Leben
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Das Internet rät mir: Sei nett zu deinem Kind und bleib gelassen – oh, supi, danke

Bild: public domain

Big Brother weiss längst, dass ich ein Kind habe. Und erklärt mir jetzt, wie ich es zu erziehen habe, denn: Die Auswertung meiner Bewegungsdaten im Internet führt dazu, dass ich via personalisierte Werbung mit Elternratgeberblogs überhäuft werde. 



Big Data ist eine tolle Sache. Dadurch lassen sich viele Abläufe des Alltags individualisieren. Ich muss mir weniger merken und werde effizienter. Doch: Seit ich mal ein Kinderbett gegoogelt habe, begegnen mir überall Artikel und Videos zu positiver Erziehung und wohlwollende Hinweise zur ganzheitlichen Kleinkindernährung. 

Überraschungseffekte, Humor und Gelassenheit!

Die revolutionären Schlüssel zur modernen Kindererziehung sarah zanoni, kreative erziehung

Darin wird dir von lächelnden Frauen «bewiesen», wie einfach es doch ist, einen Superstar grosszuziehen. Und das ganz ohne Tränen, ohne Strafen, ohne sich zu nerven, ohne Zucker und ohne zerbrochenes Geschirr.

Liebe & Logik: Es könnte so einfach sein. Bild: screenshot dynamic counseling services

Also, im Grunde haben diese Frauen ja recht. Ihre Argumentation folgt gesundem Menschenverstand. Dass man ein Kind nicht anschreien sollte, um es dazu zu bringen, nicht mehr zu weinen ... da steckt ja durchaus eine Logik dahinter. Sie erklären dir die Funktionsweise heranreifender Gehirne. Auch hier: tatsächlich interessant.

Aber in keinem Moment wirst du darauf vorbereitet, dass du deine Spezies manchmal hassen wirst. Dass es manchmal hart wird. Dass du versagen wirst. Dass du immer wieder mal weinen wirst. Dass es Tage geben wird, an denen du nicht die Geduld in dir findest, mit unendlichem Wohlwollen, breitem Lächeln im Gesicht und auf Augenhöhe des Kindes kniend, sieben Mal zu wiederholen: 

«Mein geliebtes Goldstück, mein Sternchen, was machen wir nach dem Duschen, damit wir ins Bett gehen können, anstatt wie ein Huhn herumzurennen, deine Geschwister aufzuregen und gegen die Wand zu springen? Jaaaa, genau, der Schlafanzug! Bravo, mein kleines Sternchen. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mir rasch etwas Konfetti aus den Fingern saugen.»

parenting, ratgeber, eltern

Sonnenschein und Zahnpasta-Lächeln: Glück pur. Bild: screenshot personalcreations.com

Des Weiteren unterschlagen die meisten dieser Blogs und Ratgeber anscheinend das wichtige Kapitel mit der Überschrift: «Was jetzt folgt, ist nicht einfach: Probier's einfach und gib dein Bestes.» Auch wird eine grosse Demographie schlicht nicht angesprochen: Familien mit mehr als einem Kind. Sie sind zwar für dich da, wenn es darum geht, den kleinen Karl-Heinz zu beruhigen, der grade einen kleinen Wutanfall schiebt vor seinem Tofu-Gericht ... aber du, du musst dich mit drei kleinen Dämonen rumschlagen. Gleichzeitig.

Einer schreit rum, weil er das Essen ekelhaft findet, der andere erleidet prustend einen Lachanfall, nachdem er sich den Mais in die Nase gesteckt hat und der Grosse spielt Schlagzeug mit dem Besteck ... dieser Lärm ... und dann die Müdigkeit der letzten sechs Jahre, plus deine persönlichen Sorgen: Die liegengebliebene und längst überfällige Büroarbeit, das Loch im Socken, der Partner, der sich mal wieder verspätet, die Waschmaschine, die schon wieder spinnt. Ja, man darf es ruhig zugeben, da wird man schon mal laut. Da sagt man den Monstern schon mal, dass sie lästig seien. Vielleicht schiebt man ja auch noch ein «verdammt» mit rein. 

Kinder erziehen: Ist doch einfach. bild: screenshot family.com

Und jetzt kommt ihr Stepford Wives, verurteilt diese echten Menschen, weil sie nicht «liebevoll» sind. Zeigt ihnen mit eurem gütigen Lächeln, was für schlechte Eltern sie sind. Spammt sie zu mit Facebook-Ads über liebevolle Erziehung und Bildern heulender Kinder, damit sie sich auch richtig schön mies und schuldig fühlen. 

Denn in eurer Ratgeber-Welt ist alles Perfektion und Leichtigkeit. Alles ist schwarz und weiss. Hier bei uns, hier lebt man im Grau.

Aber ein hübsches Grau, in vielen verschiedenen Abstufungen. Mit Höhen und Tiefen. Die ganze vielköpfige Familie. Mit dem Humor der ganzen Truppe und ihren Charakteren. Ihren Geschichten. Da macht man, was man kann, mit dem, was man hat. Und manchmal ist das Wut. Und manchmal Müdigkeit. Aber auch Liebe. Und Worte. Worte wie: «Entschuldige» und «Ich bemühe mich», und «Ich beruhige mich gleich wieder». 

Denn tatsächlich, so ist es. Hier, in unserer Welt, hier probiert man. Man scheitert mal und dann beginnt man von Neuem. Man zweifelt und gesteht die eigenen Fehler den Kindern. Man erklärt ihnen, dass manchmal auch die Erwachsenen nicht alles hinkriegen. Aber dass man dran arbeitet. 

Und man sagt ihnen auch und besonders, dass man sie liebt. So wie sie sind ... in all ihren Grautönen.

86 Gründe, warum man Väter nicht mit ihren Kindern allein lassen sollte

Nostalgia ahoi: Unsere Liebsten Zeichentrickserien aus den Neunzigern

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Video: watson

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Chamäleon 11.08.2017 12:13
    Highlight Highlight Juhuu! Danke für diesen Artikel! Fühle mich in meinem Slogan: "Grau goht au" bestätigt.😊
  • Follower 11.08.2017 09:16
    Highlight Highlight Sehr schöner, lebensnaher Artikel! 😊
  • Zeit_Genosse 11.08.2017 06:07
    Highlight Highlight Einige sind heillos überfordert, da sie neben perfektem Mami-/Papisein noche ein perfektes Leben führen möchten mit all den Annehmlichkeiten die man hat wenn man keine Kinder hat. Chills...
  • Toerpe Zwerg 10.08.2017 23:10
    Highlight Highlight Klingt ziemlich ideal für mich. Vergessen Sie die Ratgeber. Imperfektion, Ehrlichkeit und Authentizität sind das Beste, was einem Kind widerfahren kann, solange ihm bedingunglose Zuneigung gewiss ist.

    Dazu gehören selbstverständlich auch Wutausbrüche inklusive Fluchen und kleinere Nervenzusammenbrüche. Kinder können das sehr gut einordnen und sie brauchen menschliche Vorbilder und keine Pädagogen als Eltern.
    • Moudi 11.08.2017 13:04
      Highlight Highlight Meistens Blitze ich deine Kommentare weil ichs entweder nicht "versteh" oder sie so "komisch" geschrieben sind.
      Aber dieser Kommentar ist TOP und kann dies auch so bestätigen!
      Schönes Wochenende!
  • Maracuja 10.08.2017 21:11
    Highlight Highlight Am besten einen riesen Bogen um alle perfekten Mamis machen, ob real life oder Blogs.
    Wenn man Glück hat, hat man aktive Kinder, die einem so auf Trab halten, dass man für Ratgeber eh keine Zeit hat. Wenn ich mal 5 Minuten dafür übrig hatte, habe ich mich eher gewundert, so empfahl eine bekannte Kinderorganisation im Elternbrief Nr. 4: Bitte Baby während dem Bad nicht fönen. Sollte es Eltern geben, die auf diese Idee kommen (wer ausser indischen Göttinnen kann das überhaupt bewerkstelligen?), hätte man denen besser bereits im Brief Nr. 1 mitgeteilt, dass sie es bleiben lassen sollen.
    • Toerpe Zwerg 10.08.2017 23:11
      Highlight Highlight Das mit dem Föhnen in der Badewanne geht schon, man muss es die kleinen einfach selber machen lassen.
  • frohwanda 10.08.2017 20:53
    Highlight Highlight trial and error gehören schliesslich zusammen....
    schöner, sehr ehrlicher beitrag - danke!
  • The Origin Gra 10.08.2017 20:39
    Highlight Highlight Ich sage meinen Kollegen mit Kindern immer wenn sie solche Geschichten Erzählen: "Da siehst Du was Du Deinen Eltern angetan hast" 😁
    Aber im Ernst, Kinder haben ist eine Grosse Verantwortung und eine Lebensaufgabe.
    Ich habe vor jeder Mutter und jedem Vater respekt.
    Ob ich dazu in der lage wäre? Ich weiss nicht.
  • Menel 10.08.2017 20:28
    Highlight Highlight Mein Credo nach 16 Jahren Mama-Dasein "Probiere nicht perfekt zu sein, sei gut genug!"

    Ich liebe meine Kinder über alles. Aber auch sie brachten mich oft an meine Grenzen und darüber hinaus.
    Meine Reaktionen waren sicher oft nicht die besten, aber ich habe mich immer entschuldigt bei meinen Kindern, wenn ich ihnen damit unrecht tat.

    Dass sich meine 3jährige mal vor mir aufgebaut hat, als ich gerade gestresst am rumschreien war, und meinte "Mama, gaaaanz ruuuhig!" zeigte mir, dass mich meine Kinder in den Momenten auch nicht ernst nahmen; zurecht 😅
    • ShadowSoul 11.08.2017 08:41
      Highlight Highlight So herzig! <3
  • Tobias K. 10.08.2017 20:26
    Highlight Highlight Die Grossmutter meiner Frau hat so ein Talent: Jedes mal wenn man sich die Nächte um die Ohren geschlagen hat wegen Magendarm oder sonstigen Wehwehchen kommt sie und meint, man solle jede Minute geniessen, denn die Kinder werden soooo schnell gross. Ja Mässi aber Hepfrässi
    • Walter Sahli 10.08.2017 21:05
      Highlight Highlight #teamgrossmutter XD

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