Islamischer Staat (IS)
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Die Terrorbanden des IS in der Defensive: Immer mehr Risse kriegt der Nimbus der Unbesiegbarkeit. Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

Bruderkämpfe und Hunderte, die aus IS-Knast flüchten: Realitätsschock im Kalifat 

Der IS scheint in einer Krise zu stecken: In Syrien sind den Dschihadisten offenbar hundert Häftlinge entwischt, Anhänger bekämpfen sich gegenseitig. Und Anführer Baghdadi kann seine wichtigste Aufgabe nicht erfüllen.

10.03.15, 22:05 10.03.15, 22:20

Raniah Salloum

Ein Artikel von

Schon mehrfach war die Provinzstadt Al-Bab im Norden Syriens Schauplatz neuer Entwicklungen: Im Juli 2012 fiel der Ort an die Opposition - und bald darauf auch weite Teile des Landes. Ein Jahr später scheiterte in Al-Bab das Experiment mit einer Art Räterepublik. Denn der «Islamische Staat» (IS), der sich damals noch ISIS nannte, eroberte die Stadt von den syrischen Rebellen. Seitdem kontrollieren die Dschihadisten Al-Bab nahezu unangefochten. Nur kurz war es syrischen Aufständischen gelungen, die Terrormiliz aus der Stadt zu vertreiben.

Doch nach eineinhalb Jahren Dschihadisten-Herrschaft scheint IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in Al-Bab Probleme zu bekommen:

Fahnenflucht

Mindestens neun IS-Mitglieder sollen am Montag von anderen Kämpfern der Radikalen getötet worden sein. Eine Gruppe Dschihadisten wollte die Stadt verlassen, um in die 30 Kilometer entfernte Türkei zu flüchten. Andere IS-Anhänger konnten sie aufhalten.

Rund 60'000 Einwohner und in der Nähe der Grossstadt Aleppo gelegen: Seit 2013 wird Al-Bab von den IS-Milizen kontrolliert. Bild: STRINGER/REUTERS

Gefängnisausbruch

Am Dienstag sind offenbar knapp hundert Häftlinge ausgebrochen. Die grosse Anzahl legt nahe, dass sie womöglich Hilfe von Insidern bekamen.

Ausgangssperre

Vergangene Woche soll der IS in Al-Bab einen abendlichen Zapfenstreich eingeführt haben, offenbar um die Einwohner besser kontrollieren zu können: Nach 22 Uhr darf sich bis Sonnenaufgang niemand mehr auf der Strasse blicken lassen.

Die Informationen stammen von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), einer Gruppe mit Sitz in Coventry, die ein grosses Kontaktnetz in Syrien hat. Bisher haben sich ihre Angaben immer als zuverlässig erwiesen. Der IS selbst schweigt. Er hat kein Interesse daran, etwas anderes als vermeintliche Erfolgsmeldungen über sich zu verbreiten.

Der IS versucht, Fahnenflucht zu verhindern

Doch nicht nur in Al-Bab, auch in anderen syrischen Orten scheint es innerhalb des «Islamischen Staates» Querelen zu geben. Fahnenflucht ist offenbar ein ernstes Problem für die Terrormiliz: Die SOHR berichtete, dass allein im Oktober, November und Dezember vergangenen Jahres 120 IS-Kämpfer hingerichtet wurden, weil sie versucht hatten zu desertieren. Im Januar führte der IS in Rakka ein Gesetz ein, dass es Männern unter 50 Jahren verbietet, die Stadt zu verlassen - eine ziemlich verzweifelte Massnahme.

Ein irakischer Soldat entfernt im Rahmen der Offensive auf Tikrit eine IS-Fahne: Die Terrormiliz hat zunehmend Mühe, ihre Anhänger mit Erfolgsmeldungen bei Laune zu halten. Bild: THAIER AL-SUDANI/REUTERS

Die US-Zeitung «Wall Street Journal» befragte vergangene Woche vier frisch desertierte IS-Anhänger. Sie berichteten über Korruption und Neid innerhalb der Organisation: Ausländische Kämpfer erhielten oft bessere Unterkünfte und höhere Gehälter als einheimische. Bleiben zudem die militärischen Erfolge aus, fehlt es an Beute, um die Kämpfer bei Laune zu halten.

Die Deserteure zeigten sich schockiert über die Brutalität der Miliz. Viele IS-Sympathisanten halten Berichte über die Hinrichtung von Unschuldigen für Propaganda - bis sie selbst Augenzeuge davon sind. Ähnlich erging es Ende der Nullerjahre bereits Al-Qaida im Irak, einem IS-Vorläufer: Sie konnte anfangs grossen Zulauf verzeichnen, bevor sie mit ihrer Grausamkeit viele Unterstützer wieder verprellte.

Dem Kalifen wird seine eigene Ideologie zum Verhängnis

Als grösstes Problem könnte sich für den IS ausgerechnet seine Ideologie erweisen. Einerseits macht sie die Stärke der Gruppe aus: Ihr Anführer Baghdadi verspricht mit seinem «Projekt Kalifat» eine Utopie für alle «echten» Muslime, unabhängig von Nationalität und Ethnie, sofort und für jeden greifbar. Tausende ausländische Unterstützer hat Baghdadi auf diese Weise angelockt.

Andererseits macht aber die Realität den Kalifen angreifbar: Jeder sieht sofort, wenn es anders als geplant läuft. Der IS ist zwar eine reiche Miliz. Doch für einen funktionierenden Staat ist er zu arm. Mit dem Regieren klappt es deshalb nicht wie gewünscht: Den Radikalen laufen die Fachkräfte davon.

Nimbus der Unbesiegbarkeit zerstört

Vor allem hat der IS-Chef ein expandierendes Kalifat versprochen. Es ist seine Aufgabe, den vermeintlich wahren Islam zu verbreiten. Im Irak und in Syrien hat die Gruppe ihren Zenit offenbar überschritten, kassiert eine Niederlage nach der anderen. Der Nimbus der unbesiegbaren IS-Kämpfer ist dahin.

Nun soll es die Expansion in andere Regionen richten. Baghdadi hat mehrere Länder zu neuen IS-Provinzen erklärt. Doch eigentlich spielt die irakisch-syrische Region in der Ideologie der Miliz die zentrale Rolle. Mit seiner weltweiten Ableger-Strategie droht Baghdadi sich zu verzetteln und die Gruppe in ihrer Kernregion weiter zu schwächen.

Zusammengefasst: Der Islamische Staat in der Krise: Kämpfer desertieren, Gefangene können flüchten. Die Realität macht Anführer Baghdadi in seinem Kalifat zu schaffen - der Nimbus der unbesiegbaren Kämpfer ist dahin.

Islamisten zerstören Kulturgüter

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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Hören wir auf, dem Westen die Schuld an allen Problemen in Nahost zu geben

Zahlreiche Beobachter aber auch Orientalisten stellen sich auf den Standpunkt, dass die Würzel allen Übels im Nahen Osten in den Interventionen des Westens seit dem Ersten Weltkrieg liegen und sich letztlich immer alles ums Erdöl dreht. Das ist historisch falsch und für die aktuellen Probleme wenig zielführend.

Für den Flüchtlingsstrom aus Syrien und dem Irak gibt es laut dem deutschen Orientalisten Michael Lüders eine Erklärung: Der Westen ist selbst schuld. Indem er sich seit Jahrzehnten immer wieder politisch und militärisch einmischt, hat er die Region nachhaltig zerrüttet. Früher die europäischen Kolonialmächte, heute vor allem die USA. Stellvertretend für diese Haltung der Kommentar eines watson-Users:

Dazu sieben gängige Thesen, entsprechend sieben Gegenthesen und eine deprimierende Konklusion:

Mal …

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