Islam
FILE - In this Jan. 23, 2004 file photo, self-styled cleric Abu Hamza al-Masri leads his followers in prayer in a street outside Finsbury Park Mosque, on the first anniversary of its closure by anti-terrorism police, London. Britain is set to extradite its most recognizable extremist, Abu Hamza al-Masri, to the United States, sending a national hate figure to face charges of helping set up a terrorist training camp in rural Oregon. Britain's Home Office said Monday Sept. 24, 2012 that radical Muslim cleric Abu Hamza al-Masri has lost an appeal regarding his extradition to the United States.(AP Photo/John D McHugh, File)

Bild: AP

Prozess gegen Imam Abu Hamza

Abrechnung mit einem Hassprediger

Er rühmte Bin Laden und soll weltweit Kontakte zu gefährlichen Terroristen unterhalten haben. Jetzt wird dem britischen Hassprediger Abu Hamza, der ein Auge und seine rechte Hand verloren hat, in New York der Prozess gemacht.

14.04.14, 14:52 14.04.14, 17:08

Ein Artikel von

Marc Pitzke, New York, Spiegel Online

Zum Pessach-Fest ist die New Yorker Polizei besonders wachsam. Die jüdische Feierwoche, die an diesem Montag beginnt, weckt jedes Jahr neue Sorge vor Anschlägen, auch wenn es keine konkreten Hinweise gibt: «New York ist immer ein Ziel», warnte John Miller, der Anti-Terror-Chef der Millionenstadt, «und wird es immer sein.»

Diesmal sind die Sicherheitsvorkehrungen noch strenger als ohnehin schon. Der Anlass: der Terrorprozess gegen den radikalen Imam Abu Hamza, der vor einem US-Bezirksgericht in Lower Manhattan anfängt.

Der einäugige Hassprediger, der statt der rechten Hand eine Hakenprothese trägt, muss sich ab diesem Montag wegen einer langen Liste von Vorwürfen verantworten. So soll er indirekt an einer Geiselnahme im Jemen und Anschlägen in Afghanistan beteiligt gewesen sein sowie Dutzende Terroristen radikalisiert haben - darunter einen der 9/11-Attentäter.

Wieder einmal verwandelt sich Manhattans Gerichtsviertel in eine Festung, auch wenn der Auftakt des Prozesses zunächst nur aus Formalitäten besteht, etwa der Auswahl der Geschworenen.

Allein da gab es vorab Spannungen: Die Staatsanwaltschaft wollte die Geschworenen nämlich aus Sicherheitsgründen erst nur anonym auftreten lassen. Doch Richterin Katherine Forrest lehnte das ab. Weshalb die Jury Hamza nun offen gegenübersitzen muss - unweit des früheren World Trade Center, dessen Zerstörung der Angeklagte als «überragenden Tag in der Geschichte» pries.

Klar, dass sich die Lokalmedien auf saftigen Schlagzeilen freuen: Das Boulevardblatt «New York Daily News» nennt den 55-jährigen Fundamentalisten einen «Terroristen-Rockstar».

Hand und Auge verlor der gebürtige Ägypter mit britischem Pass in den achtziger Jahren in Afghanistan unter dubiosen Umständen. Seither geben ihm sein Metallhaken und die Augenklappe ein markantes Erscheinungsbild.

Seine radikalen Ansichten hat Hamza - der vor Gericht auf seinem Geburtsnamen Mustafa Kamel Mustafa besteht - nie verheimlicht. Vor allem in seinen Predigten in einer Moschee im Londoner Viertel Finsbury Park rief er offen zum Dschihad gegen alle «Ungläubigen» auf.

Lebenslange Haft plus weitere 100 Jahre

Auch rühmte er den damaligen Qaida-Chef Osama Bin Laden und soll Kontakte zu gefährlichen Militanten unterhalten haben. Darunter «Schuhbomber» Richard Reid, der im Dezember 2001 versucht hatte, während eines American-Airlines-Fluges von Paris nach Miami einen Sprengsatz in seinem Schuh zu zünden.

2004 wurde Hamza in Großbritannien wegen Anstiftung zu Mord und Rassenhass festgenommen und 2006 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Parallel strengten die USA ein Auslieferungsverfahren an, das sich jahrelang durch die Instanzen quälte. Erst im Oktober 2012 traf Hamza in New York ein.

Die 19 Seiten starke US-Anklageschrift ist seit 2004 fast unverändert. Die Staatsanwaltschaft sieht Hamza als «Terroristen-Unterstützer von globaler Reichweite» und glaubt, das an mehreren Beispielen nachweisen zu können:

• Im Dezember 1998 habe Hamza einer Terrorgruppe in Jemen bei einer Geiselnahme Hilfe geleistet. Die Gruppe entführte 16 Touristen, darunter zwei Amerikaner. Bei einem Befreiungsversuch durch jemenitische Militärs nutzte sie die Gefangenen als menschliche Schilde. Vier Geiseln kamen um.

• Hamza habe Kontakte zu einem Terrorcamp in Afghanistan gehabt. Er habe zwei US-Militanten geholfen, Ende 2000 unbehelligt über Pakistan dorthin zu gelangen, und habe alle seine Anhänger aufgerufen, «Geld, Güter und Dienstleistungen» für die Taliban zu stiften.

• Von Ende 1999 bis Anfang 2000 sei Hamza an Plänen beteiligt gewesen, im US-Staat Oregon ein «Dschihad-Trainingscamp» einzurichten und auf diese Weise al-Qaida und Bin Laden «materielle Hilfe» zu leisten.

Bei einem Schuldspruch drohen ihm lebenslange Haft plus weitere 100 Jahre. Doch zuvor dürfte es in Saal 15A des Daniel Patrick Moynihan Courthouse noch allerhand Spektakel geben.

So will die Anklagevertretung Hamzas eigene Worte gegen ihn verwenden und Ausschnitte seiner Hasspredigten vor Gericht abspielen. Ein Angebot, sich schuldig zu bekennen, hat Hamza ausgeschlagen. «Euer Ehren», sagte er zur Richterin Forrest, «ich bin unschuldig.»

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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