Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Ode an den Opa

bild: shutterstock

14.07.17, 16:27 14.07.17, 16:59


Als erstes vorneweg: Ja, auch Oma ist grossartig. Sie füllt deinen Bauch mit dem besten Gericht auf Erden und eliminiert damit jegliche Neujahresvorsätze und jagt deine Weight-Watchers-Punkte in die Höhe. Sie kann deine Eltern in Verlegenheit bringen und dir klarmachen, dass diese keine souveränen Übermenschen, sondern auch nur die Kinder ihrer eigenen Eltern sind. Ja, das Grosi verdient alle Schwärmereien, die es bereits über sie gibt.

Dieser Beitrag soll sich aber der oft etwas stilleren Entität hinter der lebhaften Oma widmen: dem Opa. Wie komme ich zum Thema? Auf meiner Reise an der australischen Ostküste habe ich zwei Begegnungen mit grossväterlichen Figuren gemacht.

Begegnung 1: Die graue Sportskanone

Der Wentworth-Park nahe dem Hostel in Sydney hat eine Outdoor-Fitnessanlage. Um etwas Geld zu sparen, geh ich da hin. Nach einer Weile fällt mir ein älterer Herr im Fussballtrikot auf, geschätzt Ende Siebzig. Er kickt alleine einen Ball vor sich hin und rennt ihm nach.

Wenn ich in dem Alter noch so dribbeln kann, bin ich mehr als zufrieden. bild: gregor stäheli

Nachdem ich mit meinem Programm durch bin, lauf ich auf ihn zu und fordere mit erhobener Hand nach dem Ball. Er spielt ihn mir zu. Wir passen, flanken und jonglieren hin und her ohne ein einziges Wort zu wechseln. Ich male mir seine Geschichte aus. Vielleicht hat er mal in einem Verein gespielt. Vielleicht war er gar ein australischer Profi. Möglicherweise braucht er den Sport aber einfach als Ventil, oder möchte eine Pause von der Familie. Nach über einer halben Stunde des wortlosen Ballwechsels unterbricht er unser Spiel:

«Danke, das hat echt Spass gemacht. Ich muss nun aber den Rest meines Trainings erledigen.»

Ich bin insgeheim froh, denn im Gegensatz zum alten Mann, bin ich komplett aus der Puste. Es stellt sich heraus, dass er gar kein Australier ist. Er ist von New Jersey, USA hierhergezogen, um seinem Sohn mit dem Enkel zu helfen. Der sei jetzt drei, ein niedlicher Junge. Er hüte ihn zwei Tage die Woche.

Bei dem Gespräch fällt mir eine typische Opa-Charakteristik auf: Obwohl er sicher viel von sich zu berichten hätte, spricht er nur über sich selbst, wenn ich ihn spezifisch danach frage. Von seinem Sohn und Enkel aber erzählt er unaufgefordert voller Stolz.

Begegnung 2: Die Historiker

Auf meiner Reise nordwärts besuche ich in Newcastle spontan das Fort Scratchley. Es wurde 1882 gebaut, um die Handelsstadt vor allfälligen russischen Angriffen zu schützen, kam aber erst während dem zweiten Weltkrieg ernsthaft zum Einsatz. Heute ist es ein Museum und wird von Historik-Enthusiasten auf freiwilliger Basis gepflegt.

Einer davon macht gerade eine Pause vom Heckenschneiden, als ich mir eine Infotafel anschaue. Er beginnt, den genauen Hergang des Angriffs eines japanischen U-Boots anno 1942 zu schildern. Danach erzählt er mir, wie sein Lieblingswein von Europa ins nahegelegene Hunter-Valley kam. Dazwischen zeigt er auf Glattwale (Right Whales), die nahe der Küste nach Luft schnappen, und erklärt mir deren Namensherkunft. (Fischer gaben ihm den Namen, da er aufgrund der vergleichsweise langsamen Fortbewegung der richtige Wal «right whale» zum Jagen war).

Sein Kollege stösst nach kurzer Zeit dazu. Die Beine und Hände sind von den Sträuchern blutig gekratzt, doch der liebenswerte Bär hat ein strahlendes Lächeln im Gesicht und steigt mit seinen Anekdoten in härtestem australischen Akzent ins Gespräch ein.

Die beiden Plauder-Opas fleissig bei der Arbeit. bild: gregor stäheli

Ihr Enthusiasmus lässt mich eine zweite Opa-Eigenschaft erkennen: Die Fähigkeit aus allem, auch blanken Fakten, eine spannende Geschichte formen zu können.

Und das bringt mich schlussendlich zu meinen Opas.

Der eine Opa, der Grosspapi, ist sicherlich älter als unser Fussballer in Sydney, jedoch erstaunlich fit. Mit stolzen 91 wohnt er noch in seinem eigenen Haus und erledigt das meiste selbst. Bis vor kurzem ging er noch auf Weltreisen.

Als ich ihn vor der Australienreise besuchte, erzählte er meinem Bruder und mir, wie sehr er sich beim Einkaufen über «diese Alten» aufregt, die erst an der Kasse ihr Geld rauskramen. Er selbst rechne fortlaufend zusammen, wie viel es kosten würde und bereite an der Kasse dann das nötige Kleingeld vor.

Das war ein amüsanter Gedanke, wenn man bedenkt, dass «diese Alten» wahrscheinlich ein gutes Stück jünger sind. Ich wünsche mir, mich in seinem Alter auch noch so aufregen zu können.

Die Erinnerung an den anderen Opa, das Grossvätterli, verbindet gleich beide meiner Begegnungen in einem: Er war ein Sportfanatiker und Geschichtenerzähler. Auch im hohen Alter spielte er mit mir und meinen Geschwistern im Garten Fussball, wobei er mit seinem Stock das Tor verteidigen musste. Wann immer er uns hütete, war der Fernseher wegen Tennis oder Formel 1 besetzt.

Mein Bruder und ich warteten dann bis er eingeschlafen war, um die Fernbedienung zu stehlen und Horrorfilme zu schauen.

Mein Bruder hatte die Herrschaft über die Fernbedienung, wenn Opa schlief. Wie unerschrocken ich von Horrorfilmen schon als kleiner Bub war, kann man hier gut sehen. Gähn. bild: gregor stäheli

Wenn er nicht vor dem Fernseher einschlief, brachte er uns zu Bett. Nicht aber ohne die obligatorische Gute-Nacht-Geschichte. Nun, ich kann mich nicht daran erinnern, dass er uns je aus einem Buch vorgelesen hatte. Meist hatte er es einfach auf dem Schoss und erfand die Geschichten spontan selbst. Der häufigste Protagonist darin: «Der Gorilla Blauarsch».

Aus dem mittlerweile wahrscheinlich ausgestorbenen Kraftausdruck machte er kurzerhand eine Fantasiefigur, deren Abenteuer uns regelmässig in den Schlaf wogen. Die Geschichte war jeweils so gut, dass wir sie beim nächsten Mal unbedingt wieder hören wollte. Da Opa sich aber nicht mehr erinnern konnte, was er zuletzt genau erzählt hatte, gab’s dann eben eine neue, die mindestens so gut war.

Ich kann es scheinbar kaum glauben, was in diesem Buch geschieht. Aber auch nicht prüfen. Heut weiss ich: Was er erzählte, stand gar nicht drin! bild: gregor stäheli

Ich hätte gerne jetzt als Erwachsener nochmals mit ihm geplaudert. Ich bin mir sicher, er hätte ein paar spannende Geschichten ohne Jugendfreigabe aus frühen Tagen gehabt. Doch egal, wie sein Sündenregister wohl ausgesehen hat, vorbei an Petrus kam er bestimmt – mit seinem Charme und Mundwerk und seinen brillanten Geschichten.

Grossvaterfiguren sind gute Geschichtenerzähler – ob erlebt, erfunden oder eine Mischung aus beidem. Ich werde versuchen, in Zukunft besser hinzuhören.

Wahre Liebe ist, wenn man bis ins Alter zusammen rocken kann.

Darum ist Gregor alleine nach Australien:

Video: watson

gregor stäheli australien mint perth gregorstaeheli staeheli

Seine Lehrer sagten früher: «Wenn du ständig überall deinen Senf dazugeben musst, wird nie etwas aus dir.» Diese Herausforderung nahm er dankend an. Heute ist Gregor Stäheli als Slam Poet vor allem auf Bühnen anzutreffen. Ein Austauschsemester in Perth zwingt ihn, diese für ein halbes Jahr zurückzulassen. Da er es dennoch nicht bleiben lassen kann, sich ständig mitteilen zu müssen, nutzt er diese Reise, um für mint zu schreiben. Seien dies Erlebnisse, Begegnungen mit Schweizern, Gespräche mit Freunden oder grundsätzliche Themen, die ihm unterwegs in den Sinn kommen. Das ist KEIN Reiseblog. Deshalb solltest du ihn nicht zu ernst nehmen – das tut er nämlich selbst schon nicht.

Stalke Gregor auf Facebook oder auf seiner Homepage.

Mehr von Gregor Stäheli liest du hier:

Eine Woche im Leben eines Studenten – während der Prüfungsphase. Ahhh

Über den Wolken... Muss die Blödheit der Menschen wohl grenzenlos sein

Eine Nacht mit Fremden – darum liebe ich es, alleine zu reisen

WG-Typen from Hell – bis auf den Einen, aber den gibt's vermutlich eh nicht

Willkommen im Jammertal: Gedanken eines chronischen Singles

Auf Umwegen zum Traumberuf – wie wird man eigentlich Reiseleiter?

Warum wir alle ein bisschen mehr wie Dennis sein sollten

Aus den Memoiren eines dummen Jungen

Es hat auch seine Vorteile, der einzige Schweizer auf dem Campus zu sein

Diese 6 Typen triffst du garantiert in jedem Hostel (und ich bin einer davon)

Ich habe Zürich und Singapur verglichen – rate mal, wer gewinnt ...

«Ich gehe nach Australien!» – mit diesem Satz erntet in der Schweiz niemand mehr Beifall

Wie würde die Welt ohne Internet aussehen? Eine Horrorvision in 10 Teilen

Ein Trip mit Luxuskindern: Vom Campieren und Resignieren

Party mit 19-Jährigen? Ich bin zu alt für diesen Scheiss

Herzliche Grüsse aus der Zukunft! Die Zeitverschiebung und ihre Tücken ...

11 Schweizer Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie vermissen werde

Ich und mein betrunkenes Ich – eine Hassliebe

Alle Artikel anzeigen

Mehr mint gibt's hier:

Lust auf Raclette oder Fondue? Dann solltest du diese 9 speziellen Käse-Orte besuchen 

präsentiert von

8 Comics, die du nur verstehst, wenn du den Winter nicht ausstehen kannst

Wieso, verdammt, find ich mich ein Leben lang hässlich?

Diese 13 Bilder zeigen, wie Van Gogh malen würde, wenn er ein Nerd im Jahr 2018 wäre

«Tom und Jerry» kommen ins Kino – und die Fans so: «Nein, nein, nein, nein, nein!»

Was macht den harten Mann so zart? Die Geheimnisse hinter «Wolkenbruch»

Die «Sherlock»-Erfinder bringen eine neue Serie – Achtung, es wird gruselig!

7 leckere Marroni-Rezepte, damit's mehr als nur Vermicelles gibt

5 Spiele, bei denen es heisst: Einer gegen alle!

«Ich bin so'n klassischer Weggucker»: Moritz Bleibtreu über blutige Obduktionen

«Oh captain, my captain!» Wieso Ethan Hawke seine legendärste Rolle erst gar nicht wollte

Illegales Filesharing ist wieder angesagt – schuld sind ausgerechnet die Streaming-Dienste

Die Wandersaison ist noch nicht vobei! Diese 5 Routen schaffst du noch vor dem Winter

Erstmals wird jemand wegen Netflix-Sucht in eine Klinik eingeliefert

Threesome mit einer Thai-Tänzerin und einem Landei

Wenn die Haut zerreisst – die Geschichte einer Schmetterlingsfrau

Barbie soll ihr Rollenbild überarbeiten – und das kommt dabei raus

Kanye West erklärt Donald Trump seine Liebe

Die Leiden der Verkäufer beim Self-Checkout – und was Coop und Migros dazu sagen

Was bereust du in deinem Leben am meisten? 10 Passanten erzählen

«Warum flippen Frauen aus, wenn wir Pornos konsumieren?»

Es gibt nur zwei Arten von Menschen – welcher Typ bist du?

präsentiert von

13 Handlungslücken in «Star Wars», die zerstörerischer sind als der Todesstern

Michael Moore gegen Donald Trump – hat es der Filmemacher diesmal übertrieben?

Das sind 10 der berühmtesten (und schönsten) Kuss-Szenen der Filmgeschichte

präsentiert von

Was wurde eigentlich aus Las Ketchup und diesen 7 weiteren One-Hit-Wondern?

Hilft die neue «Bildschirmzeit»-Funktion des iPhones gegen Handy-Sucht? Ein Selbstversuch

Mit diesen 10 Tricks und Tipps holst du das Beste aus Spotify raus

So wird die Schweizer Polizei auf Google bewertet

Herrgöttli nomal! Kannst DU dem Bier die richtige Grösse zuordnen?

Fertig Schnickschnack! Hier kommen 14 Cocktails mit nur zwei Zutaten!

Weil Johnny heute in Zürich ist: Welcher Depp bist du?

Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Daily Newsletter

6
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Yelp 15.07.2017 00:35
    Highlight Deine Erzählweise gefällt mir wirklich sehr gut. Ich hatte nie Grosseltern aber finde die Vorstellung davon sehr schön. Weiter so!
    7 0 Melden
  • Stumopen 14.07.2017 22:37
    Highlight Ach danke. So lieb. Ich hatte zwar auch keinen Opa, aber mein Papa war ziemlich genau so 🤗 leider ist er viel zu früh verstorben 😥
    4 0 Melden
  • Mia_san_mia 14.07.2017 21:22
    Highlight Boah da vermisse ich meinen Opa gleich wieder, wenn ich das lese...
    5 0 Melden
  • Jakal 14.07.2017 21:01
    Highlight Wunderbar!!
    3 0 Melden
  • Der müde Joe 14.07.2017 19:26
    Highlight Sehr schöner Bericht! Leider hatte ich nie einen Opi.😢 Aber ich hoffe, ich werde in ca. 30 Jahren selber mal einer sein!🙂
    13 0 Melden
  • Ire&ZaES 14.07.2017 16:47
    Highlight Sehr schöner Bericht. Danke!
    29 0 Melden

Diese 17 Gifs beweisen: Die Menschheit ist nicht nur böse, sondern tut viel Gutes ❤️

Das weisst du vielleicht schon. Trotzdem tut es gut, es ab und an wieder zu sehen.

Wie oft fragen wir uns, wie viel Menschlichkeit überhaupt noch in uns Menschen steckt? Bevor wir allzu pessimistisch werden, schauen wir uns doch einmal diese Gifs an, die dir ein bisschen den Glauben an die Menschheit zurückgeben.

(sim)

Artikel lesen