Kunst
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Tadellose Anzüge, knochentrockener Humor: So britisch wie Walter Keller wirkte kein anderer Schweizer. Bild: KEYSTONE

Nachruf auf einen Gentleman

Walter Keller ist tot. Jetzt steht die Schweizer Kunstwelt für einen Moment still

Der grosse Ausstellungsmacher, Galerist, Verleger, Kunstvermittler und Kulturkritiker Walter Keller ist überraschend verstorben. Auch wir von watson sind fassungslos.

02.09.14, 14:32 04.09.14, 08:16

Sein letztes Mail erhielten wir vor zehn Tagen. Er hatte sich das watson-Video über eine fachgerechte weibliche Beurteilung von Pornofilmen angeschaut und fand es grossartig und wünschte sich eines mit Männern als Betrachter und Darsteller. Er nannte das die «watson gay porn watschen produxion». Walter Keller, der Dandy, der die Frivolitäten, besonders die visuellen, über alles liebte. Und den Voyeurismus. Denn Kunst zu betrachten ist ja am Ende nichts anderes als die intellektuellste Form von Voyeurismus.

Ich habe darauf nicht geantwortet, ich war gerade sauer auf Walter Keller, denn seine letzte grosse Ausstellung im Landesmuseum, «Grosses Kino – Die Schweiz als Film», die hatte er vom ehemaligen «Weltwoche»-Mann Markus Somm eröffnen lassen, einem Mann, der nun plötzlich für den Schweizer Film sprechen sollte, obwohl er die Menschen dahinter, die Kulturschaffenden, ganz sicher nie gefördert hätte. Doch wahrscheinlich stand genau dies als Absicht dahinter. Wahrscheinlich hat er die Provokation berechnet, und dass diese im Kulturzürich viel zu reden gäbe.

Mitten drin und plötzlich nicht mehr da

Trotzdem wollte ich mir die neue Ausstellung in seiner Galerie an der Oberdorfstrasse 2 anschauen, die Traumszenarien der Fotografin Annelis Strba, die am vergangenen Donnerstagabend eröffnete. Ich war nicht an der Vernissage, ich dachte, ich gehe später, jetzt ist es zu spät, jetzt sehen wir in Zürich Walter Keller nicht mehr. Aus dem Leben gerissen, nennt man das, wenn einer mitten drin und dann auf einmal nicht mehr da ist. Gegangen mit 61. In der Nacht auf Montag, bei sich zuhause in der Zürcher Altstadt. Wir sind fassungslos.

Schlafendes Märchenkind von Annelis Strba Bild: schweizerisches nationalmuseum

Wenige Werke von Annelis Strba waren übrigens auch in einer von Walter Kellers letzten Ausstellungen im Landesmuseum mit dabei, sie hiess «Märchen, Magie und Trudi Gerster», es war eine Ausstellung, die ein Publikumshit sein wollte und wurde, es war der beste Kinderhort der Stadt, in der das Märchentelefon, das sich früher in jedem besseren Schuhladen befunden hatte, an jeder Ecke seine Auferstehung feierte. Walter Keller hatte seine diebische Freude daran, er hatte sich die emotionale Wirkung auf das Trudi-Gerster-hörige Kind in so vielen von uns genau ausgerechnet, und selbstverständlich war seine Rechnung aufgegangen. So, wie unzählige anderer Rechnungen auch.

Marilyn Monroes Zauber

Etwa die mit Marilyn Monroe in seiner Galerie 2013, eine Ausstellung, so frisch und charmant, dass sie allen, die sie gesehen haben, wie ein ausnehmend fröhlicher Scheinwerfer auf die Biographie der Monroe zündet. Es handelte sich um einen kleinen Film, den ein 14-jähriger Fan an einem Nachmittag im Frühling 1955 in New York von Marilyn drehen durfte, und der Film wurde aufgelöst in lichte Filmstills eines Stars und seiner Stadt. Die Monroe als unbeschwert flirrender Strahlkörper vor dem strengen Beton New Yorks.

Marilyn Monroe, fotografiert vom 14-jährigen Peter Mangone.  Bild: Peter Mangone/ kellerkunst.ch

Walter Kellers Galerie war damals, im Frühsommer 2013, ganz in das Blau des Himmels über New York und in das helle Gold von Marilyns Haaren getaucht, und natürlich verkauften sich die Filmstills prächtig. Aber Marilyn Monroe, Trudi Gerster, Annelis Strba, der Schweizer Film, die Galerie und das Landesmuseum sind nur ein paar der letzten Facetten aus einem Lebenswerk, ohne das die Schweizer Kulturszene enorm viel ärmer wäre.

bild: peter mangone/ kellerkunst.ch

1953 kam Walter Keller in Uster zur Welt, seine Mutter war Italienierin, sein Vater Schweizer, zwischen 1973 und 1978 studierte er in Zürich und an der Freien Universität Berlin Volkskunde, Linguistik und Germanistik. 1978 lancierte er mit Nikolaus Wyss die Zeitschrift «Der Alltag», ein soziologisches «Sensationsblatt des Gewöhnlichen», und veranstaltete Gesprächsrunden mit «gewöhnlichen» Leuten. Seine Gäste waren: «Kioskfrauen, Hebammen und Mütter, Coiffeure, Brasilien-Reisende, Korea-Veteranen, Campingplatz-Wärter, Wirtinnen von Rockerkneipen, Polizisten, Heilsarmisten, jugendliche Diskotheken-Benutzer, Taxichauffeure, Gemüse- und Früchtehändler, Laientheater-Spieler, Naturfreunde». 1983 gründete er mit Bice Curiger, Jacqueline Burckhardt und Peter Blum die heute noch immer international florierende Kunstzeitschrift «Parkett».

Die ungepflegten Jungs von U2

1991 folgte die Scalo Verlag AG, die einen Buchladen und Galerien in Zürich und New York betrieb. Grosse Fotografen wie Nan Goldin oder Robert Frank publizierten bei Scalo. Einmal besuchte er eine Party in Antibes und traf dort «ein paar wirklich ungepflegte Jungs mit schrecklichen Schuhen, die nach Schweiss rochen. Ich fragte sie, in welchem Bereich sie tätig seien, sie sagten, sie seien Musiker; sie waren die Pop-Gruppe U2.» 2002 stieg Patrick Frey mit ein, doch 2006, als Walter Keller den Zürcher Kunstvermittler-Preis gewann, ging der Scalo Verlag Konkurs. Sein grösstes Werk ist und bleibt das Fotomuseum Winterthur, das er 1993 zusammen mit Urs Stahel und George Reinhart gegründet hatte. 

Eins der legendären Scalo-Kunstbücher. Bild:  scalo

Walter Keller brillierte, er scheiterte (sein Gastspiel als Chefredakteur des «Du» dauerte 2008 bloss wenige Monate), er redete, er lehrte, er wurde geehrt, er verehrte, ganz besonders die Frauen, als Musen, als Künstlerinnen, als Kämpferinnen. Am letzten Tag der Frau, am 8. März, fasste er auf der Facebook-Seite seiner Galerie die Leben der heiligen Wiboroda, von Madame de Staël, Emilie Gourd und Marie Heim-Vögtlin zusammen. Und in einem Interview über Werbefotografie sagte er: «Was mir auffällt ist, dass die Frauen immer stärker werden in der Bildsprache. Die Männer sind irgendwie ausgepowert, der männliche Blick auf sich selbst in der Fotografie, ich glaube, das war’s wohl.»

Roland Barthes kleiner Bruder

Sein grösstes Anliegen war, ganz amerikanisch, das Elitäre mit dem Populären zu verschmelzen, den Alltag zur Kunst zu machen und die Kunst den Kunden zugänglich. Er hat versucht, Roland Barthes «Mythen des Alltags» zu leben, er hat versucht, seine Projekte zu intelligenten und heiteren Essays über gesellschaftliche Zustände zu gestalten. Und tatsächlich verglichen einige sein Schaffen in den 80ern mit dem von Roland Barthes. Der Vergleich hat ihm ganz sicher gefallen.

Austarieren und abwarten: Walter Keller war ein Meister der Berechnung von Publikumsemotionen. Bild: KEYSTONE

In einem weiteren Mail an uns, das nun ein paar Wochen zurückliegt, fragte er, ob wir ihm eine junge Dame wüssten, die gerne seine Redaktionsassistentin werden würde. «Ich bin aber ziemlich ungeduldig und dominant, um nicht zu sagen ein stures Arschloch (nicht immer)», lautete seine Selbstbeschreibung als Arbeitgeber, die er uns mitlieferte.

Wir haben darüber gelacht, über den Walter, der nie anders konnte, als einen Witz mitzuliefern, über den Walter, der so lustig war und dabei knochentrocken, dass es keine ernste und vor allem keine langweilige Sekunde an seiner Seite zu geben schien, und der genau wusste, wann er einen Kitsch veranstaltete oder einen Mist. Er hat's bloss nie laut gesagt. Er wartete, bis die anderen darauf hereinfielen oder es aufdeckten. Er hatte seine Freude daran. Und wir an ihm. Jetzt weinen wir um Walter.



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