Islamischer Staat (IS)
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Videostill von Omar al-Schischani während einer Propagandarede. Al-Schischani ist einer von Hunderten Dschihadisten aus der Kaukasusregion, die in den Reihen des IS kämpfen. Bild: AP/militant social media account via AP video

IS-Kommandeur Omar al-Schaschani

Der rote Dschihadist

Omar al-Schischani gilt als wichtigster Militärkommandeur des Islamischen Staats. Vor drei Jahren sass der schüchterne junge Mann noch in einem Gefängnis in Georgien. Die Geschichte einer Radikalisierung. 

21.10.14, 08:58 21.10.14, 09:32

christoph sydow / spiegel online

Ein Artikel von

Der Dschihad hat Spuren hinterlassen im Gesicht von Omar al-Schischani. Seine Haut ist teigig, die Augen liegen in tiefen Höhlen, der rote Bart reicht bis zur Brust. Schischani sieht deutlich älter aus als 28. Sein Alter offenbart sich erst, wenn er den Mund aufmacht: In den Internetvideos spricht ein schüchterner Mann mit leiser Stimme, der die Augen meist niederschlägt und oft Schwierigkeiten hat, die richtigen Worte zu finden. 

Und doch ist Schischani in den vergangenen Monaten zu einer der Führungsfiguren im Islamischen Staat aufgestiegen. Inzwischen gilt er als wichtigster Militärkommandeur der Dschihadisten. Er befehligt den Vormarsch in der irakischen Provinz Anbar. Im Sommer trat er in einem Video auf, das die Abschaffung der syrisch-irakischen Grenze durch den IS feiert. Seither ist der Kommandeur mit seinen Truppen immer weiter nach Norden und Osten vorgedrungen. Nur noch etwas mehr als 20 Kilometer trennen die IS-Kämpfer von Bagdad. 

Der Vormarsch seiner Männer ist der bisherige Höhepunkt in Schischanis Dschihadistenkarriere, die erst vor zwei Jahren begann. Anfang 2012 wurde aus Tarkhan Batiraschwili «Omar al-Schischani», also «Omar, der Tschetschene». Diesen Kampfnamen suchte er sich selbst aus – dabei ist Batiraschwili gar kein Tschetschene. 

Er wird 1986 in Georgien geboren, sein Vater ist Christ, seine Mutter Muslimin. Zu Sowjetzeiten sind inter-konfessionelle Ehen noch keine Seltenheit. 

Omar al-Schischani hat sich zum Gesicht des IS entwickelt: Im Gegensatz zu IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zeigt sich der rotbärtige Dschihadist regelmässig in der Öffentlichkeit. Bild: AP/militant social media account

2010 wird zum Schicksalsjahr

Batiraschwili wächst im georgischen Pankissi-Tal auf, das während der Tschetschenien-Kriege den islamistischen Aufständischen als Rückzugsgebiet dient. Sein Vater Taimuras berichtet später, dass der Sohn schon in seiner Kindheit tschetschenischen Kämpfern geholfen und sie manchmal auch begleitet habe. 

Nach der Schule schliesst sich Batiraschwili der georgischen Armee an. Dort steigt er bis zum Sergeant in einer Aufklärungseinheit auf und kämpft 2008 im Kaukasuskrieg an vorderster Front gegen RusslandBatiraschwili bewährt sich im Kampf und hofft auf eine Beförderung.  

Doch dann, im Jahr 2010, kommt alles anders: Für Batiraschwili wird es ein Schicksalsjahr. Ärzte diagnostizieren bei ihm Tuberkulose. Erst liegt er monatelang im Militärkrankenhaus, dann entlässt ihn die Armee aus medizinischen Gründen. Sein Versuch, ins Militär zurückzukehren, scheitert. Auch die Polizei weist seine Bewerbung ab. Im gleichen Jahr stirbt auch seine Mutter an Krebs. «Mein Sohn verlor jede Zuversicht», erinnert sich der Vater später. 

«Ich versprach Gott, dass ich, wenn ich lebend aus dem Knast kommen sollte, für Gott in den Dschihad ziehen würde.»

Omar al-Schischani



Im September 2010 wird Batiraschwili festgenommen und wegen illegalen Waffenbesitzes zu drei Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis radikalisiert sich der junge Mann. «Ich versprach Gott, dass ich, wenn ich lebend aus dem Knast kommen sollte, für Gott in den Dschihad ziehen würde», sagt der Islamist später in einem Interview, das in einem Islamisten-Forum veröffentlicht wird. Als er nach 16 Monaten Anfang 2012 vorzeitig freikommt, nennt sich Batiraschwili «Omar al-Schischani». Nach einem kurzen Aufenthalt in Ägypten zieht er im März 2012 in den syrischen Bürgerkrieg. 

Pfad hin zum Kalifat.  twitter/istimes2

Schischani soll Islamisten aus dem Kaukasus anwerben

Dort steigt er rasch zum Anführer der Muhadschirin-Brigade auf, einer Miliz, die in Nordsyrien aktiv ist und in deren Reihen fast ausschliesslich Kaukasier und andere Ausländer kämpfen. Die Dschihadistentruppe ist an der Schlacht um Aleppo beteiligt, im August 2013 stürmen sie den Militärflughafen Minnagh in der Nähe der türkischen Grenze. 

Doch trotz seiner militärischen Erfolge erkennt Schischani, dass er stärkere Partner braucht. Er leistet einen Treueeid gegenüber Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer der Terrororganisation, die sich damals noch Islamischer Staat im Irak und in Syrien nennt. Mit seinen mehreren hundert Kämpfern schliesst sich Schischani Ende 2013 der rücksichtslosesten und mächtigsten Dschihadistengruppe im Nahen Osten an. 

«Ich habe eine Tochter. Sie sieht aus wie du.»

Omar al-Schischani

Seither ist er nicht nur einer ihrer wichtigsten Kommandeure, er ist trotz mangelnden Charismas eines der bekanntesten Gesichter des IS. Schischani, der öffentlich zumeist auf Russisch redet, soll Islamisten aus den Ex-Sowjetrepubliken nach Syrien und in den Irak locken. Deshalb betont er, dass der Kampf im Nahen Osten nur die erste Etappe sei. Hat sich das ausgerufene «Kalifat» erst einmal stabilisiert, werde er den Dschihad nach Russland tragen, verspricht Schischani. 

Zweimal hat er sich in den vergangenen Monaten bei seinem Vater gemeldet. Einmal, um Drohungen gegen Russland auszusprechen, das andere Mal hatte er eine private Nachricht: «Ich habe eine Tochter», sagte er seinem Vater. «Sie sieht aus wie du.»

Sky-News auf den Spuren von Omar al-Schischani. youtube/skynews

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    Alle Leser-Kommentare
  • 足利 義明 Oyumi Kubo 21.10.2014 22:57
    Highlight Dieser 0815-Typ kann nur unter minderbemittelten Muslimisten Karriere machen. In einem aufgeklärteren und intellektuell normentsprechenden Umfeld wäre er höchstens als Pausenclown in einer Islam-Sonderschule tragbar.
    4 0 Melden
  • Nosgar 21.10.2014 15:33
    Highlight Der Artikel kommt mir sehr bekannt vor. Wahrscheinlich, weil ich vor kurzem den Wikipedia-Eintrag zu dem Georgier gelesen habe und der Spiegel scheinbar nicht viel mehr tut als diesen umzuschreiben.
    0 0 Melden
  • zombie1969 21.10.2014 09:15
    Highlight Man schaue sich diese "Jihadisten" nur mal genau an. Hoffentlich muss man sich in Europa eines Tages nicht solcher extremen Typen erwehren. Dabei gibt es in Europa inzwischen auch schon Millionen Moslems, Tendenz steigend, die, im Moment noch von den meisten belächelt, uns noch so gerne ihre Lebensvorstellungen aufzwingen würden.
    6 20 Melden
    • Knut Atteslander 21.10.2014 11:19
      Highlight Anderen seine Vorstellungen aufzuzwingen ist nur menschlich, darum schreiben wir ja Kommentare ;-)
      12 0 Melden

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