14, 15:21

Benjamin Bidder, Moskau / Spiegel Online

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Kein Politiker dieser Welt geht freiwillig: Wladimir Putin wohl auch nicht. Bild: ADNAN ABIDI/REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Russlands Wirtschaft steckt in der Krise. Wladimir Putin sagt, der Westen wolle die «wachsenden Möglichkeiten» seines Landes eindämmen. Ist die drohende Rezession Folge der Sanktionen? 
Sonin: Nein, Russland steckt seit Langem in einem schleichenden Niedergang. Die Wirtschaft ist in sieben Jahren praktisch nicht gewachsen. Wir sind auf dem Stand von 2007. Dabei sind wir ein Schwellenland, unser Wachstum müsste eigentlich mindestens drei Prozent über dem deutschen liegen. ​

Anderswo stockt die Wirtschaft doch ebenfalls.
Aber keine der grossen Währungen hat so dramatisch an Wert eingebüsst. Die Abwertung des Rubel hat vor der Ukraine-Krise begonnen. Ein Grund ist, dass Anleger russische Investitionen abstossen. Überall auf der Welt sind die Aktienmärkte in den vergangenen Jahren gestiegen, unserer stagniert.

Sie vergleichen die derzeitige Krise mit 1991. Damals zerbrach die Sowjetunion. Welche Parallelen sehen Sie?
Russland hat scharfe Einbrüche erlebt, zum Beispiel 1998 und 2007, beide ausgelöst durch externe Schocks. Die Krise des Jahres 1991 war anders. Sie war in Wahrheit ein schrittweiser Niedergang, der viele Jahre zuvor begonnen hatte. Heute ist es ähnlich: Wir müssen derzeit keinen scharfen Einbruch befürchten. Die Menschen sagen, die Lage sei schlecht, aber nicht katastrophal. Haben wir deshalb also keine Krise? Doch, sie ist nur noch nicht in ihre akute Phase eingetreten.

Wie hätte der Niedergang vermieden werden können?
Putin hätte sich 2008 nach seinen erfolgreichen ersten beiden Amtszeiten zurückziehen sollen. Seitdem geht es ihm nicht mehr um Reformen, sondern nur noch um Machterhalt. Die Wirtschaftspolitik muss sich unterordnen. Reformen werden gestoppt, aufgeschoben und aufgehoben. Gute Entscheidungen aus Putins ersten Jahren im Amt werden zurückgenommen.

Welche denn?
Er hatte die Privatwirtschaft stark entlastet. Inzwischen sind die Belastungen für die Firmen – steuerlich und vor allem administrativ – höher als je zuvor.

Zur Person

Konstantin Sonin, 42, ist Prorektor der Moskauer Higher School of Economics (HSE) und einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler in Russland. Für die Tageszeitung «Wedomosti» – das russische Schwesterblatt der «Financial Times» – analysiert Sonin regelmässig das Wirtschaftsgeschehen und kritisiert den staatskapitalistischen Kurs des Kreml.

Wie gross ist der Einfluss der Sanktionen tatsächlich?
Sie treffen vor allem den Finanzsektor. Sie verschlechtern alles ein wenig, vor allem die langfristigen Perspektiven. Den Lebensstandard schränken sie wenig ein. Unsere eigenen Gegensanktionen sind für die Bürger schlimmer: Der Importstopp für EU-Lebensmittel treibt die Preise hoch. Das geht zu Lasten der Ärmeren, die einen grossen Anteil des Einkommens für Lebensmittel ausgeben.

Gut, aber was sind dann die Ursachen der Krise?
Schauen Sie sich das Schicksal von Diktatoren und Autokraten an: Sie sind alle erfolgreich in den ersten zehn Jahren im Amt. Danach geht es um Machterhalt, die Stagnation beginnt. Das ist der Kern des Problems: Es ist schlecht, so lange an der Macht zu sein.

Der Einfluss von Hardlinern wie Putins Berater Sergej Glasjew wächst. Er will das Land abschotten. Hat sich das Wirtschaftsverständnis im Kreml geändert?
Glasjew hat keine Ahnung von Ökonomie. Zum Glück ist er ja offiziell auch Putins Berater in der Ukraine-Politik, nicht in Wirtschaftsfragen.

Das macht es kaum besser: Glasjew wollte Kiew bombardieren lassen.
Solchen Leuten verdanken wir doch unsere herrlichen geopolitischen Siege! (lacht) Im Ernst: Putin hat ein exzellentes Wirtschaftsteam. In den Ministerien und in der Zentralbank arbeiten beste Leute. Das Problem ist, dass ihr Einfluss beständig sinkt. Stattdessen geben Männer den Ton an, die primitive Vorstellungen von Ökonomie haben. Sie verstehen die Mechanismen der Wirtschaft nicht. Sie bestreiten, dass es ökonomische Probleme waren, die zum Zusammenbruch des Kommunismus geführt haben.

«Wir reden über eine Krise, den Zusammenbruch von Wirtschaft und Ordnung»

Der Chef der staatlichen Sberbank, German Gref, hat das neulich scharf kritisiert. Er sprach davon, Russland ziehe keine Lehren aus der Geschichte.
Ach, Gref fand meine Kolumnen immer zu düster. Jetzt scheint auch er die richtigen Schlüsse zu ziehen: Eine schlechte Wirtschaftspolitik ist nie Folge einzelner Fehlentscheidungen. Wir haben es mit einer völlig archaischen Art der Staatsführung zu tun.

Wie kann Russland aus der Krise kommen?
Ich bin kein Freund von Revolutionen. Es fällt mir aber schwer, mir substanzielle Verbesserungen mit dem derzeitigen Regime vorzustellen. Es wird einen Schnitt geben, eine «nichtstationäre Periode» mit Absturz und einer langsamen Erholung.

Viele Ihrer Kollegen haben das Land verlassen. Haben Sie es nicht satt, düstere Diagnosen zu stellen, die zu spät zur Kenntnis genommen werden?
Sich ergeben, mein Land im Stich lassen? 1991 standen wir Panzern gegenüber.

Wie alt waren Sie damals?
Ich war 19.

Wenn morgen freie Wahlen wären, für wen würden Sie stimmen?
Vielleicht für Alexej Nawalny, den Oppositionsführer. Er ist ehrlich und entschlossen. Aber hätte er eine Chance? Wenn ich die Wahl hätte zwischen dem heutigen Vizepremier Igor Schuwalow, einem Wirtschaftsliberalen, und Verteidigungsminister Sergej Schoigu, einem Falken ... Weiss der Teufel, wie ich entscheiden würde! Vielleicht Schuwalow – oder doch Schoigu?

«Kein Politiker dieser Welt geht freiwillig»

Schoigu ist ein enger Freund von Putin.
Sie müssen bedenken, unter welchen Umständen eine solche Wahl – nach dem Ende der Ära Putin – stattfinden würde. Wir reden über eine Krise, den Zusammenbruch von Wirtschaft und Ordnung. Die Kriminalität wird ansteigen, es kann Zusammenstösse verschiedener Volksgruppen geben. Man wird also einen Mann wählen, der für Ordnung sorgt.

Keine Chance für einen liberalen Reformer?
Michail Chodorkowski hat neulich geschrieben, als Präsident würde er den Staat dezentralisieren. Wieso glauben alle, dass der nächste Präsident Gelegenheit zu solchen Nettigkeiten haben wird? Er wird den Staat vor dem Zerfall bewahren müssen.

Wie wird das Ende von Putins Präsidentschaft aussehen?
Er wird sich bis zuletzt an die Macht krallen. Kein Politiker dieser Welt geht freiwillig. Oder wird Angela Merkel eines Tages einfach die Brocken hinwerfen?

Ihre Leute kokettieren zumindest damit ...
Kann ich mir nicht vorstellen. Entweder, sie wird von den Deutschen abgewählt. Oder aber, ihr fehlen eines Tages auf einem CDU-Parteitag ein paar entscheidende Stimmen, dann wird auch sie schimpfen auf angeblich hinterhältige Verräter.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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