Israel
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FILE - In this Thursday, June 19, 2014 file photo, an Israeli soldier walks on a street in a market, while troops attempt to obtain security camera footage, during a search for three missing Israeli teens believed to have been abducted June 12, 2014, while scouring the West Bank city of Hebron. Thousands of Israeli soldiers have been combing the West Bank inch by inch, searching homes, crawling into caves and even pumping wells to try to find three teens who Israel says were abducted by the Islamic militant Hamas. Palestinian officials say the sweep is boosting the Islamic militants' popularity at the expense of Western-backed Palestinian President Mahmoud Abbas. (AP Photo/Majdi Mohammed, File)

Israelischer Soldat in Hebron: Seit Tagen sucht die Armee nach den vermissten Jugendlichen. Bild: Majdi Mohammed/AP/KEYSTONE

Suche nach israelischen Teenagern

Die abgeriegelte Stadt

Auf der Suche nach drei Teenagern durchkämmt die israelische Armee das Westjordanland. Ein ganzes Volk steht unter Generalverdacht. Fünf Palästinenser wurden bereits erschossen – «versehentlich», sagt Premier Netanjahu.

24.06.14, 18:37 24.06.14, 18:59

Raniah Salloum, Hebron / Spiegel Online

Ein Artikel von

Schadi, 31, graublaue Augen, hellbrauner drei-Tage-Bart, hat sein Haus seit zwei Wochen kaum verlassen. Er hockt auf einem abgewetzten Ledersessel im Wohnzimmer, sein weisses T-Shirt spannt sich über den Bauchansatz. Vor ihm steht ein Glas mit süssem schwarzem Tee. Was er mit sich anfangen soll, weiss Schadi nicht so recht. 

Normalerweise verdingt sich der Palästinenser als Fremdenführer oder verkauft den Touristen in Hebron bunte Schals. Doch nun bleiben selbst die letzten verbliebenen Besucher aus. Das Leben in der ganzen Stadt, im alten wie im neuen Teil, ist zum Erliegen gekommen. Kaum jemand lässt sich auf den Strassen noch blicken. Keine Gäste, aber auch die Einheimischen bleiben lieber zu Hause. 

Schwer bewaffnete israelische Soldaten patrouillieren durch die Stadt. Erblicken sie junge Männer wie Schadi, gehen sie in Stellung und wollen Papiere sehen. 

Seit zwei Wochen tobt im Westjordanland ein Grosseinsatz des israelischen Militärs: Tausende Häuser wurden bereits durchsucht, meist in nächtlichen Razzien. Über 300 Palästinenser, fast alle von ihnen Hamas-Sympathisanten, wurden festgenommen. Fünf Palästinenser sind bereits erschossen worden – «versehentlich», sagt Israels Premierminister Benjamin Netanjahu

Auf den Strassen nach Hebron haben die israelischen Soldaten Checkpoints errichtet. Passanten werden kontrolliert, egal ob sie in «Zone A» unter palästinensischer Verwaltung oder «Zone C» unter israelischer Hoheit wollen. Wer aus Hebron stammt, darf nicht mehr heraus. Viele von Schadis Freunden arbeiten auf Baustellen für israelische Siedlungen. Seit zwei Wochen können sie nicht mehr zur Arbeit. 

Palästinensische Polizisten (oben) knipsen Fotos von den israelischen Soldaten im Vordergrund.  Bild: AP/AP

«Das ist doch alles eine Lüge. Es gibt keine Entführung, das ist alles nur israelische Politik.»

Schadi, Palästinenser aus Hebron

Netanjahu bestraft kollektiv ein ganzes Volk

Kollektiv lässt Israels Premier ein ganzes Volk bestrafen. Er hat den Grosseinsatz angeordnet, nachdem am 12. Juni drei israelische Teenager beim Trampen im Westjordanland verschwanden. Netanjahu bezichtigt die palästinensische Hamas, die Jungen entführt zu haben. Diese bestreitet den Vorwurf. 

Mahmud Abbas, Präsident der Palästinenser, hat Jerusalem sein Mitgefühl ausgesprochen. Seine Sicherheitskräfte kooperieren bei der Suche. Damit zieht er sich den Ärger seiner Bürger zu. Denn die meisten Palästinenser sehen den Fall zynisch. 

«Das ist doch alles eine Lüge. Es gibt keine Entführung, das ist alles nur israelische Politik», sagt Schadi. Er glaubt, dass Netanjahu den Fall instrumentalisiert, um einen Keil zu treiben zwischen die Hamas und Abbas' Fatah, nachdem die sich zum Ärger der israelischen Regierung gerade zusammenrauften

Ärger mit Israel ist für viele hier nichts Neues. In Hebron geraten jüdische Siedler und Palästinenser täglich aneinander. In der Altstadt wird um Häuser gestritten. Dort liegt die Höhle der Patriarchen, das Grab Abrahams, Isaaks und Jakobs, ein Heiligtum von Juden, Christen wie Muslimen. Wenn man bei Schadi im Wohnzimmer sitzt, hört man den jüdischen Nachbarsjungen beim Basketballspiel, so nah sind sich die Konfliktparteien. 

Die Palästinenser fühlen sich von Abbas im Stich gelassen

Bitter enttäuscht ist Schadi jedoch nur von Abbas. Am Sonntag hatte es in Ramallah bereits eine Demonstration gegen die Autonomiebehörde gegeben. Daraufhin schossen palästinensische Polizisten auf Palästinenser, für alle in den Fernsehnachrichten zu sehen. Es ist das Aufregerthema, das jeder Palästinenser sofort erwähnt. 

«Wozu habt ihr Waffen?», schimpft Schadi über die Sicherheitskräfte der Autonomiebehörde. «Israel macht uns Probleme, und ihr schiesst auf uns!» Er redet sich in Rage, schimpft über die Korruption der Fatah-Bewegung und ihren autoritären Stil. Der Frust über Abbas gärt im Westjordanland schon länger. Wegen seiner Wutrede bittet Schadi denn auch, seinen Nachnamen nicht zu zitieren. Er hat Angst vor möglicher Bestrafung durch die Autonomiebehörde. 

Ein paar Strassenecken weiter macht Said al-Awawi, 25, kurze schwarze Haare, gefälschtes Designer-T-Shirt, nach Abbas gefragt, nur eine Geste, die Erbrechen signalisiert. Er möchte den Namen nicht aussprechen und sagt nur: «Ich will einen Präsidenten, der stark ist, keinen Schwächling.» 

Awawi kommt gerade frisch aus dem Gefängnis. Während der Razzien wurde er für 24 Stunden festgehalten. Sein 17-jähriger Bruder ist noch in Haft. Wie lange, weiss keiner. Der Teenager sitzt in sogenannter Verwaltungshaft ohne Prozess. Said al-Awawi kann nicht so genau sagen, warum er einen Tag lang festgehalten wurde. «Keine Ahnung, ich glaube, es hat etwas mit den drei verschwunden Teenagern zu tun», sagt er. «Sie haben mich immer gefragt, wo sie sind.» Awawi fügt hinzu, dass er schon häufig in Haft war. Meist wegen Steinwürfen. Stolz bezeichnet er sich als Unruhestifter. 

Irgendwo in der Hügellandschaft zwischen Hebron und Bethlehem werden die drei verschwundenen jüdischen Teenager vermutet. Seit zwei Wochen durchkämmt die israelische Armee das Gelände, bisher erfolglos. Bild: Reuters

«Die Stimmung bei uns ist angespannt, misstrauisch. Viele sind nervös und frustriert, dass die Jungs noch immer nicht gefunden wurden.»

Bruce Brill, israelischer Siedler in Hebron

Palästinensische Arbeiter bleiben weg

Die andere Seite: Bruce Brill, 66, lebt in einer Nachbarsiedlung und gibt bereitwillig Auskunft über die Gefühlslage unter den Siedlern. «Die Stimmung bei uns ist angespannt, misstrauisch. Viele sind nervös und frustriert, dass die Jungs noch immer nicht gefunden wurden», sagt er. «Wir stehen alle hinter dem Vorgehen der Regierung.» Von liberaler israelischer Seite wird der Einsatz heftig kritisiert. 

Brill ist kein besonders extremer Siedler. Er sagt: «Ich höre Dinge wie ‹wir sollten jeden Tag einen dieser Mörder erschiessen, bis die Jungs zurückgebracht werden› – dafür bin ich nicht.» Doch er wünscht sich, dass Palästinenser, die Israelis ermordet haben, in Zukunft zum Tode verurteilt werden. Niemals dürften sie wieder im Gefangenenaustausch freikommen. «Das begünstigt nur solche Entführungen.» 

Der Siedler steht vor einer Baustelle – ein Kindergarten soll auf dem Hügel entstehen. Doch alles ist in Verzug geraten, denn die palästinensischen Bauarbeiter durften während der Razzien ihre Dörfer nicht verlassen. «Meine Arbeiter haben eine Woche Arbeit verloren. Und wir reden nicht nur von den zehn, die ich beaufsichtige – wir reden hier bei uns von rund 5000 Arbeitern!», klagt Brill. «Das sind alles gute Männer, die haben so etwas nicht verdient.» 



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