Kinder

USA: Kugelsichere Decken gegen Schul-Amokläufer

«Erstklässler werden in der Schule niedergeschossen, aber was können wir schon dagegen tun? Gebt ihnen diese Matten, dann könnt ihr ruhig schlafen!» 

Ein Unternehmen aus Oklahoma will ein Mittel gegen Amokläufe und Schiessereien an US-Schulen gefunden haben: kugelsichere Decken. Die Bodyguard Blankets kosten 1000 Dollar pro Stück, im Ernstfall sollen sich die Kinder darunter verstecken.

12.06.14, 12:19 12.06.14, 18:11

rainer leurs / spiegel online

Ein Artikel von

Morgens um kurz nach neun in den Vereinigten Staaten von Amerika: Mit einem Lächeln beugt sich die Lehrerin über das Mädchen mit der Schleife im Haar. Fleissig tüfteln seine Klassenkameraden an den Aufgaben, die vor ihnen auf dem Schreibtisch liegen. «Wer hätte geahnt», heisst es zu dem Bild auf der Website des Unternehmens ProTecht, «dass sich an diesem Frühlingsmorgen ihr Leben für immer verändern würde – durch eine unerwartete Schultragödie?»

Es ist leicht, bei der Geschäftsidee der Firma aus Oklahoma an einen schlechten Scherz oder ein Projekt der Satirezeitung «The Onion» zu denken. Bodyguard Blanket heisst das Produkt, das das Unternehmen seit vergangener Woche offenbar ganz ernsthaft vermarktet – eine kugelsichere Decke, mit denen US-amerikanische Schulkinder als Schutz vor Amokläufern ausgerüstet werden sollen

«Die Bodyguard Blankets bestehen aus demselben Stoff, den auch unsere Soldaten auf dem Schlachtfeld tragen.»

Die signalroten Decken erinnern an Isomatten, sind faltbar und werden im Ernstfall wie ein Rucksack umgeschnallt. Die Kinder sollen sich dann auf dem Boden ducken und unter dem schusssicheren Material Zuflucht finden. Laut Eigenwerbung bestehen die Bodyguard Blankets aus «demselben Stoff, den auch unsere Soldaten auf dem Schlachtfeld tragen»; er halte Beschuss durch 90 Prozent der Waffen stand, die bislang bei Schiessereien an US-Schulen benutzt worden seien.

Sandy Hook als Inspirationsquelle

Der Mann hinter den Matten heisst Steve Walker, ein Arzt mit Schwerpunkt Fussmedizin aus der Stadt Edmond in Oklahoma. Gemeinsam mit dem Erfinder Stan Schone entwickelte er die Bodyguard Blankets, die zum Stückpreis von rund 1000 Dollar verkauft werden sollen. Inspiriert hätten ihn vor allem zwei Ereignisse, sagte Walker dem Onlineportal der Zeitung «The Oklahoman»: Einerseits die Katastrophe von Sandy Hook, bei der ein Amokläufer 20 Kinder und sechs Erwachsene erschoss – und andererseits der Tornado, der 2013 die Stadt Moore in Oklahoma verwüstete. 24 Menschen kamen dabei ums Leben, unter ihnen sieben Kinder an einer Grundschule.

Tatsächlich sollen die Decken laut Hersteller auch bei Wirbelstürmen Schutz bieten, etwa gegen herabfallende Trümmerteile. Öffentlich jedoch wird in den USA vor allem wahrgenommen, dass die Matten bei Amokläufen und Schiessereien Leben retten sollen – und das ist angesichts der Zahlen auch kein Wunder. 

«Es ist traurig, dass es so weit gekommen ist.»

74 solcher School Shootings hat es nach Angaben der Lobbygruppe «Everytown for Gun Safety» allein seit Sandy Hook in den USA gegeben. Erst am vergangenen Dienstag erschoss ein Bewaffneter an einer Highschool in Oregon einen Schüler. «Es ist traurig, dass es so weit gekommen ist», sagte Erfinder Schone dem «Oklahoman». «Aber wir erleben solche Fälle fast wöchentlich.» Seine Bodyguard Blankets seien «alles, was wir tun können, um den Kindern eine bessere Überlebenschance zu bieten.» 

Noch besser wäre es in den Augen vieler Beobachter freilich, die Waffengesetze der USA zu verschärfen. Oder der Frage nachzugehen, was die Todesschützen zu ihren Taten bringt. 

Gif: Giphy

«Erstklässler werden in der Schule niedergeschossen, aber was können wir schon dagegen tun? Gebt ihnen diese Matten, dann könnt ihr ruhig schlafen!» 

Entsprechend gross ist die Häme, mit der die eigentlich bestimmt ehrenwerte Erfindung aus Oklahoma kommentiert wird. «So weit ist es gekommen: Jemand verkauft schusssichere Decken für Schulkinder», titelt die «Washington Post». Und das Wirtschaftsportal «Business Insider» ätzt: «Erstklässler werden in der Schule niedergeschossen, aber was können wir schon dagegen tun? Gebt ihnen diese Matten, dann könnt ihr ruhig schlafen!» Wenn schusssichere Decken hergestellt würden, weil das ein Produkt sei, das jedes Kind gebrauchen könne, «dann ist das ein Zeichen, dass wir aufgegeben haben».

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Liam füdliblutt – wieso Eltern denken müssen, bevor sie ihre Kinder zu Insta-Stars machen

Kinder, ob lustig oder süss, sind ein Hit auf Social-Media. Aber ethisch könnte da was faul dran sein – eine Analyse.

Es tut weh. Das Bild von Liam*; wie die Speckröllchen über seinen aufgeblähten Bauch rugeln, währenddem er das Wasser in der nicht mal halb gefüllten Badewanne zu schlagen versucht. Seine Mutter, die das Bild auf Facebook geladen hat, hat sein «Schnäbeli» mit lasziv anmutendem Emoji verdeckt. Es ist einfach niedlich.

Auch der Insta-Post, der die einjährige Muriel* beim familiären Ausflug ins Fastfood-Restaurant zeigt, klaubt ein Wonnegefühl aus jeder noch so finsteren Magengrube heraus. Wie …

Artikel lesen