Islamischer Staat (IS)

IS-Abtrünnige packen aus

Der IS ist vielen seiner Anhänger inzwischen zu brutal. Doch Kritiker werden gnadenlos verfolgt und hingerichtet

Der Islamische Staat ist für seine Brutalität berüchtigt - selbst manchen Dschihadisten geht das zu weit. Zwei syrische IS-Aussteiger berichten von Massakern und willkürlichen Hinrichtungen. 

02.10.14, 14:16 02.10.14, 14:32

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Ahmed, 28, und Maher, 24, kennen sich nicht, doch ihre Geschichte ist ähnlich: Beide sind Syrer, die für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gekämpft haben. Und sie sind aus demselben Grund ausgestiegen: Wegen der Ausländer, die sich dem IS anschliessen. «Die ausländischen Dschihadisten sind oft viel konservativer als die Syrer», klagt Ahmed. «Das ist wie eine Invasion», sagt Maher, «sie verzerren den wahren Islam

Die französische Zeitung «Le Monde» hat die beiden Ex-Kämpfer unabhängig voneinander interviewt. Ihre Erzählungen geben Einblick in den Aufstieg und Wandel des IS. 

«Er hat uns heimlich Religion unterrichtet»

Ahmed und Maher kamen schon früh mit den Islamisten in Kontakt. Denn beide stammen aus der nordöstlichen Provinz Deir-Essor. In dieser Grenzregion nahe dem Irak haben die Radikalislamisten schon lange gute Kontakte. Von dort aus wurden während der US-Besatzungszeit im Irak Dschihadisten eingeschleust und der irakischen al-Qaida vermittelt, der Vorläuferorganisation des IS. 

Kämpfer des Islamischen Staats hissen eine IS-Fahne (Irak, 1. September 2014) Bild: YOUSSEF BOUDLAL/REUTERS

«Ein Mann in unserem Dorf hatte schon im Irak gekämpft», erzählt Ahmed in «Le Monde». «Als wir Kinder waren, hat er uns heimlich Religion unterrichtet.» Mit Beginn der Aufstände in Syrien schloss sich Ahmeds salafistischer Religionslehrer dem syrischen Ableger der irakischen al-Qaida, der Nusra-Front, an und wurde einer ihrer Befehlshaber. Ahmed folgte ihm, auch als er später von dort zum IS wechselte. 

«Welchen Unterschied gibt es zwischen uns und dem Regime?»

Nun, nach anderthalb Jahren beim IS, ist Ahmed in die Türkei geflohen. Er hat nicht mit dem radikalislamistischen Gedankengut gebrochen, doch selbst ihm ist der IS inzwischen zu brutal. 

Maher hatte nach einem Kampf in der syrischen Provinz Deir-Essor genug vom IS, berichtet er in der französischen Zeitung. Dabei hatten seine Kameraden mehrere Hundert syrische Zivilisten hingerichtet - Frauen und Kinder. Sie waren nicht einmal vermeintlich Andersgläubige, sondern Sunniten. Ihr Verbrechen bestand darin, dass sie einer rivalisierenden Rebellengruppe angehörten. Maher stürmte wutentbrannt zu seinem Befehlshaber. 

«Ich habe meinem Emir gesagt, dass das nicht gerecht sei. Ich habe ihn gefragt: Wenn wir Zivilisten töten, welchen Unterschied gibt es dann noch zwischen uns und dem Regime?» Daraufhin wurde Maher von seinen einstigen Kameraden verhaftet. 

«Ich war in diesem Krieg auf der falschen Seite»

Maher konnte dem IS entkommen. Es folgte eine abenteuerliche Flucht, auf der er vier IS-Kämpfer tötete. Nun lebt Maher in der Türkei, will in Istanbul abtauchen und dort erst mal Geld verdienen. Danach will er weiterziehen. «Ich war in diesem Krieg auf der falschen Seite», resümmiert er. 

Maher und Ahmed sind sich einig: Die Europäer und Tschetschenen in den Reihen vom IS seien die schlimmsten. Ahmed erzählt, wie er nach einem Kampf ein Massaker an Frauen und Kinder erlebte. Die IS-Kämpfer aus dem Kaukasus, aus Tunesien und Frankreich hätten wahllos Zivilisten ermordet. Zwei jordanische und ägyptische IS-Kämpfer versuchten, sie aufzuhalten. Am nächsten Tag fand man die beiden ermordet. 

Maher und Ahmeds Erzählung decken sich mit anderen Berichten. Die Rücksichtslosigkeit des IS verstört viele Syrer. Deshalb begrüssen viele die amerikanischen Luftangriffe auf IS-Positionen. Die Bombardierungen von Quartieren der radikalislamistischen Nusra-Front sehen einige dagegen kritisch. Bei der Nusra-Front kämpfen anders als im IS inzwischen hauptsächlich Syrer. Immer wieder kooperierte die Gruppe zuletzt mit anderen Rebellen – anstatt diese wie der IS zu bekämpfen. 

Maher hat dem Dschihad endgültig den Rücken gekehrt. Ahmed überlegt dagegen, nach Syrien zurückzugehen und sich wieder der Nusra-Front anzuschliessen. «Das Kalifat bleibt mein grosser Traum», sagt er. (ras)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Ridcully 02.10.2014 15:37
    Highlight Erinnert mich an die französische Revolution (Die ja auch äusserst blutig war). Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.
    1 1 Melden
  • CG aus G :-) 02.10.2014 14:40
    Highlight Zwei Terroristen treten aus einer Terrororganisation aus, weil der Terrorganisation Terroristen beigetreten sind, die die Terroristen das Fürchten lehren.

    Ich hoffe nur, dass sie jetzt nicht auch noch Mitleid erwarten.
    12 0 Melden
    • Zeit_Genosse 02.10.2014 15:58
      Highlight Eine perverse Entwicklung schön und pointiert formuliert :)
      4 0 Melden
  • Zeit_Genosse 02.10.2014 14:36
    Highlight Die IS hat das Potenzial zu implodieren. Man muss sie nur an einer geografischen Ausbreitung hindern. Einkreisen, Flüchtlinge aufnehmen und den Kreis enger und zu machen. Danach zuwarten. Sie können sich dann nur noch selbst töten. Die IS hat keine Philosophie die überdauern kann. Ein Kalifat tönt gut, ist aber in deren Munde leeres Geschwätz um Gefolgschaft zu erzeugen, die sie brutalst einfordern. Wenn die Welt zusammensteht, wird das weltlich Immunsystem diese Zellen isolieren und austrocknen. Das gelingt nur zusammen und jeder hat halt so seine Interessen für die Zeit danach.
    11 0 Melden

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