Islamischer Staat (IS)

F-16-Kampfjets bilden das Rückgrat der amerikanischen Luftwaffe (Archivbild). Bild: PICHI CHUANG/REUTERS

Sieben Fakten

50 Ziele bombardiert – Was hat der US-Luftangriff gebracht?

Die USA und arabische Verbündete haben erstmals Angriffe auf Islamisten in Syrien geflogen und mehr als 50 Ziele bombardiert. Lassen sich die Milizen davon beeindrucken? Eine erste Bilanz. 

23.09.14, 13:12 23.09.14, 14:15

raniah salloum / spiegel online

Ein Artikel von

Die Luftschläge begannen in der Nacht von Montag auf Dienstag, kurz nach 4 Uhr morgens Ortszeit. Mit einer gezielten Aktion haben die USA den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auch auf Syrien ausgeweitet. Gemeinsam mit arabischen Verbündeten sollen mindestens 50 Ziele bombardiert worden sein. 

Marschflugkörper, Bomber und auch Tarnkappenjets des Typs F-22 Raptor kamen zum Einsatz, die als teuerste Jagdflieger der US-Luftwaffe gelten. Zuvor hatten die USA wochenlang mit Drohnen die IS-Stützpunkte in Syrien ausgekundschaftet. 

Amerikanische F/A-18 vor dem Angriff auf IS-Stellungen. Bild: EPA/US NAVY

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was wurde getroffen?

In den vom IS kontrollierten Städten wurden die Hauptquartiere der Miliz zerstört: in Rakka, gewissermassen der Hauptstadt des Islamischen Staates, sowie in den Grenzstädten Tel Abiad und al-Bukamal. Zudem wurden Checkpoints der Miliz in der Provinz Deir Essor getroffen. Die vom IS eroberten syrischen Militärbasen in Ain Issa und Tabaka wurden beschossen, um die dort erbeuteten Waffen – Dutzende Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Haubitzen und Panzerabwehrkanonen – zu zerstören. Auch Vororte von Aleppo wurden bombardiert. Dabei sollen nach Angaben der Gruppe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die als zuverlässig gilt, nicht nur IS-Ziele attackiert worden sein, sondern auch Stützpunkte der radikalislamistischen Nusra-Front. Diese wird von den USA als Terrororganisation eingestuft. Sie entstand ursprünglich als Ableger des IS, hatte sich dann aber mit der Miliz überworfen. Sie kooperiert und rivalisiert nun abwechselnd mit dem IS. 

Wurden hochrangige IS-Mitglieder getötet?

Das ist eher unwahrscheinlich, denn die Miliz hatte wochenlang Zeit, sich auf die US-Luftangriffe vorzubereiten und ihre Kommandozentralen in Rakka und anderen Städten zu evakuieren. Die in Rakka bombardierten IS-Stützpunkte sind leicht zu erkennen: Die Miliz hat sie schwarz angemalt und ihre Flagge gehisst. Seit der US-Angriffswarnung bevorzugen IS-Obere, sich an unauffälligeren Orten aufzuhalten und sich zwischen Zivilisten zu verstecken. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen bei der massiven Angriffswelle insgesamt rund zehn IS-Kämpfer ums Leben sowie sieben Kämpfer der mit IS rivalisierenden Nusra-Front. 

Ein Zerstörer der amerikanischen Marine schiesst während einer Übung Marschflugkörper ab (Archivbild). Bild: EPA/DOD

Gab es zivile Opfer?

Laut den syrischen Menschenrechtlern kamen keine Zivilisten bei den Angriffen auf IS-Stützpunkte ums Leben, allerdings sollen bei den Attacken auf Positionen der Nusra-Front in Aleppo und Umgebung acht Zivilisten getötet worden sein. 

Welche Länder waren daran beteiligt?

Ausser den USA haben mehrere arabische Staaten die Angriffswelle mit Kampfjets unterstützt: Jordanien, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch Katar soll an den Angriffen beteiligt gewesen sein. Frankreich, das im Irak Angriffe fliegt, lehnte eine Beteiligung in Syrien ab. Grossbritannien zögert noch. 

Wusste Assad Bescheid?

Die syrische Regierung wurde nicht vorher um Erlaubnis gefragt. Die syrischen Staatsmedien behaupten jedoch das Gegenteil, um Assad eine Blamage zu ersparen, denn zuvor hatte Damaskus noch grossspurig verkündet, man würde Angriffe ohne Erlaubnis als Aggression gegen Syrien werten. Nach syrischen Angaben hat Damaskus immerhin ein paar Stunden vorher von dem baldigen Beginn des Angriffs erfahren – aus einem Brief, den US-Aussenminister John Kerry dem irakischen Aussenminister übergeben haben soll. 

Wird der IS-Vormarsch so gestoppt?

Fahrzeugkonvoi des Islamischen Staates nahe Anbar, Irak.  Bild: AP/militant website

So lange nicht klar ist, ob die Angriffe nun weitergehen, dürfte die Miliz sich vorerst bedeckt halten. Allerdings dürfte allein durch Luftangriffe der IS kaum aufzuhalten sein. Wer für die USA am Boden den IS in Syrien bekämpfen soll, ist bisher unklar. Im Irak hat sich bisher trotz der massiven Luftangriffe das Blatt noch nicht gewendet. Dort kämpfen die Kurden, die irakische Armee und schiitische Milizen gegen den IS. Allerdings verschwinden dadurch nicht die Ursachen – die Ausgrenzung, Verelendung und der brutale Bürgerkrieg – die manche Syrer und Iraker dem IS zutreiben. 

Wird sich der IS nun rächen?

Das ist sehr wahrscheinlich. Die Miliz hat den Luftangriffen nichts entgegenzusetzen, aber sie kann auf anderem Weg zurückschlagen. Denkbar ist, dass der IS Syrer oder Iraker tötet, die er für Spitzel im Auftrag der Amerikaner hält. Auch an den vom IS entführten westlichen Geiseln könnte die Miliz Rache nehmen. Vorstellbar ist, dass andere Gruppen oder Einzelpersonen im Namen des IS aktiv werden – wie vor kurzem in Australien und nun in Algerien. Besonders Staatsbürger der an der Koalition gegen den IS beteiligten Länder könnten ins Visier geraten, also auch Deutsche. Deutschland liefert den irakischen Kurden Waffen und bildet diese im Kampf gegen die Extremisten aus.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 23.09.2014 13:34
    Highlight Assad hat den Krieg bis jetzt nicht durch eigene Anstrengung überlebt. Dafür sind Putin und Khamenei verantwortlich die Assad mit Waffen unterstützen.
    Assad stützt sich auf ca. 10% der Bevölkerung. Die Mehrheit im Nahen Osten sind Sunniten. Assads Armee ist ausgeblutet und er kann seine toten Kämpfer nicht mehr ersetzen. Was jetzt mit den Luftschlägen beginnt, ist ein Prozess der einige Jahre dauern wird, damit, wenn die IS zurück weicht, es nicht andere Extremisten gibt die dieses entstandene Vacuum besetzen können.
    2 2 Melden
    • sewi 23.09.2014 16:02
      Highlight Assad ist schlau. Er hat die IS kaum selbst angegriffen, vielmehr zugeschaut wie diese andere Aufständische zurückbinden. Jetzt bombardieren die Amerikaner. Ich bin überzeugt dass die syrische Armee zerbombte Checkpoints und Stützpunkte so kampflos wird zurücknehmen können.
      2 1 Melden

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