Islamischer Staat (IS)
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FILE - This undated file image posted on a militant website on Jan. 4, 2014, which is consistent with other AP reporting, shows Shakir Waheib, a senior member of the al-Qaida breakaway group Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL), left, next to a burning police vehicle in Iraq's Anbar Province. The Islamic State was originally al-Qaida's branch in Iraq, but it used Syria's civil war to vault into something more powerful. It defied orders from al-Qaida's central command and expanded its operations into Syria, ostensibly to fight to topple Assad. But it has turned mainly to conquering territory for itself, often battling other rebels who stand in the way. (AP Photo via Militant Website, File)

Milizionäre des «Islamischen Staats» in der irakischen Provinz Anbar. Aus der Terrorgruppe ist eine Armee geworden.  Bild: AP/Militant Website

Islamischer Staat

Die Kriegstaktik der IS-Milizen: Apokalyptisch furchterregend 

Die irakische Armee hat eine Offensive gegen die Terrormiliz IS gestartet. Doch sie hat es mit einem schwierigen Gegner zu tun: Die Dschihadisten mischen modernste Kriegstaktik mit apokalyptischen Angriffen – blitzschnell und skrupellos. 

19.08.14, 20:48 19.08.14, 20:58

Christoph Reuter, arbil / spiegel online

Ein Artikel von

Der wettergegerbte kurdische Kommandeur Mahmoun, oder «Dr. Mahmoun», wie ihn seine jungen Kämpfer nennen, hat viel erlebt in seinen 20 Jahren als Kämpfer: Hubschrauberangriffe der türkischen Luftwaffe, Panzerbeschuss, wochenlange Gefechte. Doch so etwas wie vor zwei Wochen hat er noch nie gesehen: «Sie kamen wie ein Schwarm, rasend, schiessend, als ob nichts sie aufhalten könne. 70 bis 80 Wagen, davon etwa 50 gepanzerte Humvees», jene bulligen Ungetüme, mit denen die US-Truppen sich jahrelang durch den Irak und Afghanistan bewegten.

Der Rest seien Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren und Flugabwehrkanonen gewesen, die auf die Kleinstadt Mahmour zurasten wie ein Kavallerieangriff aus früheren Jahrhunderten. Tatsächlich hielt nichts die Sturmtruppen vom «Islamischen Staat» (IS) in Mahmour auf – bis auf den Hügel, wo sich die kurdischen Kämpfer der PKK verschanzt hatten. 

IS lässt al-Qaida wie eine Jugendgang erscheinen

Auch aus anderen attackierten Orten berichten Flüchtlinge von den apokalyptischen Angriffsformationen der Dschihadisten: «Sie rollten in breiter Linie durch die Wüste, Dutzende Fahrzeuge nebeneinander, und schossen dabei. Egal, ob wir einen Wagen ausschalten konnten, die anderen rasten einfach weiter», erzählte schon im Juni ein geflohener Soldat aus einer Garnison nahe Mossul. 

«Sie schickten erst mehrere Selbstmordattentäter mit sprengstoffbeladenen Wagen», erinnert sich ein Peschmerga, ein Kämpfer der irakisch-kurdischen Truppen, der ganz im Osten nahe dem Dorf Jalawla eingesetzt war: «Dann kam die Haupttruppe – und zwar so schnell nach den Explosionen, dass keiner reagieren konnte. Wer konnte, floh.»

Verdursten oder sich ergeben und umbringen lassen 

Was Kurden, Christen, Jesiden in den vergangenen zweieinhalb Monaten im Nordirak (und Syrer seit acht Monaten) erlebt haben, lässt al-Qaida im Rückblick wie eine Jugendgang erscheinen. Was da durch die Steppe heranrollt, ist keine Terrorgruppe, sondern eine Armee. Und zwar eine, die in verschiedenen Facetten kämpft, so wie es in der Frühzeit des Islam üblich war, zu deren barbarischen Regeln der IS wieder zurück will: Sturmattacken der Reiterei auf Feinde und alle sonstigen «Ungläubigen», deren Männer man nach Belieben umbringen, deren Frauen man versklaven kann. 



Und wer sich nicht ergibt, wird belagert: 

Die Szenerie wirkt wie eine albtraumhafte Nachstellung aus dem 7. Jahrhundert, nur mit gepanzerten Geländewagen statt Kamelen. 

Doch um überhaupt so weit zu kommen, agiert der IS im Hintergrund ganz und gar nicht wie eine blindwütige Fanatikerhorde. Völlig unabhängig von der radikalen Ideologie geht der IS taktische Bündnisse ein, solange es nützlich erscheint – in Syrien etwa erst mit den Rebellen, dann mit Assads Regime. Die Bewegung kündigt diese auf, sobald sie mächtig genug ist. Strategische Versorgungseinrichtungen werden möglichst unbeschädigt unter Kontrolle gebracht: Ölfelder, Umspannwerke, Wasserkraftwerke, selbst Getreide- und Kartoffelspeicher sowie Grossbäckereien. 

Jedem Angriff gehen diskrete Planungsphasen voraus: Spitzelnetze und konspirative Zellen werden aufgebaut, Überläufer bestochen. Dann erst schlägt der IS zu. Blitzschnell. Er überrollt die verdutzten und oftmals verratenen Gegner regelrecht. 

«Scharia-Gerichtshöfe» als Terrormittel 

Anschliessend wird wieder abgewartet, werden potenzielle Feinde in den neu eroberten Gebieten verschleppt oder gleich ermordet. Das IS-Fussvolk darf sich daran erfreuen, die Lokalbevölkerung mit ihren absurden Verboten zu gängeln und Menschen willkürlich vor ihre «Scharia-Gerichtshöfe» zu bringen, die nichts mit einem Rechtssystem zu tun haben. Sie sind lediglich ein Deckmäntelchen für grenzenlosen Terror. 

Dann wird gewartet, bis die Aufregung im Rest der Welt sich wieder gelegt hat – bis Gaza und die Ukraine die Öffentlichkeit und die Politiker wieder mehr beschäftigen als der Vormarsch der Allmachtsfantasten, die ihr Kalifat am liebsten auf der ganzen Welt ausbreiten möchten. 

Dieses Janusköpfige macht den IS so erfolgreich wie rätselhaft: Hochmodern, rational, flexibel und aktiv auf allen sozialen Netzwerken, fällt er gleichzeitig wie die leibhaftig gewordene Apokalypse über immer weitere Landstriche her. 

Doch dieses Mal haben die USA militärisch eingegriffen. Da wird es nicht mehr ganz so einfach, auf das rasche Vergessen zu spekulieren. Sollte es dennoch wieder einsetzen, wird die nächste Sturmwelle der Dschihadisten irgendwann kommen: blitzschnell, über Nacht, und im Zweifelsfall abermals siegreich. 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 19.08.2014 21:12
    Highlight Der Iran finanziert die Terrororganisationen Hisbollah, Hamas und diverse andere. Saudi Arabien finanziert ebenfalls diverse Terrororganisationen. Diese Unterstützung gibt es dazu noch ganz offen. Der einzige Grund warum der Iran gegen IS vorgeht ist, weil die IS eine andere religiöse Auffassung des Islam hat. Viele Saudis unterstützen die IS jedoch, weil die Auffassung näher ist. Der Iran glaubt aber sowieso, dass der IS eine Verschwörung des Westens oder Israels ist. Die klassischen zwei Sündenböcke der radikalen Islamisten.
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