Jugend
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Sie hassen und sie schneiden sich: Die traurige Welt depressiver Teenager auf Instagram und Tumblr

Wir haben uns entschieden, diesen Artikel nicht mit Bildern zu illustrieren, sondern mit Musik, die wir von watson hören, wenn uns die Melancholie überfällt.



Als ich ein Frühteenager war, ging ein Lieblingsspiel unter Freundinnen so: Wir standen zu dritt an einem verwunschenen Weiher im Wald und malten uns aus, wie wir als Wasserleichen aussehen würden. Sehr, sehr schön. Bleich, im Wasser schwebendes Haar. Im Wasser schwebende Prinzessinnenkleider. Der Grund des Weihers ganz aus Kristall oder Rosen. An den Füssen selbstverständlich Ballettschuhe. Ein Bild wie aus einer Mangamädchen-Fantasie, ausser, dass wir damals Manga nicht kannten. Höchstens als «Heidi».

Als ich ein Teenager und sowieso sehr oft traurig war, ging eine meiner Lieblingsbeschäftigungen so: Ich sass allein im Zimmer, zog die Vorhänge zu und meditierte über Selbstmord. Stunden-, tagelang. Über Todesarten. Erhängen. Die Pulsadern aufschneiden. Tabletten schlucken. Ich sammelte Tabletten – und vergass sie, bis zu dem Tag, als sie meiner erschreckten Mutter in die Hände fielen. Ich ritzte mir genau ein einziges Mal ganz leicht das Handgelenk – und entschuldigte jeden weiteren Versuch mit meiner Wehleidigkeit. Es war ein makabres Spiel, aber ein Spiel.

Thomas D. und Nina Hagen – «Solo»

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YouTube/HolgerHR

Agnes Obel – «Riverside»

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YouTube/piasrecordings

Ich würde meinen, ich war ein ganz normaler Teenager. Und ich bin froh, dass es zu meiner wirrsten Zeit im Leben noch kein Internet gab. Zu jener Zeit, da alles auf mich einstürmte: Begehren, Liebe, Zukunftsängste, überhaupt die ganze Metamorphose von einem Kind zu einem irgendwann mal erwachsenen Menschen. All die hormonell induzierten Glücks- und Verzweiflungsschübe, die Identitätsverschiebungen. Die Zeit, die über junge Menschen geht wie ein anhaltender Sturm, gegen den sich keiner wehren kann. Die Zeit der Träume, der Tränen und der traurigen Musik.

Peter Gabriel – «My Body Is a Cage»

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YouTube/Brutus1Buckeye

Hätte es zu meiner Zeit das Internet im Alltag schon gegeben, ich wäre eins der schwer depressiven Hashtag-Mädchen geworden und wäre vollkommen versackt. #depressive, #suicide, #sad. Auf Instagram gehen ihre Beiträge in die Millionen. 4,6 Millionen verstecken sich unter #suicide, 4,3 Millionen unter #depressed, 5,7 Millionen unter #cut, 7,6 Millionen unter #depression, über 16 Millionen unter #sad.

Wie einsame Hunde suchen sie nach einer gescheiterten Liebe nach einem kleinen Rest von sich selbst.

Traurige Bilder von qualvoll geritzten Körperteilen finden sich da – Arme, Oberschenkel, Rücken. «My battlescars», meine Kriegsverletzungen, nennen die jungen Selbstverletzer das. Klickt man auf einen der Hashtags, warnt Instagram: «These posts may contain graphic content.» Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO verletzt sich heute jeder fünfte (britische) Teenager selbst. Schneidet, verbrennt oder beisst sich mit Absicht. Magersucht wird nicht zu den Selbstverletzungen gezählt, geht aber oft damit einher.

Moonface – «City Wrecker»

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YouTube/MoonfaceVEVO

Gary Jules – «Mad World»

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YouTube/Solrac Etnevic

Wem die Qual auf Instagram nicht tief genug geht, sucht auf Tumblr weiter, sagen die Betroffenen. Sie seien dort unter sich. «Alles okay? Bei Krisensituationen aller Art hat die Telefonseelsorge immer ein offenes Ohr», teilt mir Tumblr mit, als ich «depression» eingebe.

Ich klicke die Suchresultate an. Die User nennen sich «masochistic-sociopath», «red-paintedwrists», «unspokendarknessinside», «kill-me-softly-please», «depresseddarkdoll», «br-o-ken-poetry», «myblissfulsuicide». Alle fühlen sich allein, viele sind unglücklich verliebt, ausgesetzt auf dem Scherbenhaufen des Herzens, wo sie wie einsame Hunde nach einem kleinen Rest von sich selbst suchen. Sie glauben alle nicht an Heilung, sie wünschen sich, tot zu sein. Dies ist kein Traum, dies ist ein Alptraum.

Herbert Grönemeyer – «Der Weg»

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YouTube/GroenemeyerVEVO

Frittenbude – «Bilder mit Katze»

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YouTube/Audiolith

Wie schlecht fühlt sich jemand, der nach der Teilnahme von Tausenden schreit, aber nur 15 Likes kriegt?

Bei einigen Beiträgen wurde sehr oft das magische «Mag ich»-Herzchen angeklickt. Bei einigen oft. Bei andern fast nie. Wie schlecht fühlen sich wohl die schlechter Gemochten? Der blinkende Aufschrei «I wish I was dead» wurde 229 Mal gemocht. Das Bild eines frisch mit fünfzig Schnitten malträtierten, noch blutenden Arms bloss 15 Mal. Wie brutal muss das sein? Man schreit nach der Teilnahme von Tausenden, doch es reagieren nur fünfzehn?

Sinead O'Connor – «Gloomy Sunday»

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YouTube/Michou berlin

Es ist das Gegenteil von Cyberbullying. Es handelt sich vielmehr um eine Form von Cyberneglect. Vernachlässigung. Geshartes Leid ist niemals halbes, sondern potenziertes Leid.

Help Lines bieten auf Seiten, die besonders schwarze Löcher für geplagte Seelen darstellen, besonders eifrig ihre Dienste an. Und in England, das wegen seiner traurigen Kinder gerade besonders besorgt ist, stiegen die Kontaktnahmen mit den Help Lines dank sozialer Medienpräsenz in den letzten zwei Jahren um zweihundert Prozent.

Sophie Hunger – «Ne me quitte pas»

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YouTube/Antuàn Reynoso

Jeff Buckley – «Hallelujah»

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YouTube/jeffbuckleyVEVO

Traurig sein tut gut. Besonders in den Jahren der grösstmöglichen Verunsicherung. Melancholie muss man auskosten. Es gehört dazu. Aber zwischendurch muss man die Welt mit den doppelten Kreuzen vor den Worten verlassen, die Vorhänge öffnen, und auf der nächsten Party sich selbst und allen Kummer vergessen. Auch das gehört dazu.

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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • alex DL 12.10.2015 12:43
    Highlight Highlight Wer auch immer "Bilder mit Katze" beigesteuert hat.. du bist ein toller Mensch, bleib so wie du bist.
  • MyAnusIsBleeding 11.10.2015 01:11
    Highlight Highlight Das da fehlt noch.
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  • Dysto 09.10.2015 13:03
    Highlight Highlight Als es das Internet schon gab, aber noch vor Instagram und Tumblr, kamen die depressiven Teenager in Foren zusammen.
  • JayG 09.10.2015 05:00
    Highlight Highlight
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  • 1337pavian 08.10.2015 23:52
    Highlight Highlight
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    • Simone M. 09.10.2015 09:10
      Highlight Highlight da fällt mir auch gleich noch dies hier ein:
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  • Daniel Plainview 08.10.2015 20:39
    Highlight Highlight Auf Repeat. Den ganzen Herbst und Winter lang.
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    • Simone M. 09.10.2015 09:08
      Highlight Highlight repeat indeed!
  • 2sel 08.10.2015 18:39
    Highlight Highlight
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  • 2sel 08.10.2015 18:37
    Highlight Highlight Nightwish darf nicht fehlen...
  • Marnost 08.10.2015 18:09
    Highlight Highlight Danke für den Artikel. Ich habe hier noch ein paar Songs der anderen Sorte, nennt sich DSM oder auch DSBM:

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    • crust_cheese 09.10.2015 13:11
      Highlight Highlight Lifelover it doch eher depressive rock mit Black/Punk-Einflüssen, während Gris im Vergleich zu vielem DSBM geradezu überproduziert wirkt (Nicht, dass Gris schlecht wäre). Klassischer DSBM klingt für mich anders.
    • Marnost 09.10.2015 17:08
      Highlight Highlight Ach, komm mir nicht mit Genres 😂. Was ist deiner Meinung nach typischer DSBM?
    • crust_cheese 10.10.2015 12:49
      Highlight Highlight Du hast ja mit einem Genre begonnen, nicht ich :) Wenn man sich schon die Mühe macht, ein Genre zu überhaupt zu benennen, ergibt es keinen Sinn, wenn man es nicht klar umreisst. Aber wenn du fragst: Xasthur z.B. oder Sachen wie Veil, Nocturnal Depression, Wedard. Apati wäre etwas moderner und geht schon in Richtung Lifelover, bei Austere dasselbe.

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  • Simone M. 08.10.2015 16:38
    Highlight Highlight Ohhh, Leute, ihr seid echt die besten, hab mich dank eurer Musiktipps noch nie so lang und so gern in einer unserer Kommentarspalte aufgehalten!
  • Eisenhorn 08.10.2015 16:02
    Highlight Highlight Wahnsinns Text!

    Ich bin in einem Alter wo es das Internet schon gab aber das # Zeichen noch nicht genutzt wurde (also gegen die 30). Als es noch Chats gab hat man viele gleichaltrige mit Problemen getroffen, aber das waren persönliche Konversationen ohne Like Button oder <3 . Ich hatte immer jemand zum Reden, und ich konnte oft ein Ohr leihen wenn es jemandem schlecht ging, aber dies waren einzelne Kontakte und nicht mein ganzes Umfeld. Es gab kein Filter/# um nur mit depressiven Leuten zu chatten.

    ps. Hier fehlt guter melancholischer PUNK!
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    • Simone M. 08.10.2015 16:37
      Highlight Highlight Ja! Zum eben diesem Punk hat unser Redaktor Roman Rey, der mir gegenübersitzt, auch geraten! Aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, hab ich ihn dann nicht mitgenommen. Aber jetzt ist alles gut!
    • Eisenhorn 08.10.2015 16:44
      Highlight Highlight Guter Mann dieser Roman Rey! Ich kann den Song Text auch nach 10 Jahren noch auswendig... hach das waren noch Zeiten als man Jung war *grins*
    • Simone M. 08.10.2015 17:19
      Highlight Highlight Tiptopper Mann!
    Weitere Antworten anzeigen
  • Execave 08.10.2015 15:43
    Highlight Highlight Ich finde die Gefahr ist die "Digitale"-zurückgezogenheit, man kann sich sehr einfach abschotten. Mit Kofphörern und sturem Blick aufs Handy duch die Reale Welt gehen. Dabei sieht man keine Fröhlichen Personen die einen vielleicht anlächeln würden und einem den Tag schönner machen. Danach Zeitung lesen wo mit möglicht Emotionelen Geschichten klicks erzielt werden und einem zum Teil denken lässt, ach welch schreckliche Welt. Manchmal würde es nicht schaden, dass Handy mal in der Hosentasche zu lassen und versuchen das Schöne zu sehen, fröhliche Musik hören und zu LEBEN! : )
    • dracului 08.10.2015 17:38
      Highlight Highlight Sorry, das Leben mag ja toll sein, aber der Soundtrack ist scheisse.
    • Swat 09.10.2015 07:15
      Highlight Highlight Ja dann hast du das falsche Musik DLC installiert, also mir gefällt der Soundtrack meines Lebens.
  • Ms. Song 08.10.2015 14:37
    Highlight Highlight Sie sprechen mir aus der Seele. Das Internet hätte mir in der Zeit nicht gut getan. Mir war schon die Welt in unserem Dorf zu viel.
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    • Simone M. 08.10.2015 15:04
      Highlight Highlight Gott, ist das schön! Danke! Und ja, auf den Dörfern ist Jungsein am schwersten.
  • Louie König 08.10.2015 14:35
    Highlight Highlight Wirklich ein sehr beeindruckender Text, ist mir persönlich sehr nahe gegangen. Jeder Teenager geht mal durch so eine Phase, in der er die Melancholie auskostet und auch nach dem Mitleid von anderen sucht, ich denke das ist normal. Und doch erreicht dies hier eine ganz andere Dimension und ich bin besorgt, besorgt darüber, welche Dimensionen es noch annehmen könnte. Wie lange geht es noch, bis diese jungen Menschen, in Ihrem Drang nach Aufmerksamkeit und Bestätigung, sich gegenseitig so weit pushen, bis einer als einzige Lösung, um Aufmerksamkeit zu bekommen, den eigenen Tod sieht?
    • Eisenhorn 08.10.2015 16:08
      Highlight Highlight Das Internet ist extrem gut darin geworden den Leuten zu helfen die Meinungen anderer zu Filtern damit sie den eigenen Entsprechen. Wenn ich immer nur #suicide lese/schaue fühle ich mich in meiner Ansicht das das leben kein Sinn macht bestätigt. Likes/Dislikes und die Möglichkeit öffentlich Mitleid zu bekommen ist eine Dimension die es vor "social Media" noch nicht gab. Das Internet war nicht immer ein Ort wo es das Ziel war alles mit jedem zu Teilen.
  • Aufblasbare Antonio Banderas Liebespuppe 08.10.2015 13:59
    Highlight Highlight Also ein Bild von einem malträtierten, blutenden Arm würde ich jetzt auch nicht liken
    • Simone M. 08.10.2015 15:07
      Highlight Highlight der arme arm!
  • Zeit_Genosse 08.10.2015 13:57
    Highlight Highlight Das Internet holt alles an die Oberfläche und die Medien halten die Oberflächenspannung. So ist gewährleistet das nichts versinkt und im Umlauf bleibt. Viele Betroffenen werden erreicht und Communities bieten zumindest die Chance für einen Halt untereinander, da die schnelle Welt keine Zeit für Melancholie und keinen Willen aufbringt sich mit Depressionen aufzuhalten. Die Pharma dürfte an den Profilen interessiert sein und so findet plötzlich ein Medikament seine Bestimmung. Dank Internet. Ob das gut ist?
  • 's all good, man! 08.10.2015 09:48
    Highlight Highlight Ach, Frau Meier, was für ein wunderschöner, toller Text aus deiner Feder mal wieder. Vielen Dank dafür.

    Melancholisch sein ist schon was schönes, gerade jetzt wieder im Herbst und bei diesem Wetter passt das herrlich. Melancholisch ist aber nicht depressiv und das ist dann weniger schön, wie ich aus eigener Erfahrung weiss.

    Richtig schön melancholische Musik zum drin versinken machen zum Beispiel die grandiosen Leech (aus der CH):
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    • Simone M. 08.10.2015 13:54
      Highlight Highlight super, hör ich jetzt gleich ein paarmal.
    • Simone M. 08.10.2015 14:29
      Highlight Highlight und noch so ein klassiker, der immer geht. schnell. but dark.
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