Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Verwirrend betörende Viedeoinstallation von Pipilotti Rist im Kunsthaus Zürich. Bild: EPA/AAP

Wieso Kultur lebensnotwendig ist

Präsentiert von

Überflüssig? Überschätzt? Im Gegenteil! Kultur hilft uns, die Welt zu bewältigen. Weil sie uns Heimat, aber auch deren Gegenteil ist. Und Grund für viele Gefühle und Gespräche.

12.02.18, 11:26 12.02.18, 16:00

Ich hab den Fehler gemacht und wieder einmal dieses Lied gehört, bei dem ich seit Jahren weinen muss. «Ne me quitte pas», verlass mich nicht. Geschrieben hat es 1959 Jacques Brel, interpretiert haben es Unzählige, etwa Nina Simone, die Frau mit der Stimme eines um Mitternacht sterbenden Sturms.

Das Lied besingt die Klage eines Mannes, der seine flüchtige Liebste anfleht, doch zu bleiben. Sie antwortet nicht. Zuletzt bittet er darum, der Schatten ihres Schattens sein zu dürfen. Oder wenigstens der Schatten ihres Hundes.

«Ich böte dir Perlen aus Regen, die aus Ländern kommen, wo es niemals regnet. Ich überquerte die Erde bis nach meinem Tod, um deine Leiche mit Gold und Licht zu bedecken. Verlass mich nicht. Verlass mich nicht.»

Aus «Ne me quitte pas» von Jacques Brel

Die grosse Nina Simone (1933–2003). Bild: AP/Netflix

Jacques Brel kreist in seinem Lied nicht um drängende Gesellschaftsfragen, aber um die wundervollen Obsessionen Poesie, Liebe und Musik. Abertausende von Menschen haben deshalb «Ne me quitte pas» zum schönsten Liebeslied des 20. Jahrhunderts gewählt. Sein Effekt: Weinen wollen, abstürzen, um kathartisch erlöst nach vier Minuten wieder aufzutauchen. War Brel Shakespeare? War er nicht. Aber er schuf mit seinem Lied die Essenz einer Erfahrung.

Gleich geht's weiter mit dem Artikel, vorher ein kurzer Hinweis ...

Weil Kultur für alle ist

Nicht nur Shakespeare oder Brel haben Kultur geschaffen. Auch wir erschaffen Kultur, und wir zerstören Kultur. Wir formen sie mit unseren Ritualen, unseren Partys, unseren Bauten. Mach auch du mit beim Ideenwettbewerb «Kulturerbe für alle»! Stelle uns deine Idee vor und mach Kultur zu etwas Lebendigem, an dem alle teilhaben können.

Und was ist mit Horrormeister Stephen King, bei dessen Anblick etwas in mir leise «Vater» flüstert? So, wie es «Schwester» sagt, wenn ich sehe, dass die Regisseurin Petra Volpe mal wieder was auf Facebook gepostet hat? Und «Mutter», wenn ich spät nachts Madonnas Stimme aus dem Radio eines Taxis höre? Sind ihre Werke für die Ewigkeit? Wahrscheinlich nicht. Aber sie haben einmal mit aller Macht in meine Gegenwart gegriffen, waren für eine Jugend, ein Jahrzehnt, einen Monat allgegenwärtig.

Kaum ein Film hat die Schweiz so bewegt wie Petra Volpes «Die göttliche Ordnung» (2017).  Bild: Filmcoopi

Sie sind darin allem vergleichbar, was da ist, ohne dass ich danach frage. Ist nicht unser ganzer Alltag das Resultat kreativer Anstrengungen? Privilegiert, wie wir sind, beruht jeder Abfallsack auf Jahrzehnten schweizerischer Grafiktradition. Die neue Arbeitskleidung des Migros-Ladenpersonals ist die Arbeit der Modedesignerin Ida Gut. Ein sehr kühner Mix aus dem klassischen Migros-Orange, Disco und Minimalismus. Und auf welchen ästhetischen Prinzipien basiert eigentlich die Prägung von WC-Papier? 

Würde man Design als Pyramide betrachten, so balancierte zuoberst auf der einsamen Spitze wahrscheinlich sowas wie ein Eames-Chair, aber sein demokratisches Fundament würde von lauter Ikea-Billy-Regalen gebildet. 

Da ist so vieles, was Stil in unserem Alltag induziert und unserem Umgang miteinander und unserer Kommunikation überhaupt erst Form und Sinn gibt und uns zu zivilisierten Mitmenschen macht.

Der Migros neue Kleider sind 2017 von der Zürcher Modedesignerin Ida Gut entworfen worden.  Bild: MIGROS/keystone

Kultur ist beides: der Himmel der Hochkultur und die Heimat im Alltag. Unterhaltung und Halt. Was wir bewusst als kulturelle Güter erwerben – ein Bild, ein Abend im Theater, im Kino, im Konzert –, aber auch alles andere, was wir kaufen, sehen und hören, sofern es nicht die Vögel am Himmel und die Blumen auf dem Feld sind.

Jedes Wort, das wir sprechen, ist das Resultat kultureller Verabredungen und kreativer Prozesse. Ohne unsere Sprache wären weitere Verabredungen und Prozesse unmöglich.

Das Schöne ist, dass wir selbst in der weltflüchtigsten Zerstreuung lernen können. Weil wir uns fallen lassen dürfen und doch nicht aufschlagen. Weil andere für uns Netze gesponnen haben. Ein langer Roman etwa oder eine vielteilige Serie ermöglichen gründlichere Alltagsflucht und Selbstauflösung als jede Droge. Sie sind Freunde, die uns mit ihrem grösseren Wissen auffangen, beruhigen und weitertragen. Über die Krisen hinaus und über unsere primäre Dummheit.

Krieg und Terrorismus zum Beispiel waren für mich als Schweizerin immer etwas Abstraktes. Bis ich Tolstojs Schlachtenepos «Krieg und Frieden» las. Bis ich die Kriegsheimkehrer-Serie «Homeland» und die Völkermord-Theaterstücke und -Filme von Milo Rau sah. Die Zeit zwischen ihnen ist erstaunlich lang, die Wege jedoch verblüffend kurz.

Szene aus dem Dokumentarfilm «Das Kongo Tribunal» (2017) von Milo Rau. Bild: Langfilm

Aber Kultur muss auch anderes können. Muss uns aus der Komfortzone der Heimat und über Grenzen hinausstossen, die wir gar nie kennen lernen wollten. Muss uns enteignen und dem Unheimlichen, das sich so geschickt hinter dem Heimeligen verbirgt, zum Frass vorwerfen.

Der an sich kleine, nicht wirklich teuer gemachte Independent-Horrorfilm «Get Out» von Jordan Peele, in dem eine konservative weisse Familie Menschenexperimente mit Schwarzen vollzieht, ist gerade der klügste Kommentar auf das Rassen- und Klassensytem in Amerika. Kein Wunder, ist er jetzt vierfach für die Oscars nominiert. Ohne «Vom Winde verweht» wär er wahrscheinlich nicht denkbar.

Es gibt keine Gegenwart ohne Vergangenheit, Stephen Kings wichtigste Vorbilder sind Anton Tschechow und James Joyce. Das alte Lied vom «Simelibärg» wirkt mit seinem Sehnsuchtsstoff auch in den Songs von Patent Ochsner und Züri West nach und – etwas fleischlicher und auf Englisch – bei den fünf traurigen Bieler Jungs der Band Puts Marie.

«Get Out» hat Chancen, in den Kategorien Film, Regie, Drehbuch und Hauptdarsteller Oscars zu gewinnen. Bild: AP/Universal Pictures

Man muss die Kontexte immer vertikal und horizontal ineinander verweben. Muss sich einmal durch die Geschichte und einmal durch die Gegenwart denken. Dann kann man sich selbst am dichtesten verorten. Es ist das simple Prinzip eines Webstuhls.

Die Kenntnis dessen, was hochtrabend kulturelles Erbe genannt wird, gibt unserer schnell auf die Erdoberfläche getupften Existenz eine Tiefe, einen Anker, zwingt uns, einander in Beziehungen zu setzen, Entwicklungen zu verstehen – und vielleicht lernen wir gar, ein paar Fehler zu vermeiden.

Aber wieso können wir dafür nicht einfach Geschichtsbücher lesen? Gut, daran hindert uns niemand und abstraktere Gemüter mögen damit die Welt durchdringen. Aber die Emotionen, die sinnliche Erschütterung, die erreichen uns direkter über Kunstwerke. Es ist ein Unterschied wie zwischen einem Kochbuch und Essen im Mund. Wir brauchen beides, aber Letzteres brauchen wir dringender. 

Weil Kultur keine Grenzen kennt

Was ist für dich Kultur? Sind es deine Spazierwege, dein alter Plattenspieler oder der Game-Abend mit deinen Freunden? Das Bundesamt für Kultur sammelt Ideen, die das Kulturerbe für alle erlebbar machen. Mach auch du mit!

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.

Abonniere unseren Daily Newsletter

19
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Nausicaä 13.02.2018 09:35
    Highlight Frau Meier, wieder mal ein Kompliment zu Ihrem Schreibstil. Viele FeuilletonistInnen schreiben, so dünkt es mich, recht ähnlich, Sie allerdings haben einen ganz eigenen, faszinierenden Stil. Ich kann es gar nicht richtig fassen, es ist irgendwie trocken, rhythmisch und doch schillernd mit dramatischen (im umgangssprachlichen Sinn) Elementen. Echt toll.

    Noch zu 'get out': Habe ich geahnt, dass mir ein Puzzle-Stückchen fehlt, um den Film vollumfänglich zu verstehen. 'Vom Winde verweht' wollte ich mir eh schon lange mal reinziehen...

    14 12 Melden
    • Simone M. 13.02.2018 14:10
      Highlight Oh danke, das ist ein sehr schönes, grosses Kompliment.
      17 13 Melden
  • dracului 13.02.2018 07:51
    Highlight Und wer ist der Schweizer Brel, die hiesige Nina Simone? Die Afroamerikaner haben den Blues, in Portugal wird „saudade“ im Fado besungen, in Rumänien wird „dor“ in Doinas ausgedrückt. Die Schweizer Folklore ist durlastig! Simeliberg eines der wenigen Lieder in moll. Die Schweiz hat zwar eine reiche Vergangenheit, aber ist das bereits Kultur? Vermutlich fühlen sich deshalb viele von jeder Dönerbude „kulturell“ bedroht oder suchen zwanghaft in fremden Kulturen, was im Alpenland nicht zu finden ist. Es ist gut, wenn sich ein Bundesamt auf die Suche nach der sagenumwobenen Schweizer Kultur macht!
    9 13 Melden
  • Schneider Alex 13.02.2018 06:30
    Highlight Wer soll die elitäre Kultur bezahlen?

    In früheren Zeiten haben vor allem Mäzene die Hochkultur getragen. Es ist eigentlich nicht einzusehen, wieso der Durchschnittsbürger die Kulturvergnügen der immer gleichen Minderheit mitfinanzieren soll.
    25 27 Melden
    • Nausicaä 13.02.2018 09:54
      Highlight Frau Meier spricht nicht von Hochkultur. Ist Stephen King Hochkultur? Madonna? Nein. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und Stephen King hat meine Jugend ungemein und auf so viele Arten bereichert. Ich habe von ihm so viel über das Leben gelernt. Madonna war nach der leider alles mit sich machen lassenden Marilyn genau das Vorbild, das Frauen in den 80er und 90ern brauchten. Eine Frau, die Selbstbestimmtheit geradezu ausdünstete. Wir brauchen Kultur. Dringend. Kultur macht uns erst zu Menschen, bringt uns voran.
      24 6 Melden
  • Nelson Muntz 12.02.2018 14:46
    Highlight Kultige Kultur...
    8 6 Melden
  • Simonetta 12.02.2018 14:44
    Highlight Was hier als Kunst bezeichnet wird, ist nichts als Unterhaltung, Zeitvertreib, Langeweilekiller, Selbstbefriedigung für Leute, die nicht wissen, was sie mit ihrer Lebenszeit anstellen sollen.

    Kunst ist etwas etwas anderes. Kunst ist, was Können voraussetzt und Nutzen bringt: alles vom Jäten, über Interkontinentalraketen bis hin zur Mikrochirurgie.
    Was keinen Nutzen bringt ist keine Kunst, weil es keine Kunst ist, keinen Nutzen zu schaffen.
    Was kein Können voraussetzt ist keine Kunst, weil es keine Kunst ist nichts zu können.

    Kunst ändert nichts. Sie wird geändert, immer nach der Mode.
    30 101 Melden
    • Hackphresse 12.02.2018 16:42
      Highlight Einen Kommentar zu verfassen im Horkheimerschen Stil ist auch keine Kunst, sondern Kopie. Und da mir ihr Beitrag nichts bringt da er sich wiederspricht ist es weder Kunst noch sonst was.
      Ich hoffe sie fühlen sich aber befriedigt nach dem sie ihren Erguss hier in die Kommentarpalte ausgelassen haben.
      (Wortspiel beabsichtigt) [übernehme keine Garantie zu rechtschreibung]

      Ach und noch was zum nutzen der Kunst: 'Kommerzielle' Kunst ist ein gigantischer Wirtschaftssektor der extrem viele Arbeitsplätze schafft indem Menschen ihre Talente ausleben und damit Geld verdienen können.
      Just saying 😒
      50 15 Melden
    • Simonetta 13.02.2018 09:17
      Highlight @Hackphresse: Kommentare müssen weder ein Original noch Kunst sein.
      Wenn es ein kunstvoller Nutzen ist, wenn es Geld und Beschäftigung bringt, dann sind Prostitution, Drogenhandel, Menschenschlepperei, Sklaverei, Diktatur und Krieg auch nutzenbringed und auf der gleicher Stufe wie Kunst.
      11 11 Melden
    • ujay 13.02.2018 13:30
      Highlight @Simonetta. Selbsternannte Kunsterklärer sind sowas von überflüssig. Schau weiter TV.
      13 9 Melden
    • Simonetta 13.02.2018 17:45
      Highlight @ujay
      TV ist derzeit die höchstentwickelte Form von Kunst.
      7 9 Melden
    • Enzasa 13.02.2018 22:20
      Highlight Was ist die Definition von Nutzen?
      Was ist die Definition von Können?
      Ein Bild von einem Kind gemalt, dass die Mutter glücklich macht ist Kunst.
      Eine Skulptur von einem Meister geschaffen, die keiner kaufen will ist auch Kunst.
      Kunst spiegelt das aktuelle Geschehen, das macht auch die Mode.
      Kunst ist einfach individuell.
      11 2 Melden
  • pamayer 12.02.2018 14:20
    Highlight Wow.

    WOW.

    WOW!

    Danke, Simone.
    39 21 Melden
    • Simone M. 12.02.2018 15:43
      Highlight Mon plaisir, merci.
      18 15 Melden
  • dieBied 12.02.2018 13:51
    Highlight Toller Artikel, Danke!
    45 21 Melden
    • Simone M. 12.02.2018 15:44
      Highlight Gerne!
      12 14 Melden
  • Prince of the Ravens 12.02.2018 13:50
    Highlight Sehr schön geschrieben!
    52 21 Melden
    • Simone M. 12.02.2018 15:44
      Highlight Dankeschön!
      12 15 Melden

Der «Dancehall Caballero» reitet nicht mehr: Seeed-Frontmann Demba Nabé ist tot

Der Musiker Demba Nabé ist im Alter von 46 Jahren gestorben. Er war einer der drei Frontmänner der deutschen Dancehall- und Reggae-Kombo Seeed. Dies bestätigte der Anwalt von Nabés Band Seeed, Christian Schertz.

Der 1972 geborene Nabé war auch als Ear oder Boundzound bekannt. Nabé war auch als Solomusiker und als bildender Künstler tätig. Die bisher vier Studioalben der elfköpfigen Kultband Seeed um die Sänger Nabé, Peter Fox und Frank A. Dellé  waren immer wieder in den …

Artikel lesen