Italien
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FILE -- In this file photo taken on Jan. 23, 2014, the Costa Concordia cruise liner lies in the waters of the Giglio Island, Italy. The last major stage of work has begun to ready the shipwrecked Costa Concordia cruise liner for removal to land for scrapping. On Monday, April 28, 2014, a first tank — the biggest and heaviest of 19 — was fastened to the starboard side. The tanks will be filled with water to help stabilize the Concordia, now resting on an artificial seabed after a daring engineering operation set it upright in September. Eventually, the tanks will be drained and function like giant water wings to help float away the Concordia. (AP Photo/Luigi Navarra)

«Costa Concordia» (Januar 2014): Verschrottung offenbar in Genua geplant. Bild: Luigi Navarra/AP/KEYSTONE

Havariertes Kreuzfahrtschiff

Die letzte Fahrt der «Costa Concordia»

Umweltschützer schlagen Alarm: Maritime Naturparadiese seien bedroht, wenn das vor der Insel Giglio gekenterte Kreuzfahrtschiff zum Abwracken nach Genua geschleppt wird. Dort aber hofft man auf ein Millionengeschäft.

16.06.14, 16:57

Hans-Jürgen Schlamp / Spiegel Online

Ein Artikel von

Die Katastrophe ist, so scheint es, zur Normalität geworden. Am 13. Januar 2012 war das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» nach abenteuerlichen Manövern vor der kleinen toskanischen Insel Giglio gegen einen Felsen geprallt, leckgeschlagen und gekentert. 32 Menschen starben.

Seither haben Spezialisten das Wrack aufgerichtet, Rost und Wetter haben den einst weiss leuchtenden Schiffskörper verdunkelt, die Touristen schaudern nicht mehr, sie geniessen den Strand, der gerade wieder als besonders schön und sauber ausgezeichnet worden ist.

Nur Giglio-Bürgermeister Sergio Ortelli fordert permanent und vehement, den 290 Meter langen Koloss endlich abzuräumen, damit die Insel wieder «zu ihrer einstigen Heiterkeit» zurückfinden könne.

Und tatsächlich, im September, nach zweieinhalb Jahren, soll die «Costa Concordia» auf ihre letzte Fahrt gehen und von vier Schleppern bis nach Genua gezogen werden.

Gift im Bauch

Ob es tatsächlich so kommt, ist allerdings unsicher. Umweltschützer protestieren: Reinigungsmittel seien in die Schiffs-Tanks gepumpt worden und in erheblichen Mengen auch dort zurückgeblieben. Dazu seien Kohlenwasserstoffe, Schwermetalle, Säuren zu vermuten.

Die Fahrt wird durch hochgeschützte Naturreservate führen. Ausgerechnet dort, sagt Fulco Pratesi, Gründer des italienischen WWF (World Wildlife Fund), werde es diese bedrohliche Mischung verlieren und verteilen – weil das Schiffswrack eben nicht dicht sei.

Nein, wiegelt die Reederei ab, Simulationen hätten ergeben, dass die potentielle Verschmutzung «nicht signifikant» sei.

Aber das reicht den Kritikern bei weitem nicht. Solange man nicht exakt wisse, was genau im Bauch des Schiffes sei, wie viel davon austreten könne und welche Effekte das hätte, fordert auch Sebastiano Venneri von der Umweltorganisation Legambiente, dürfe die «Costa Concordia» nicht ablegen.

Wale und Delphine in Gefahr

In der Tat geht die geplant Route durch höchst sensible Ökosysteme vor der toskanischen und ligurischen Küste. Dort sind Seehechte, Wale und Delphine zuhause. Die könnten nicht nur akut sondern auch langfristig Schaden nehmen, fürchtet der Meeresbiologe Francesco Cinelli. Wenn das Gift aus dem Bauch des Kreuzfahrt-Wracks die Bestände an Krill und kleinen Meerestieren abtöte, ginge den Walen ihre Nahrung aus.

Bild: Andrew Medichini/AP/KEYSTONE

Die Umweltschützer plädieren deshalb nicht nur für genaue Kontrollen vor der Abfahrt des problematischen Schiff-Relikts sondern auch für einen anderen Zielhafen. Statt, wie geplant, fünf Tage lang bis zum 200 Seemeilen entfernten Genua zu schippern, wollen sie die Reise schon im nahe gelegenen Hafen von Piombino enden lassen. Je kürzer die Fahrt, desto kleiner das Risiko, argumentiert Biologie-Professor Cinelli.

Lokalpolitiker fordern das schon immer. Die Toskana habe den Schaden der Katastrophe getragen, jetzt müsse auch der ökonomische Vorteil in der Region bleiben, argumentieren sie. Tatsächlich ist die Zerlegung und Verschrottung des Giganten nämlich ein lukrativer Auftrag. Etwa ein Dutzend Häfen haben sich darum bemüht. Das billigste Angebot, knapp 60 Millionen Euro, kam aus der Türkei. Das wurde von Italiens Politik gleich vom Tisch gewischt – viel zu weit weg, viel zu gefährlich.

Beinahe das Doppelte, nämlich 110 Millionen Euro veranschlagten dagegen die Hafen-Manager aus dem toskanischen Piombino. Der Auftrag wäre nicht nur ein Segen für den Hafen, er brächte auch dringend erhoffte Arbeit für das nahegelegene Stahlwerk, in dem derzeit Massenentlassungen anstehen.

Das Problem dabei ist nur: Der Hafen ist bislang gar nicht in der Lage, das Dickschiff aufzunehmen. Entsprechende Bauarbeiten wurden zwar begonnen, sind aber längst nicht abgeschlossen. Dazu kommt, dass die Konkurrenz in Genua für den Job gut 10 Millionen Euro weniger fordert. Für die Reederei, die zahlen muss, ist das nicht uninteressant.

Und überhaupt, sagen die Genua-Befürworter, sei die umstrittene Route gar nicht so paradiesisch, wie die Umweltschützer sie präsentierten. Die Passage zwischen Korsika und der Toskana-Insel Capraia gehöre nämlich laut einer Studie der EU-Agentur für Maritime Sicherheit, EMSA, zu einer der problematischsten Seewege rund um Italien. Grund sei der überaus starke Verkehr von Öltankern, die offenbar regelmässig eine Giftspur hinter sich lassen.

Was wohl heissen soll: Wenn das Paradies ohnehin schon verschmutzt ist, kommt es auf ein paar Tonnen Gift mehr auch nicht an.



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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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