Kunst
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Der Schweizer Marthaler an der Berliner Volksbühne: Western im Gestern

Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler widmet sich in seinem neuen Abend an der Volksbühne dem Western. «Hallelujah» spielt in einem verlassenen Freizeitpark – und handelt von der Sehnsucht nach Freiheit.

20.02.16, 22:02 21.02.16, 10:03

Anke Dürr

Ein Artikel von

Jeder gute Western braucht einen Kampf. Und auch Christoph Marthalers Country- und Westernabend «Hallelujah» an der Berliner Volksbühne hat einen zu bieten. Aber die Cowboys und -girls kämpfen hier nicht mit Indianern oder Banditen, sie kämpfen mit Absperrgittern. Minutenlang versucht das Ensemble, die Gitter ordnungsgemäss aufzustellen, die Einzelteile verhaken sich ineinander, die Helfer stolpern darüber, grosser Slapstick.

Es geht um die großen Themen des Westerns, Einsamkeit und Freiheit. Die Freiheit aber stößt im Freizeitpark überall an Grenzen.
bild: Walter Mair

Dann steht er endlich, der Warteschlangenparcours vor dem Kassenhäuschen, aber er ist völlig sinnlos. Denn die Helfer sind zugleich die einzigen Besucher in dem heruntergekommenen Freizeitpark, den Marthalers bewährte Bühnenbildnerin Anna Viebrock da auf die Bühne gestellt hat.

Eine schlampig in Hellblau und Rosa gestrichene Brücke über einem abgedeckten Kanal und eine kaputte 1:1-Dinosauriernachbildung dominieren die Szene. Inspiriert ist sie vom Kulturpark Plänterwald, dem spätestens seit seiner Schliessung im Jahr 2002 legendären einzigen Freizeitpark der DDR, im Südosten Berlins gelegen.

Die Verbindung zwischen dem Western-Genre und der Freizeitpark-Thematik drängt sich nicht unmittelbar auf, wird in der Ankündigung aber so erklärt, dass aus dem geschlossenen Vergnügungspark ein Reservat für «überflüssig gewordene Menschen» geworden sei. Und «im 19. Jahrhundert konnten überflüssige Europäer mit Illusionen in die Neue Welt auswandern». Voilà, schon sind wir bei der Country-Musik.

Es fügt sich dann auch tatsächlich alles wie von selbst zusammen, und das funktioniert, wie immer bei Marthaler, über die Atmosphäre. Am Anfang schlürfen alle elf Darsteller in billigen Plastik-Regencapes durch das Areal. Was gibt es Melancholischeres als einen Vergnügungspark im Regen? Aber es wird dennoch ein vergnüglicher Abend.

Truck Stop in der Hochkultur

Dazu wird vor allem viel und schön gesungen. Von Evergreens wie Roger Millers «King of the Road» über Dolly Partons «Little Sparrow» bis zu Truck Stops «Take it easy, altes Haus». Clemens Sienknecht, auch er ein bewährter Mitstreiter im Marthaler-Kosmos, leitet den Chor seiner Mitspieler – elf Sänger für ein Halleluja.

Eine schlampig gestrichene Brücke und ein beschädigter Dinosaurier: Die Bühne des «Hallelujah»-Abends an der Volksbühne ist inspiriert vom Kulturpark Plänterwald, dem einzigen Freizeitpark der DDR.
bild: Walter Mair

Er arrangiert viele Songs, von denen man meinte, sie in- und auswendig zu kennen, neu und minimalistisch. Unterstützung hat er von dem grossartigen Gitarristen Hardy Kayser, und auch andere Volksbühnen-Gäste wie die österreichische Sängerin und Schauspielerin Katja Kolm und die Norwegerin Tora Augstad garantieren musikalische Qualität. Augstad singt nicht nur Country, sondern auch «En Svane» («Ein Schwan») von Edvard Grieg, eine Reminiszenz an die schwanenförmigen Boote, mit denen man einst im Plänterwald herumfahren konnte.

Zwischen den Songs erzählen die Figuren aus der Zeit, als es den Vergnügungspark und die DDR noch gab. Ueli Jäggi als «ehemaliger Fahrgeschäftsspezialist» monologisiert über die verschiedenen Attraktionen des Parks mit einer Detailwut, die nur dem echten Leben abgelauscht sein kann, Sienknecht erzählt mit überakzentuiertem amerikanischen «W» in der Rolle des DDR-Stars Dean Reed aus seiner irren West-Ost-Biografie, Hildegard Alex berichtet als ehemalige «Indianistin» von ihrem «antiimperialistischen Westkontakt».

Sie unterstützte indianische Organisationen in den USA. Und der französische Schauspieler Marc Bodnar darf sich als Pierre Brice durch eine Suada radebrechen, in der sich der ehemalige Winnetou-Darsteller als «Medium eines Traums für mehrere Generationen» überhöht.

Aus dem geschlossenen Vergnügungspark ist ein Reservat für «überflüssig gewordene Menschen» geworden.
bild: Walter Mair

Es sind wunderbar tragikomische Gratwanderungen zwischen Hommage und Persiflage, die die Schauspieler da aufführen. Ihre Figuren sind Zeugen einer vergangenen Zeit wie der beschädigte Dinosaurier, der auf der Bühne das Maul aufreisst. Man kennt diese Figuren seit mehr als zwanzig Jahren, seit Marthaler ihnen mit Abenden wie «Murx den Europäer» die Aufmerksamkeit des Publikums schenkte - aber er stellt sie immer wieder in ein anderes Szenario. Da macht es fast nichts, dass die Thematik inzwischen selbst ein bisschen gestrig wirkt.

Die grossen Themen des Westerns, Einsamkeit und Freiheit, sind ohnehin zeitlos. Zu «I'm so lonesome I could cry» tanzt jeder für sich allein. Die Freiheit aber stösst im Freizeitpark überall an Grenzen – «hinten anstellen» werden die Besucher angeblafft, «All bags will be checked» heisst es auf einem Schild.

Eine Mauer verbaut den Blick auf den Horizont, die Absperrgitter machen die Übriggebliebenen im Reservat zu Zoobewohnern, einmal muhen sie wie Rindvieh. Und Patrick Güldenberg läuft mit verstörtem Blick allein über die Bühne und murmelt etwas von Schatten, die ihn verfolgen. Freiheit bleibt eine Sehnsucht.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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