Islamischer Staat (IS)
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Terror-Mastermind Haji Bakr: Der Spitzel-Führer des «Islamischen Staates»

Er entwarf den Masterplan zur Machtübernahme in Syrien, baute ein Spitzelnetz auf, installierte den selbst ernannten Kalifen: Haji Bakr war der wichtigste IS-Stratege, die Religion nutzte er nur als Mittel zum Zweck. Der SPIEGEL hat seine Geheimdokumente ausgewertet.

19.04.15, 15:52

Christoph Reuter / spiegel online

Ein Artikel von

Die meisten kannten ihn als den Mann mit dem weissen Bart, manche als den mit dem schwarzen Bart. Der örtliche Rebellenkommandeur erinnerte sich an ihn unter dem Namen «Schweib», zuständig für die Waffenbeschaffung. Einer der örtlichen politischen Köpfe kannte ihn als «Abu Bakr al-Iraqi», als den Verantwortlichen für religiöse Belange in der Kleinstadt Tal Rifaat in der umkämpften Ebene Nordsyriens.

Erst nachdem ein kleines Rebellenkommando ihn erschossen hatte, Anfang 2014, wurde allen klar: Es war stets derselbe Mann. Ein Mann, der darauf bedacht war, möglichst keine Spuren zu hinterlassen.

Die Rebellen wussten im ersten Moment nicht, wen sie da im Feuergefecht erschossen hatten. Aber sie wunderten sich: Warum brachte der «Islamische Staat» eine regelrechte Streitmacht von Süden heran, um die Stadt zu stürmen? Warum rückten sie mit mehr als einem Dutzend Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren an? Warum schickten sie einen Selbstmordattentäter vor, der sich am Stadtrand in die Luft sprengte?

Sie hatten den Trupp frühzeitig entdeckt, erwartet und zurückgeschlagen. Aber keiner wusste zunächst, welches Ziel so wertvoll war, dass der IS mit solcher Wucht angriff. Die Leiche des Erschossenen verstauten die Rebellen in einer Kühltruhe.

Bakr steuerte anderthalb Jahre lang die Eroberung Nordsyriens

So endet die Geschichte von Haji Bakr, wie der Mann innerhalb der IS-Miliz hiess. Es ist die Geschichte des wohl einflussreichsten Terror-Strategen der jüngeren Vergangenheit - dem Architekten der Organisation, die in den vergangenen Jahren weite Teile Syriens und des Iraks unter ihre Kontrolle und Terror über viele Tausend Menschen gebracht hat. Es ist die Geschichte des Kopfes hinter dem «Islamischen Staat».

Die Rebellen holten den Leichnam erst wieder hervor, als ein Anführer aus einer anderen Stadt sie alarmierte. Sie legten den leblosen Körper auf eine orangefarbene Wolldecke im tiefgrünen Wintergras - jeder sollte ihn sehen können; jeder sollte sich von seinem Tod überzeugen. Dann verscharrten sie ihn, den Mann mit den vielen Namen, in einem namenlosen Grab.

Sein richtiger Name lautet Samir Abed al-Mohammed al-Khleifawi, einst Oberst im irakischen Militärgeheimdienst mit dem erhöhten Rang einer Generalstabsverwendung. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hatte er im Herzen von Saddam Husseins Geheimdienststaat gelernt, wie man mit einem System aus flächendeckender Überwachung und feindosiertem Schrecken eine Bevölkerung im Griff hält.

Wie sehr er seine Lektionen verinnerlicht, wie geschickt und penibel er geplant hatte, das wurde den Rebellen erst klar, als sie das unscheinbare Haus durchsuchten, in dem Haji Bakr gelebt und von dem aus er anderthalb Jahre lang die Eroberung Nordsyriens gesteuert hatte.

Haus von Haji Bakr: Hier lagen die Pläne für den Eroberungsfeldzug in Syrien. bild: christoph reuter / spiegel

Im Haus fanden sie die Pläne, die die Strategie des IS offenbarten - und anhand derer sich das Vorgehen der Terrororganisation in den vergangenen Jahren en détail rekonstruieren lässt: Wie eine Handvoll aus dem Irak eingesickerter erfahrener Machtübernahme-Profis unter Bakrs Anleitung ihren schleichenden Eroberungszug begonnen und wie der IS zur wichtigsten Terrororganisation der Gegenwart wurde.

Die Papiere liegen dem SPIEGEL vor (hier finden Sie die Dokumente in der aktuellen Ausgabe). Es sind komplexe handschriftliche Aufrisse, manche so umfangreich, dass sie auf mehrere zusammengeklebte Blätter gezeichnet worden waren. «So etwas hatten wir noch nie gesehen», sagte Radwan Qarandel, der örtliche Rebellenführer.

In dem Konvolut findet sich unter anderem Folgendes:

IS-Dokumente: «So etwas hatten wir noch nie gesehen»

Bild: Spiegel

«Hochintelligent, entschlossen, exzellenter Logistiker»

Die Geschichte Haji Bakrs ist weniger die Geschichte eines Ideologen als die eines kühlen Strategen. Er war «absolut kein Islamist», erinnert sich der irakische Journalist und Kenner der Radikalenszene, Hischam al-Haschimi, an den früheren Karriereoffizier, der gemeinsam mit Haschimis Cousin auf der Luftwaffenbasis Habbaniya stationiert gewesen war. «Oberst Samir», wie er ihn nennt, «war hochintelligent, entschlossen und ein exzellenter Logistiker.» Aber als Paul Bremer, der US-Statthalter nach Saddams Sturz in Bagdad, «im Mai 2003 einfach per Dekret die gesamte Armee auflöste, war er arbeitslos und verbittert».

Es begann der lange Weg des nüchternen Geheimdienstprofis, der nichts dem Zufall und schon gar nicht dem Glauben überliess, an die Spitze der schon damals brutalsten Dschihadistengruppe, die als al-Qaida im Irak bekannt wurde. Im Untergrund traf Haji Bakr, wie er sich nun nannte, Abu Mussab al-Sarkawi, den weltweit berüchtigten Drahtzieher zahlloser Selbstmordanschläge auf amerikanische Soldaten, das Uno-Hauptquartier in Bagdad, aber ebenso auf schiitische Heiligtümer und Geistliche.

Für zwei Jahre sass Haji Bakr im amerikanischen Gefangenenlager Camp Bucca und im Gefängnis von Abu Ghuraib, wo viele der späteren Terrorkontakte erst geknüpft wurden. Die US-Besatzer im Irak hatten ein tragisches Talent dafür, sich erst mit der Auflösung der gesamten Armee und dann mit oft wahllosen Massenverhaftungen ihre intelligentesten Feinde selbst zu schaffen und zu vereinen.

Die Intrige um al-Baghdadi

Es dauerte Jahre, bis die kühlen Strategen aus Saddams Geheimdiensten und die islamistischen Fanatiker zusammenkamen. Erst als 2010 der aus al-Qaida im Irak hervorgegangene «Islamische Staat» fast seine gesamte Führungsspitze verlor, war dies der goldene Moment für Haji Bakr: Stets die graue Eminenz im Hintergrund intrigierte er den heutigen «Kalifen» Abu Bakr al-Baghdadi an die Spitze des IS.

Er erzählte den versteckten Anführern je einzeln, dass die anderen schon einverstanden seien. Wer trotzdem noch dagegen war, würde in den folgenden Monaten spurlos verschwinden. So wie ab 2013 im anarchischen Nordsyrien die von Haji Bakrs Spitzel-Kohorten ausgemachten Gegner einer nach dem anderen verschleppt und ermordet würden.

In seinen Plänen, die akribisch umgesetzt wurden und den IS bis 2014 zum Herrscher über ungefähr ein Drittel Syriens machten, tauchte der Islam, ausser in den Eingangsfloskeln, gar nicht auf. Scharia, islamische Gerichtsbarkeit, verordnete Frömmelei - alles war nur Mittel zum Zweck, unterworfen einem einzigen Ziel: die neu gewonnenen Untertanen zum Gehorsam zu zwingen und die enorme Zugkraft des Dschihad, die zu Tausenden aus aller Welt strömenden Radikalen, benutzen zu können.

Selbst für die zwangsweise Bekehrung zum Islam, in seinem Verständnis die sklavische Unterwerfung, verwendet Haji Bakr keinen religiösen, sondern einen technischen Begriff: «Takwin». Er bezeichnet die Implementierung. Ein nüchternes Wort, das sonst in der Geologie oder Bauwissenschaft verwendet wird.

Vor 1200 Jahren allerdings war es schon einmal auf eigentümliche Art berühmt geworden: bei schiitischen Alchemisten als Bezeichnung für die Schaffung künstlichen Lebens. In seinem «Buch der Steine» hatte der Perser Jabir Ibn Hayyan im 9. Jahrhundert von der Erschaffung eines Homunkulus, eines künstlichen Menschen, geschrieben, in Geheimschrift und Codes: «Das Ziel ist es, alle zu täuschen, bis auf jene, die Gott liebt.»

Ob Haji Bakr von dieser lang versunkenen Bedeutung seines Wortes für die Schaffung der Gläubigen wusste? Wahrscheinlich nicht. Aber die alten Geheimdienstler an der Spitze des IS agieren wie Alchemisten der Gegenwart, die aus der Angst der anderen und ihrem nüchternen Machtkalkül den künstlichen Gottesstaat erschaffen wollten.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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