Islam
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FILE - This file photo taken from video by Nigeria's Boko Haram terrorist network, Monday, May 12, 2014, shows the missing girls alleged to be abducted April 14, from the northeastern town of Chibok. A Nigerian government official said "all options are open" in efforts to rescue the almost 300 abducted schoolgirls from their Islamic extremist captors as U.S. surveillance and reconnaissance aircraft started flying over the West African country. (AP Photo/File)

Die entführten Schulmädchen. Bild: AP/Militant Video

Afrikanischer Experte zu Boko Haram

Terror in Nigeria: «Sie sagen, der Westen ist schuld an ihrer Armut»

Die Terrortruppe von Boko Haram findet wachsenden Zuspruch – bei den Perspektivlosen, bei den Bettelarmen. Religiöser Fundamentalismus, sagt der äthiopische Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate im Interview, ist dabei für viele nur ein Vorwand, Verbrechen zu begehen.

14.05.14, 08:11 14.05.14, 08:48

Ein Artikel von

Takis Würger / Spiegel Online

Spiegel Online: Herr Asserate, die muslimische Terroristengruppe Boko Haram hat mehr als 200 Mädchen in Nigeria entführt. Der Name der Gruppe bedeutet übersetzt Bildung aus dem Westen verboten. Woher kommt dieser Hass?
Asfa-Wossen Asserate: Nigeria hat ähnliche Probleme wie viele andere Länder in Afrika. In einer modernisierten, globalisierten Welt kommen viele Afrikaner nicht mit. Sie sind arm. Und weil fehlgeleitete Afrikaner den Grund für ihre Armut nicht bei sich selbst finden wollen, suchen sie Ausreden. Sie sagen, der Westen ist schuld, und die Gottlosen sind schuld.

Asfa-Wossen Asserate

Der 65-Jährige stammt aus Äthiopien, ist Mitglied des äthiopischen Kaiserhauses und lebt seit über 40 Jahren in Deutschland. Er arbeitet neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller als politischer Analyst und Unternehmensberater. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch «Manieren» über gutes Benehmen. Nun versucht er mit dem Verein «Pactum Africanum» den Islam, das Christentum und das Judentum zu versöhnen.

Was können die Atheisten dafür?
Gruppen wie Boko Haram verurteilen, dass sich die Menschen aus dem Westen einen eigenen Gott geschaffen haben: den Gott Mammons. Es ist ein Widerspruch. Einerseits wären die Terroristen von Boko Haram vielleicht keine Extremisten, wenn sie mehr Geld hätten, andererseits machen sie den Reichtum im Westen verantwortlich für die Abkehr von der Religion.

Asfa Wossen Asserate. Bild: Andreas Teschke

Wieso finden muslimische Terrorgruppen in Afrika einen solchen Zuwachs? 

In Afrika leben rund eine Milliarde Menschen, davon sind ungefähr 85 Prozent jünger als 25 Jahre. Viele dieser jungen Afrikaner leiden unter Arbeitslosigkeit, oder sogar Hunger, und es fehlt ihnen eine Perspektive. Bei den Fundamentalisten finden sie eine Identität. Wer sich dem Fundamentalismus zuwendet, kann sagen: Wir sind eins. Das ist sehr viel für einen Menschen, der gar nichts hat.

Wie erreichen die Fundamentalisten denn diese armen Afrikaner? 
Die radikalen Gruppen entführen nicht nur junge Mädchen, sondern sie arbeiten auch als soziale Institutionen, sie verteilen Brot und Medikamente. Sie arbeiten ähnlich wie die Muslimbrüder in Ägypten, oder wie die Hisbollah im Libanon. Das Geld für diese soziale Arbeit kommt aus den arabischen Golfstaaten.​

Die Hauptaktivitäten der Boko Haram erstrecken sich auf Nordnigeria, Niger, Kamer und vermutlich Tschad. Nigeria ist die grösste Volkswirtschaft Afrikas. Karte: Google Maps

In Somalia, Guinea, Nigeria, kämpfen Christen gegen Moslems und Moslems gegen Christen. Wem nützt das? 
Es gibt verschiedene Gründe für diese Gewalt. In manchen Fällen liefert Religion den Vorwand für Verbrechen, die mit Religion nichts zu tun haben. Wenn ein christlicher Gemüsehändler einen muslimischen Gemüsehändler als Konkurrenten vertreiben will, kann er im Glauben eine Rechtfertigung dafür finden, wenn er eine falsche Interpretation von Religion folgt. Verbrechen wie die Entführungen durch die Boko Haram dienen der Abschreckung und sollen Furcht verbreiten. Eine Frau, die Angst hat, entführt zu werden, weil sie kein Kopftuch trägt, setzt vielleicht ein Kopftuch auf.

Prominente Französinnen protestieren gegen die Entführung der Schülerinnen. Bild: AFP



Wieso führen die Spannungen zwischen Christen und Moslems gerade in Afrika zu Krieg? 
Afrika ist ein tief religiöser Kontinent. Es gibt Christen, Moslems, Juden und Naturvölker. Sie finden in Afrika Menschen, die an die religiöse Bedeutung von Bäumen glauben, aber sie finden kaum Menschen, die an gar nichts glauben. Überall in Afrika treffen viele Menschen mit unterschiedlichem Glauben aufeinander. Es wäre allerdings falsch zu denken, dass dadurch auch überall Krieg entsteht. In meiner Heimat Äthiopien, zum Beispiel, haben wir eine lange Tradition der Toleranz.

Wäre die Welt besser ohne Religion? 
Nein, Religion ist eine wunderbare Institution, um Toleranz zu verbreiten. In der Hingabe zu Gott kann der Gläubige erkennen, was ihn mit anderen Gläubigen verbindet. 

Das klingt gut, scheint aber nicht zu klappen. 
Ich komme aus Afrika, und man hat mir die wunderbare Institution der europäischen Aufklärung schmackhaft gemacht, das können wir auch bei anderen Afrikanern schaffen. Das Mittel ist der Dialog. Durch Dialog können die Menschen verstehen, dass die abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum, Islam, den gleichen Gott anbeten.

Was meinen sie mit Dialog?
Ein Problem in vielen afrikanischen Staaten ist, dass die Menschen wenig über Andersgläubige wissen. Dadurch entstehen Misstrauen und Hass. Unser Verein «Pactum Africanum» versucht, durch Multiplikatoren den Wissensaustausch zwischen Andersgläubigen zu stärken. Und wir wollen Begegnungshäuser bauen, wo Christen und Moslems lernen können, dass sie gar nicht so viel trennt.

Was kann der Westen tun?
Europa könnte ein Vermittler sein, der diesen Dialog forciert.

Boka Haram-Doku in Deutsch Video: YouTube/DeutscheWelle

Da würde Boko Haram wohl widersprechen.
Es gibt in Afrika nicht nur gewalttätige Extremisten, sondern auch viele Gläubige, die zwar strenggläubig sind, aber mit denen sich reden lässt. Europa muss Afrika helfen, den Frieden zu finden. Der Westen könnte sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass an Schulen ein Ethik-Unterricht stattfindet, der die Werte der Aufklärung erklärt und das Toleranzprinzip propagiert.

In der Vergangenheit waren Sie in Deutschland vor allem durch Ihre Bücher über Manieren bekannt. Warum arbeiten Sie nun am Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen und weniger an Werten und Tugenden?
Ich habe in den über 40 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, immer meine politischen Überzeugungen kundgetan und all das gesagt, worüber ich heute schreibe. Bevor ich über Manieren geschrieben habe, haben leider nur weniger Menschen auf mich gehört. 

Mehr zur Boko Haram finden Sie hier. 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Kari Metzger 14.05.2014 12:46
    Highlight Mich interessiert, was der Islamische Zentralrat der Schweiz zu diesen Ereignissen in Nigeria zu sagen hat! Wenn Hr. Illi sich zu Satire am Schweizer Fernsehen äussert, wäre Nigeria auch einige Worte wert.
    2 0 Melden
  • zombie1969 14.05.2014 09:58
    Highlight Die Boko Haram wird es wenig interessieren, ob sich die US-Präsidentengattin oder sonst wer betroffen über dieses Drama zeigt. Diese Schlächter sind ebenso wenig beeindruckt von den nationalen und internationalen Betroffenheitsritualen. Man wird mit diesen Menschenhassern erst Ruhe haben, wenn sie tot im Staub afrikanischer Erde liegen. Hier hilft nur eine internationale militärische Aktion von Spezialkräften. Sondereinheiten dazu gibt es genug, man muss nur wollen.
    3 0 Melden

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