Interview

Ein Jahr ist vergangen, seit der Demonstration auf dem Maidan, bei der 100 Personen getötet wurden. Bild: SERGEY DOLZHENKO/EPA/KEYSTONE

Jahrestag des Maidan-Aufstands

«Es war eine Provokation»

Witali Sachartschenko gehörte zu den Schlüsselfiguren des Maidan-Dramas. Der damalige ukrainische Innenminister setzte die berüchtigten Berkut-Einheiten in Marsch. Er ist bis heute überzeugt, dass radikale Kräfte den Aufstand anzettelten.

22.02.15, 09:36 22.02.15, 11:36

Christian Neef und Matthias Schepp, Moskau / spiegel Online

Ein Artikel von

Um zu verfolgen, was auf dem Maidan geschieht, muss der damalige Innenminister Witali Sachartschenko sein Büro im zweiten Stock des Ministeriums nicht verlassen. Überwachungskameras, installiert zur Fussballeuropameisterschaft 2012, liefern ihm von allen neuralgischen Punkten im Stadtzentrum Bilder in Echtzeit. Er sieht seine Leute, die den Präsidentenpalast bewachen, die Staatsbank, die Generalstaatsanwaltschaft und das Regierungsgebäude. Er sieht Steine werfende Demonstranten.

Sachartschenko, heute 52, war in der Zeit des Maidan-Aufstands als Chef der ukrainischen Polizei eine der Schlüsselfiguren des Dramas, das sich vor einem Jahr in der ukrainischen Hauptstadt Kiew abspielte. Der eloquente Aufsteiger hat es als Kind zweier Eisenbahnangestellter aus einem verschlafenen Provinznest über Polizeiakademie und Steuerfahndung bis ins Zentrum der Macht geschafft.

Die Aufstände vor einem Jahr in Kiew in Bildern

Wie der Präsident kommt er aus der Gegend um die ostukrainische Millionenstadt Donezk. Er flüchtete wie Janukowytsch am 21. Februar 2014 aus Kiew und wurde noch am selben Tag vom ukrainischen Parlament, der Werchowna Rada, abgesetzt. Kurz darauf schrieb die Kiewer Staatsanwaltschaft ihn zur Fahndung aus – wegen des Verdachts auf Massenmord an Aktivisten im Zentrum Kiew zwischen dem 18. und dem 22. Februar.

Erstes Interview mit einem westlichen Medium

Sachartschenko lebt inzwischen mit seiner Familie in Moskau, ist dort «Ober-Konsultant» des Staatskonzerns Rostech und betreibt eine Stiftung, die ebenfalls geflüchtete ukrainische Polizisten unterstützt.

Er wird einsilbig, wenn es darum geht, wie lange er schon mit Ex-Präsident Wiktor Janukowytsch verbunden ist – und welche Mitverantwortung er für die Toten auf dem Maidan trägt. Andere Regierungsmitglieder, die ebenfalls nach Moskau geflüchtet sind, erzählen, dass er vor seiner politischen Karriere der Leibwache des einflussreichen Präsidentensohns Alexander vorstand.

Sachartschenko gehört zu jenen ukrainischen Spitzenbeamten, die in der EU und Kanada mit Finanzsanktionen belegt sind. Erstmals sprach er jetzt mit einem westlichen Medium.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sachartschenko, warum hat Ihre Regierung im Dezember 2013 nicht die Chance genutzt, einen Dialog mit den Demonstranten auf dem Maidan zu beginnen? Damals hatten die Proteste gerade begonnen, es waren in der Mehrzahl friedliche Studenten, die dort standen.

Sachartschenko: Der Maidan hat sich von Anfang an auf radikale Kräfte gestützt. Als die Studenten am 29. November erklärten, sie wollten ihre Aktionen einstellen, stiessen jene politischen Aktivisten zu ihnen, die bis dahin auf dem Europa-Platz demonstriert hatten. Und die waren aggressiv, riefen schon früh zum Sturm auf die Regierung auf. Und schon am 29. November bemerkten wir das erste Banner des Rechten Sektors auf dem Platz – von dieser Truppe waren zu dieser Zeit bereits an die 350 Leute auf dem Platz.

Den ersten Versuch, die Protestler auseinander zu treiben, gab es am 30. November 2013 – als ihre Polizei den Platz mit Gewalt räumte. Erst da bekamen die Demonstrationen im Zentrum Kiews Massencharakter. Mit ihrer harten Linie hat die Regierung die Eskalation provoziert. Warum haben Sie das getan?

Das geschah nicht auf meine Anweisung. Ich war die ganze Woche nicht aus meinen Sachen herausgekommen, hatte im Ministerium geschlafen. Am Abend vor diesen Ereignissen rief mich der Geheimdienstchef an und sagte, jetzt scheint Gott sei Dank alles zu Ende zu sein. Vielleicht 500 Menschen waren noch auf dem Platz. Da beschloss die Stadtverwaltung, am nächsten Tag – wie in jedem Jahr zu dieser Zeit –die grosse Jolka auf dem Maidan aufzustellen, den grossen Weihnachtsbaum. Ich habe dem Kiewer Bürgermeister gesagt: Macht das nicht! Dann fuhr ich nach Hause. Als ich morgens um 6.30 Uhr den 5. Kanal des ukrainischen Fernsehens einschaltete, sah ich, was passiert war.

Ihre Polizei hatte den Platz geräumt. Angeblich wegen der Jolka.

Es war eine Provokation. Der Präsident rief mich sofort an und wollte wissen, was passiert sei. Und ich habe den Chef der Kiewer Polizei angerufen, der für die operative Arbeit vor Ort verantwortlich war: «Weisst du, was für eine Verantwortung du da auf dich genommen hast?» Ohne Unterstützung durch andere hochgestellte Leute, hätte er die Aktion nie durchgeführt. Ich vermute, der damalige Chef der Präsidialadministration, Sergej Lowotschkin, hat das inszeniert, hinter ihm stand die Gruppe des Oligarchen Dmytro Firtasch. Sie hatten ihre eigenen Interessen.

Sie deuten damit an, dass die beiden Janukowytsch stürzen wollten; Lowotschkin trat kurz darauf aus der Präsidentenpartei aus. In der Folge kamen Zehntausende auf den Platz, die Gewaltbereitschaft nahm zu – bis dann der tragische Höhepunkt im Februar erreicht wurde. Moskau hatte von der Janukowytsch-Regierung immer wieder ein hartes Vorgehen gefordert. Aber Sie waren noch unentschlossen?

Wir suchten noch eine politische Lösung. Anfang Februar sassen wir mit dem Generalstaatsanwalt und mit den Oppositionsführern Jazenjuk und Tjagnibok zusammen, es ging um eine neue, dritte Amnestie. Den westlichen Botschaftern liess ich damals ausrichten, dass es bereits Waffen auf dem Maidan gebe. Wir hatten das gefilmt. Die Waffen sollen aus der Republik Moldau über Odessa nach Kiew gekommen sein, beschafft von Vertretern der organisierten Kriminalität. Sie wurden in der 5. Etage des Gewerkschaftshauses am Maidan aufbewahrt, vom Rechten Sektor gesichert. Dort standen auch die Fässer mit Benzin für die Molotow-Cocktails. Das alles hinterliess bei den Botschaftern keinen Eindruck. Zu der Zeit hatten wir bereits die ersten beiden Toten in unseren Reihen.

Waren Ihre Polizisten zu dieser Zeit mit Schusswaffen ausgestattet?

Die Maidan-Aufstände 2014

Nein, bis zum 20. Februar nicht. Die andere Seite dagegen hatte zu dieser Zeit bereits gut strukturierte «Selbstverteidigungstruppen», zu denen erfahrene Afghanistan-Kämpfer gehörten, viele waren maskiert. Das waren Radikale, die in Lagern zuvor eine paramilitärische Ausbildung erhalten hatten. Meine Leute waren im Regierungsviertel oberhalb des Maidan stationiert, sie sollten die Regierungsgebäude sichern. Am 18. Januar waren die Maidan-Leute auf dem Vormarsch in der Lipska-Strasse im Regierungsviertel. Sie warfen Pflastersteine, schlugen Schaufensterscheiben ein, zündeten Polizeifahrzeuge an. Dann bedrängten sie den Sitz der Präsidentenpartei. Vom Kanzleichef des Präsidenten bekam ich den Auftrag, mit meinen Einheiten die Leute dort zu evakuieren. Erst nach und nach gelang es uns, die Menge zurück in Richtung Maidan zu drängen. In der Lipska-Strasse blieben zwei Tote zurück, Büroangestellte der Partei.

Ihre eigenen «Berkut»-Spezialeinheiten waren sehr wohl bewaffnet. Auch die «Omega»-Truppen der Inneren Sicherheit, die am Oktoberpalast stationiert wurden. So wie die «Alpha»-Sondereinheiten des Geheimdienstes, die bereits nachts im Einsatz waren. Wollen Sie etwa abstreiten, dass Sie an der Eskalation beteiligt waren?

Noch einmal: Keiner der «Berkut»-Leute, keiner der Polizisten und Sicherheitskräfte am Maidan hatte Schusswaffen. Nachdem wir Informationen über bewaffnete Demonstranten bekommen hatten, worüber ich die EU- und den US-Botschafter in Kenntnis gesetzt habe, bekamen wir bewaffnete Omega-Einheiten zur Seite gestellt, aber nur als Reserve. Sie sollten auf Befehl des Innenministeriums gegen Scharfschützen eingesetzt werden, falls Demonstranten schiessen. Die Spezialeinheit Alpha war dem Inlandsgeheimdienst FBU unterstellt. Da kann ich nicht viel zu sagen.

Am 20. Februar kam es dann zum ersten wirklich grossen Blutvergiessen. Wer war Schuld?

Ich betone: Schon am 18. und 19. Februar hatte die Polizei 14 Tote und 86 Verletzte zu beklagen. Laut Aussagen des Kiewer Polizeichefs, der mich am Morgen des 20. Februar anrief, hatten bewaffnete Kämpfer des Maidan begonnen, auf Polizisten zu schiessen, gezielt. Ich gab den Befehl, sich in die Gebäude des Regierungsviertels zurückzuziehen. Wir haben einfach situativ reagiert. In einem Telefongespräch mit dem Präsidenten rechtfertigte ich den Beschluss.

Wer hat wirklich geschossen, wer hat die Toten auf dem Gewissen?

Diese Vorgänge muss man vollständig aufklären und die Schuldigen zur Verantwortung ziehen, sonst wird die Ukraine keine Zukunft haben. Es gab doch genügend Spuren und Belege: die Einschläge in den Strassen, in den Reklametafeln, auch wenn die neuen Machthaber in Kiew sie teilweise beseitigt haben. Die Ärzte, die die Opfer behandelten, haben die Kugeln herausoperiert und waren bereit, sie den Ermittlern zu übergeben. Aber die Staatsanwaltschaft hat ihnen gesagt: Wir brauchen die nicht. Im Übrigen gibt es nichts Einfacheres, als festzustellen, aus welchen Waffen der Innenministeriumstruppen eine Kugel geschossen wurde. Alle ausgegebenen Waffen sind nämlich registriert und auch Kugelmuster aus diesen Waffen. Wenn aber aus anderen Waffen geschossen wurde, dann muss herausgefunden werden, wo diese herkamen. Die neue Regierung hat an der Aufklärung aber kein Interesse. Ich sage Ihnen: Dieser Umsturz war von aussen vorbereitet, und zwar über längere Zeit. Er sollte eigentlich erst 2015 stattfinden, zur Präsidentenwahl. Aber dann hat man den günstigen Moment nach der Ablehnung des EU-Assoziierungsabkommens genutzt. Und die Revolution brauchte eben ihre «heiligen Opfer», ihre Märtyrer.

Das ist Ihre Sicht auf die Geschehnisse. Die Protestler und auch andere Beobachter sagen klar, dass der Sturm auf den Maidan von der Polizei und den Berkut-Einheiten ausging. Wie kam es zu den Gesprächen Janukowytschs mit der Opposition und dem deutschen, dem polnischen und dem französischen Aussenminister?

Janukowytsch rief mich in der Nacht zum 21. Februar an und sagte: Wir führen jetzt sehr ernsthafte Verhandlungen. Gibt es Wünsche von deiner Seite? Ich antwortete ihm: Stellen Sie nur eine Frage: Wie sollen die Radikalen auf dem Maidan entwaffnet werden? Ich hatte Tage zuvor schon zu Jazenjuk gesagt: «Sie haben die Radikalen auf dem Platz doch gar nicht mehr im Griff.» Und er gab tatsächlich zu, dass er bestenfalls noch 30 Prozent der Demonstranten steuern könne. «Nehmen Sie diese Leute, die friedlichen Demonstranten, und bringen Sie sie weg vom Maidan, zum Platz vorm Michaels-Kloster», antwortete ich ihm. «Wir nutzen dann die Zeit, um den Maidan von den bewaffneten Radikalen zu säubern.» Darauf ging er nicht ein.

Was passierte am 21. Februar, wann flüchtete Janukowytsch?

Gegen 10 Uhr hörte ich, dass der Vertrag mit der Opposition paraphiert worden sei – und dass gleichzeitig auf dem Maidan die Losung ausgegeben wurde, dass sich möglichst viele dort wieder sammeln sollten. Man würde den Sturm des Regierungsgebäudes vorbereiten. Ich überprüfte die Information, sie stimmte. Dann versuchte ich, Janukowytsch zu erreichen, erfolglos. So fuhr ich zum geschäftsführenden Premierminister und rief den Präsidenten von dort aus auf einer Spezialleitung an. Ich sagte ihm, dass schon wieder 10'000 auf dem Platz stünden. Und er fragt mich: «Wie denkst du darüber?» Ich: «Wenn die wirklich auf uns vorrücken, hätten wir das Recht, scharf zu schiessen. Aber wenn es bislang keinen Schiessbefehl gab, dann hat er jetzt schon gar keinen Sinn mehr.» «Gib mir 40 Minuten», antwortete Janukowytsch.

Meldete er sich zurück?

Als ich auf den Flur hinaustrat, sagte mir mein Referent, dass die Lage bedrohlich sei. Wir müssten weg. Die Kolonnen formieren sich bereits.

Aber das stimmte doch zu der Zeit gar nicht ...

Doch das stimmte, die Maidan-Aktivisten bereiteten den Sturm vor. Daraufhin rief ich nochmals Janukowytsch an. Und er wieder: «Was hältst du für nötig?» Ich sagte ihm, dass ich den Truppen den Befehl zum Rückzug aus Kiew Richtung Donezk geben würde. Er möge diesen Befehl bitte seinerseits unterstützen. Der Präsident antwortete: «Ich bin mit dir einverstanden. Es gibt keine andere Variante.» Meine letzten Worte damals an ihn waren: «Wir sehen uns in Donezk.»

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