Islamischer Staat (IS)

IS-Hauptstadt Rakka

Bomben im Minutentakt

US-Luftwaffe bläst zum Angriff auf die IS-Hauptstadt Rakka

Die USA weiten ihre Luftangriffe gegen den IS aus. Sie bombardieren die Terrormiliz nun auch in Rakka. So wollen die Amerikaner den Nachschub der Islamisten ins noch immer umkämpfte Kobane stoppen. 

01.12.14, 18:44

Raniah Salloum / Spiegel Online

Ein Artikel von

Für die Menschen in Rakka ist es nur schwer zu ertragen: Jeden Tag hören sie mehrere Dutzend Male am Tag das Dröhnen der Kampfjets und kurz darauf das Beben, wenn wieder eine Bombe abgeworfen wurde. Und jedes Mal hoffen sie, dass es niemanden traf, den sie kannten. 

Die Stadt im Osten Syriens steht plötzlich im Mittelpunkt des Luftkriegs gegen den «Islamischen Staat» (IS). Am Wochenende schlugen nach Angaben mehrerer syrischen Aktivistengruppen innerhalb von nur 24 Stunden mindestens 30 US-Luftattacken in Rakka ein. Auch mehrere Tomahawk-Raketen sollen eingesetzt worden sein. 

Gegen keine andere Stadt ist das amerikanische Militär im Kampf gegen die Terrormiliz bisher so massiv vorgegangen. Selbst auf das umkämpfte Kobane (Arabisch: Ain al-Arab) flogen die USA bisher höchstens rund ein Dutzend Angriffe pro Tag. 

Warum ist Rakka so wichtig? 

Bild: Raqa Media Center

Der IS hat Rakka hat zu seiner Hauptstadt erklärt. Es war der erste grössere Ort, den die Radikalen von anderen Rebellentruppen eroberten. Historisch betrachtet war Rakka kurzzeitig Hauptstadt des Kalifats der Abbasiden, die zwischen dem 8. und 16. Jahrhundert herrschten. Von deren Glanz wollen die Radikalen offenbar profitieren. 

Rakka liegt zwischen den IS-Gebieten in Nordsyrien und im Westirak. Die Stadt ist ein Logistik-Knotenpunkt der Terrormiliz. Verlagert der IS Waffen und Truppen zwischen beiden Ländern, machen die Extremisten oft in Rakka Zwischenstation. 

Kurz vor Beginn der US-Bombenflüge war in Dschihadisten-Kanälen in sozialen Medien zu lesen, aus dem Irak seien gerade hunderte IS-Kämpfer in Rakka eingetroffen. Sie sollten von dort aus weiter in den Norden verlegt werden – Nachschub also für die IS-Front in Kobane

Galten die US-Angriffe dieser Verstärkungstruppe? 

Dafür spricht einiges. Das US-Verteidigungsministerium hat seine Ziele bisher noch nicht veröffentlicht. Doch syrische Aktivisten berichten, dass viele IS-Kämpfer getroffen wurden – unter anderem auf einer Militärbasis in Rakka, die die Radikalen im Juli von der syrischen Armee eroberten. Über möglicherweise getötete Zivilisten gibt es noch keine Angaben. 

Im seit Monaten umkämpften Kobane haben die Islamisten hohe Verluste erlitten. Der IS verschweigt dies gerne. Doch syrische Menschenrechtler vermelden immer wieder Dutzende getötete Dschihadisten. Diese Einschätzung teilen die USA. 

«Der Islamische Staat hat sich in Kobane selbst aufgespiesst», sagte jüngst der amerikanische Ex-General John Allen. Er koordiniert die internationale Koalition gegen den IS. Allen schätzte, dass in der syrischen Grenzstadt bereits rund 600 IS-Kämpfer durch US-Luftschläge ums Leben gekommen seien. «Wenn man viele Kämpfer auf einmal aufbietet, schafft man auch Zielscheiben», erläuterte Allen. 

Seit Beginn der US-Luftanschläge gegen den IS sind die Radikalen abgetaucht, verhalten sich in der Öffentlichkeit unauffälliger. Daher schlagen die USA inzwischen fast nur noch dann zu, wenn Gruppen von Kämpfern mit ihren Waffen in Bewegung und damit leichter zu identifizieren sind. 

Solche Konvois werden als «Pop-Up-Ziele» bezeichnet. Die Luftschläge dagegen erfolgen kurzfristig. In Syrien gelten 75 Prozent der internationalen Attacken solchen «Pop-Up-Zielen», im Irak sogar 95 Prozent, berichteten amerikanische Militärs der Zeitung «New York Times». 

Und was macht Assad in Rakka? 

Das syrische Regime um Diktator Baschar al-Assad hat seine Luftangriffe auf Rakka ebenfalls verstärkt. Anders als die USA unterscheidet es aber nicht zwischen Zivilisten und Militärs. Häufig werden Zivilisten sogar absichtlich ins Visier genommen. Wer in von der Opposition kontrollierten Gebieten lebt, gilt als selbst schuld. 

Im vergangenen Monat kamen durch syrische Bombenangriffe über 500 Zivilisten ums Leben, und rund 1500 wurden verletzt, schätzt die «Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte». Das Netzwerk von Aktivisten und Menschenrechtlern hat sich in den vergangenen Jahren, wo nachprüfbar, als zuverlässig erwiesen. 

Noch immer leben schätzungsweise rund 200'000 Zivilisten in Rakka. Für sie ist es eine furchtbare Situation. «Die syrische und amerikanische Luftwaffe wechseln sich ab», berichtet ein syrischer Aktivist aus der Stadt. «Morgens bombardiert Damaskus, nachts bombardieren die Amerikaner.» 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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