Islamischer Staat (IS)

Sicherheitskräfte am Frankfurter Flughafen (Symbolbild): Drei US-Teenager festgenommen.  Bild: EPA/DPA

In Frankfurt gefasste US-Teenager

«Heiliger Krieg» statt Highschool

Das Teenager-Trio am Frankfurter Flughafen gibt Rätsel auf: Was trieb die amerikanischen Mädchen zur Reise nach Syrien, in die Fänge des IS? Ihre Eltern sind ratlos. 

22.10.14, 15:32 22.10.14, 16:09

Raniah Salloum / spiegel

Ein Artikel von

Am Freitagmorgen um 6.30 Uhr schlägt Asaad Ibrahims Tochter die Haustür in Denver zu und geht zum Schulbus, wie jeden Tag. Drei Stunden später bekommt Ibrahim einen Anruf der Schule: Seine Tochter sei nicht im Unterricht. So steht es im Polizeibericht der örtlichen Behörden. 

Schon bald wird sein Kind, zusammen mit zwei Freundinnen, international Schlagzeilen machen: Das Trio wurde von den Sicherheitsbehörden am Flughafen Frankfurt aufgegriffen. Ihr endgültiges Reiseziel: der «Islamische Staat» in Syrien

Doch davon ahnt Asaad Ibrahim am Morgen noch nichts. Er ruft die 16-Jährige auf dem Handy an. «Ich war nur zu spät. Deswegen hat dich die Schule angerufen», beruhigt sie ihren Vater. Der 48-jährige Finanzberater schöpft keinen Verdacht. 

Doch am Freitagabend kommt seine Tochter nicht nach Hause. Ihr Handy ist ausgeschaltet. Asaad Ibrahim fährt zu Ali Farah, dem Vater der besten Freundinnen seiner Tochter. Doch auch dessen zwei Mädchen, 15 und 17 Jahre alt, sind verschwunden. 

«Die Mädchen sind am Morgen erst zu Hause geblieben. Sie sagten, sie seien krank», erzählt Ali Farah, der ursprünglich aus Somalia stammt. Farah geht zur Arbeit. Später, gegen halb elf vormittags, rufen ihn seine Töchter an. Sie sagen ihm, sie fühlten sich besser und gingen nun in die Bibliothek zum Lernen. Auch ihr Vater soll sich in Sicherheit wiegen. 

Statt in die Bibliothek gingen sie zum Flughafen Denver 

Doch am Abend ist es mit der Ruhe vorbei, beide Väter ahnen, dass etwas nicht stimmt. «Schau nach, ob ihre Pässe noch da sind», bittet Asaad Ibrahim. Die Reisepässe der Mädchen sind verschwunden ebenso wie 2000 Dollar in bar. Da melden die Väter ihre Töchter bei der Polizei als vermisst. Zu diesem Zeitpunkt sitzen die drei Freundinnen im Flugzeug Richtung Deutschland

Für die Eltern ist die Reise der Mädchen ein Rätsel. US-Beamte gehen davon aus, dass sie von Frankfurt aus in die Türkei und weiter nach Syrien reisen wollten. In den Dschihad, den «Heiligen Krieg» an der Seite der Terrormiliz «Islamischer Staat». 

Aber warum? Ihren Familien war vorher nichts aufgefallen. 

Asaad Ibrahim beschreibt seine Tochter im Polizeibericht als «ein gutes Kind», er habe nie Probleme mit ihr gehabt. Bildung ist ihm sehr wichtig. Er verließ seine Heimat, das Bürgerkriegsland Sudan gleich nach dem BWL-Studium, arbeitete vier Jahre im Jemen, bevor er in die USA kam und sich niederließ. 

Ali Farah sagte der Polizei, seine Töchter hätten nie Probleme gemacht. Beide trügen ein Kopftuch als Teil ihrer Religion. Darüber hinaus konnte der 68-Jährige keine Hinweise geben. 

Die US-Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Mädchen mit Dschihad-Rekrutierern in Kontakt standen. Diese werben über Facebook und Skype junge Frauen und Männer aus dem Westen an und bieten ihnen an, bei der Reise nach Syrien zu helfen. Den «Islamischen Staat» stellen sie als romantisches Abenteuer und gerechte Sache dar. Sie versprechen den Teenagern eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, eine neue Familie. Die vielfach dokumentierten Verbrechen der Dschihadisten dagegen tun sie als westliche Propaganda ab. 

«Warum seid ihr nach Deutschland geflogen?»

Am Samstagvormittag landen die Mädchen in Frankfurt. Von dort aus sollte die Reise weitergehen in die Türkei. Wer ihnen dabei helfen sollte, ist bisher unklar. Die US-Sicherheitsbehörden haben ihre Computer beschlagnahmt und durchforsten nun ihre Nachrichten. 

Die Teenager bleiben den ganzen Tag am Flughafen. Wer auch immer sie abholen soll, kommt offenbar nicht. Sie werden schließlich aufgegriffen und in den Flieger zurück nach Denver gesetzt. Der genaue Ablauf der Festnahme ist nicht bekannt. In der Heimat kommen sie am Montag wieder an, werden von ihren Eltern und Beamten der US-Bundespolizei FBI empfangen und befragt.

Was die Mädchen dem FBI verrieten, ist bisher unbekannt. Nach Berichten örtlicher Medien werde aber keine Anklage gegen die Teenager erhoben. Als Montagabend ein Beamter der örtlichen Polizei bei Ali Farah klingelt, liegen die zwei Töchter im Bett und schlafen. Der Polizist lässt sie von der Mutter wecken. «Warum seid ihr nach Deutschland geflogen?», fragt er. «Familie», sagen die Mädchen. Der Polizist ist ratlos. «Mehr als das wollten sie nicht sagen», schreibt er in seinem Bericht. 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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