Islamischer Staat (IS)
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Eine Armenierin in einer orthodoxen Kirche in Damsakus Bild: YOUSSEF BADAWI/EPA/KEYSTONE

Armenier in Syrien: Erst kamen die Osmanen, dann der «Islamische Staat»

Syriens Armenier bangen um ihr Zuhause – schon wieder. Sie sind Kinder, Enkel und Urenkel der Überlebenden des Völkermords. Nun müssen auch sie flüchten: Viele leben in Gebieten, die vom «Islamischen Staat» bedroht werden.

24.04.15, 19:22

Raniah Salloum



Ein Artikel von

Lucy Ghazal, 59, ist erst vor einem Jahr aus Aleppo geflüchtet. Im Krieg wurde ihr Haus zerstört, da musste auch sie gehen. Mit ihrem Mann und den drei Kindern nahm sie den Bus nach Beirut im Libanon, 300 Kilometer durch Checkpoints der Rebellen und des Regimes. «Ich hatte schreckliche Angst, aber alles lief gut», erzählt sie.

Die Familie lebt nun als Flüchtlinge im Libanon und ist auf die Hilfen der Uno und Organisationen wie der Caritas angewiesen. «Wir hatten vorher kein Geld, und jetzt haben wir auch kein Geld», sagt sie. Doch vor dem Krieg hatten sie zumindest das Haus, in dem sie leben konnte. Ihre Schwester ist in Aleppo geblieben: Deren Bleibe steht noch.

Ghazal ist syrische Armenierin, und das ist problematisch: Sie fühlt sich als Syrerin und Armenierin zugleich, ihre Muttersprachen sind Armenisch und Arabisch. Die Grossmutter stammte aus Gebieten der heutigen Türkei und hatte die Massaker und brutalen Deportationen zwischen 1915 und 1922 überlebt. Am heutigen 24. April wird der 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern begangen.

Armenier protestierten am Freitag in Bern Bild: KEYSTONE

Bis heute ist unklar, wie viele Menschen damals genau ums Leben kamen. Historiker gehen von rund 800'000 Menschen aus, manche armenische Diasporagruppen von bis zu 1.5 Millionen Menschen. Egal, wie viele es sind: Ungezählte Familien verfolgt die düstere Geschichte bis heute.

100'000 syrische Armenier

Viele Überlebende bauten sich im Nordosten Syriens, in der Wüste, ein neues Zuhause auf. Manche zogen auch nach Aleppo, wo es bereits eine armenische Gemeinde gab. Bis vor zwei Jahren existierte im Norden Syriens eine sehr aktive armenisch-syrische Gemeinde mit Kirchen und Schulen. Insgesamt gibt es schätzungsweise rund 100'000 syrische Armenier.

«Sechs Stunden die Woche hatten wir zusätzlich armenischen Sprachunterricht, armenische Geschichte und Kultur zusätzlich zum normalen Unterricht und der syrischen Staatsideologie», erinnert sich Razmig Kechichian, 32, aus Aleppo. Er lebt seit Jahren in Frankreich, wo er an der Universität Informatik lehrt.

Unter Diktator Baschar al-Assad wurde dann der armenische Unterricht zurückgeschraubt. «Einmal wurde unserer Theatergruppe auch verboten, den Jahrestag des Völkermords zu begehen», erinnert sich Kechichian. «Das war zu Zeiten, als Assad sich um bessere Beziehungen mit der Türkei bemühte.» Das ist inzwischen vorbei, die einstige Freundschaft zwischen Assad und dem türkischen Nachbarn dahin. Statt Ankara hofiert Assad nun Syriens Armenier, deren Milizen die Truppen des Regimes unterstützen.

Gemeinden im Nordosten nahezu vollständig zerstört

Der Krieg in Syrien hat die Armenier schwer getroffen. Im fünften Jahr der Gewalt ist von den syrisch-armenischen Orten im Nordosten des Landes wenig übrig. Die vergessenen Provinzstädte der Wüste – Hasaka, Deir Essor, Rakka – liegen in den Gegenden, die der «Islamische Staat» (IS) bereits erobert hat oder die von der Miliz bedroht werden.

Die Miliz, der viele Ausländer angehören, hat die Wirren des syrischen Bürgerkrieges genutzt, sich eingenistet und ausgebreitet. Eine armenische Kirche in Rakka wurde kurzerhand zum IS-Hauptquartier erklärt. Christen dürfen zwar theoretisch im IS-Gebiet bleiben. Aber nur, wenn sie bereit sind, als Bürger zweiter Klasse zu leben und Sonderabgaben zu bezahlen. Viele sind lieber geflohen, als sich der kaltblütigen Miliz auszuliefern.

«Die Situation im Osten ist katastrophal», sagt Razmig Kechichian. «Von meinen armenisch-syrischen Freunden ist keiner mehr in Deir Essor, Rakka und Kamischli.»

Armenisch-katholische Kirche im IS-Zentrum Rakka Bild: AP/Syrian Observatory for Human Rights

Einige von Kechichians Freunden sind nach Armenien geflohen. Das Land gibt syrischen Armeniern, die ihre armenischen Wurzeln nachweisen können, die Staatsbürgerschaft. In jedem anderen Land laufen sie unter der Kategorie «syrische Flüchtlinge».

In Aleppo ist die Lage ein wenig besser

In Aleppo ist die Situation für Syriens Armenier ein wenig besser: Zwar ist die Stadt seit Sommer 2012 umkämpft. Doch die Viertel der syrisch-armenischen Gemeinde liegen vor allem im reicheren Westen der Stadt, der vom Regime kontrolliert wird. Das heisst, sie werden von den rücksichtslosen Bombardierungen durch Syriens Luftwaffe verschont. Wer im Osten der Stadt lebte, musste dagegen fliehen.

Viele tun sich damit schwer. «Was soll ich in Europa, was soll ich in Armenien?», habe ihm sein Vater schon öfter entgegnet, erzählt Kechichian. «Mein Vater war schon einmal zu Besuch in Armenien. Doch es hat ihm nicht gefallen. Syrien ist seine Heimat, dort kennt er sich aus. Er will Aleppo nicht verlassen.»

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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