Leben
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Die Zukunft war golden und sie war jetzt – Gedanken zum Wandel der Welt

26.02.17, 19:58 27.02.17, 08:29

Jürg odermatt



Lausanne, Sommer 1969. Ich war in den Ferien bei meiner Mum und ihrem neuen Partner Jean-Paul. Weit unten rauschte leise der Verkehr der Avenue de Morges. Wir sassen auf dem Balkon im 5. Stock des Wohnblocks, fixiert auf ein ganz anderes Rauschen. Es kam aus dem Transistorradio auf dem Tischchen und war – magisch:

«That's one small step for a man, one giant leap for mankind.»

Neil Armstrong

Bild: AP NASA

Am Nachthimmel hing ein halber Mond und leuchtete heller als sonst. Sie hatten mich geweckt, und weil sie keinen Fernseher hatten, hörten wir Neil Armstrong und Buzz Aldrin am Radio zu, wie sie aus der Mondlandefähre stiegen und erste Schritte in eine neue Welt machten. Dieses Rauschen, überlagert von atmosphärischen Störungen und dem Live-Kommentar des Westschweizer Radios, war für mich das schönste Geräusch der Welt. Und je länger ich siebenjähriger Furzel gleichzeitig hörte und Richtung Mond schaute, desto sicherer war ich, dass ich die beiden Männer dort oben auch: sah.

Ich sah sie in der pudrigen Oberfläche ihre Stiefelspuren hinterlassen, sah, wie sie kleine Hüpfer machten und die Flagge der USA in den Boden rammten. Die Welt war aufregend, die Zukunft war golden und sie war: jetzt!

Bild: AP/NASA

Denn auch abgesehen von der Mondlandung machten wir grosse Schritte in neue Welten. Transistoren, Farb-TV, die Boeing 747, Computer, Teflonpfannen und Kassettenrecorder – neue Technik veränderte unseren Alltag.

Nicht nur neue Technik: Aus dem Zimmer meiner älteren Schwester hörte ich Musik, die mich aus dem Mief des Elternhauses wegkatapultierte. Jimi Hendrix, The Who, Led Zeppelin, Black Sabbath. Eher die Antithese zu den Jodelchor-Platten meiner Stiefmutter und den paar Marschmusik-LPs meines Dads. Verzerrte Gitarren und brachiale Grooves, verspacte Stimmen, ausufernde Soli: 

Es tönte nach Entgrenzung, Aufbruch, nach einer neuen Welt, die offenbar gerade Gestalt anzunehmen begann.

Zürich, 1969: Die «Topless-Band» posiert für den Fotografen Niklaus Staus. Bild: KEYSTONE

Selbst in Neuhausen am Rheinfall, wo ich asozialsiert wurde, begannen die älteren Jungs in der Nachbarschaft, sich die Haare wachsen zu lassen, frisierten stattdessen ihre Puch Maxis und schraubten Chopperlenker drauf – Easy Riders im Kaff. Diese «Beatles», «Haschfixer» und «Hippies» nervten die Älteren so sehr, dass sie mich einfach interessieren mussten.

Wie wenig später auch all die Typen in Glitzerklamotten und mit Schminke im Gesicht, mit denen ich mein Zimmer tapezierte und deren Musik ich auf Vinyl durchsichtig hörte: 

Marc Bolan, Sweet, Slade, David Bowie. Glam, Bam, Thank You Ma’am!

Erst viele Jahre später ging mir auf, dass ich damals keinen Anfang, sondern das Ende einer Epoche mitbekommen hatte: Das Ende der optimistischen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Menschen in Europa erst damit beschäftigt waren, all das Zerstörte wegzuräumen und wiederaufzubauen – und dann einfach weitermachten. Eine Zeit, die man als «Wirtschaftswunder» verklären sollte.

Der Wohlstand stieg unaufhörlich – zumindest im Herzen der Ersten Welt. Es ging vorwärts, aber richtig: Die Wirtschaft brummte wie der Boxermotor des jedes Mal etwas teureren VW-Modells, das sich mein Vater alle paar Jahre anschaffte. Die Menschen fuhren im Auto quer durch Europa, Sommerferien in Rimini!

Stau am Gotthard: 6. August 1969. keystone/str

1968 war gekommen, hatte von Revolution geredet und stellte Hierarchien, Autoritäten, Grenzen infrage. Ein bisschen dieser utopischen Energie schwappte aus Studentenkreisen bis in unseren Alltag. Alles klar: Eine bessere, schönere, aufregendere Welt war möglich! War zum Greifen nah!

Als Kind hatte ich zwar keine Ahnung von Geschichte, aber ich bekam die Euphorie-Vibes der Erwachsenen mit – nicht nur während Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond herumspazierten. Ich war zufällig an einem superprivilegierten Ort in diesen kleinen Ausschnitt der Weltgeschichte hineingeplumpst, in dem sich die Zukunft präsentierte wie ewig leuchtendes Morgenrot, über das sich ein Regenbogen aus MDMA-Dampf spannt.

Als der Nachrichtensprecher auf Radio Beromünster während unseres familiären Abendessens im Herbst 1973 erzählte, die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) drossle ihre Ölfördermenge, sah ich das Gesicht meines Vaters entgleisen. Ich begriff nichts von den politischen Hintergründen, aber ich sah an seiner Mimik: Jetzt passiert etwas Unvorstellbares. Zuerst einmal gab es – lustig! – autofreie Sonntage.

Leere Autobahnen: Die Schweiz an einem Sonntag im November 1973. Bild: KEYSTONE

Aber eigentlich wurde jeglicher Zukunftseuphorie buchstäblich der Saft abgedreht. Die Erste Welt merkte, wie sehr sie abhängig war vom Rest, vom Öl vor allem, diesem Wirtschaftswunder-Gleitmittel. Neue Begriffe tauchten auf: Energiesparen, Grenzen des Wachstums, Umweltschutz, Rezession. Alles tönte nicht mehr ganz so glamourös.

Damals ging ein Vorhang zu und blieb zu. Die Zukunft wurde mehr und mehr zu einem Schreckensort: Das atomare Wettrüsten spitzte sich zu, Tschernobyl, Kriege in Ex-Jugoslawien, Tschetschenien, Afghanistan, dem Irak und an vielen anderen Orten, Aids tauchte auf, es gab (und gibt) Nationalismus, Terrorismus, die al-Kaida, 9/11, Fukushima, den «IS», Donald Trump.

2017: Mick Mulvaney, Leiter der Budgetbehörde, blickt zum US-Präsidenten Donald Trump. Bild: KEVIN LAMARQUE/REUTERS

Ist, was ich erlebte, einfach mit der «naiven» Sicht eines Kindes auf die Welt zu erklären? Ich weiss es nicht. Ich vermute: nicht nur. Aber ich frage mich oft, wie sich «die Zukunft» heute anfühlt für ein Kind oder einen Teenager im Schweizer Mittelland (bis heute ein scheissprivilegierter Ort). Ist dort alles möglich? Ist es besser als hier und jetzt?

Der Autor, damals, als die Zukunft noch in weiter Ferne lag. bild: zvg

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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21
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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • concerned citizen 03.04.2017 14:32
    Highlight It will possibly disappoint you, but... Mondlandung IST fake.
    Keiner zu damal.Zeit hatte Technologie die so etwas ermöglicht hätte.
    Deshalb wenn es jetzt so verdammt schade ist, aber es ist wohl tatsächlich so , Amis haben es getäuscht.
    If you cant' make it, fake it. Aber dass sie bis jetzt noch keinen Mut gefunden haben dies zuzugeben, finde ich auch schade. Mondgrund proben, "original" Filmaufnahmen, alles ist "verloren" gegangen
    Was bleibt, ist das bittere Gefühl von beschissen worden zu sein. Die ganze Menscheit anstelle a leap Forward, einen Sprung ins moralische Abgrund gewagt hatte.
    1 6 Melden
  • Fabio74 01.03.2017 13:02
    Highlight Mir fehlt das prägende Ende 80er Jahre. Der Zusammenbruch im Osten bis zum Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung. Momente der Hoffnung
    6 0 Melden
  • The Origin Gra 28.02.2017 12:19
    Highlight Ich erinnere mich noch wie ich mal als 5 Jähriger Knirps einen Artikel über den Krieg in Ex Jugoslawien lass und Unglaublich Angst bekam weil das rund 10 Autostunden von mir Zuhause weg passiert.

    Von da an war alles irgendwie anders.
    Es folgte Krieg auf Krieg, der nächste Krieg war ja dann schon der Zweite Tschetschenienkrieg, dann kam 911 und der Irak, danach der Georgienkrieg, Syrienkrieg und ja dann schon wieder Ukraine.
    Kurz gesagt, seit 22 Jahren ein Krieg auf den anderen.

    Ich weiss nicht was es für ein Gefühl war, als der Kalte Krieg noch Herrschte aber die neuen Konflikte prägen :(
    6 2 Melden
  • fabinho 26.02.2017 22:07
    Highlight Als ich noch ein Kind war, kamen Computer und GPS gerade so auf. Ich weiss noch, wie alle davon Sprachen, wie es die Welt revolutionieren wird und ehrlichgesagt dann auch hat. Aber ich mag mich auch an das berühmte "hüt zu tags isch das andersch..." erinnern. Die Zukunft meiner Generation wurde aus meiner subjektiven Sicht schon etwas dunkler gemalen als in diesem Bericht beschrieben.
    13 1 Melden
  • Markus_Pfister 26.02.2017 20:53
    Highlight Toll geschrieben! Aber auch früher war nicht einfach alles gut! Offene Drogenszene, Rauch in Büros und Restaurants, hungernde Kinder in Äthiopien, - Ja sogar die Anschnallpflicht wurde durch Vater lange ignoriert Ich sehe die Zukunft durchaus positiv! Wir werden in Kürze das Energieproblem und, den Hunger der dritten besiegt haben. Wir sind emanzipierter, gebildeter, internationaler und hinterfragen alles was uns durch die Medien serviert wird! (Ok - nicht alle!) Fazit: wir sind auf dem richtigen Weg und hinterlassen weniger Kollateralschäden wie unsere Vorgängergeneration!
    58 17 Melden
    • FrancoL 26.02.2017 21:39
      Highlight Bist Du sicher? Ich erlebe eigentlich täglich eine unnötige Beschädigung unserer Umwelt und so richtig etwas für die nächsten Generationen scheinen wir auch nicht zu tun. Es geht uns klar besser als unseren Eltern, aber ist das ein Massstab und was heisst eigentlich besser?
      Ich bin dafür positiv, ja sogar positiv in die Zukunft zu schauen aber dabei nicht den Kompass verlieren, nicht vergessen dass wir in Vorlage gestartet sind zumindest die die heute älter als 40 sind.

      Aber ich finde Deine positive Sicht gut inmitten von vielen negativen Zeichen und Zeilen.
      38 5 Melden
    • atomschlaf 26.02.2017 22:27
      Highlight Nur schon wenn ich hin und wieder hinter einem alten Auto aus der Zeit vor Mitte/Ende der 80er Jahre herfahre und rieche, was dort hinten rauskommt, wird mir bewusst welche gewaltigen Fortschritte wir im Umweltbereich gemacht haben.
      39 2 Melden
    • _kokolorix 27.02.2017 06:52
      Highlight @atomschlaf
      Dass aber die ungeheure Menge an 'umweltfreundlichen' Autos durch ihre Produktion und ihren Betrieb ein x-faches an Schadstoffen freisetzten, ist dir schon bewusst?
      Etwa 80% der Umweltbelastung entsteht durch die Produktion, die kannst du hier nicht riechen.
      Der Fortschritt manifestiert sich für mich eher in der Tatsache, dass das Automobil so langsam seinen Wert als Statussymbol verliert und daher zukunftsfähige Verkerskonzepte jenseits von Testosteron und Machogehabe denkbar werden
      29 6 Melden
  • jjjj 26.02.2017 20:50
    Highlight Musste Trump da echt noch rein?
    Watson, es nervt!


    Sonst super Artikel!
    26 60 Melden
    • Dean Hubert 26.02.2017 21:48
      Highlight ich finde es gehört zur story dazu aber natürlich kann man wegen den zwei letzten wörter den ganzen text haten
      33 8 Melden
    • jjjj 26.02.2017 22:12
      Highlight Mach ich ja gar nicht...
      8 8 Melden
  • mortiferus 26.02.2017 20:35
    Highlight lol, ein wenig viel Ehre für the Donald...Meine frühsten Erinnerungen vom Radio waren Nachrichten aus Vietnam. Was Korea war und das Ende der Kolonialzeit in zb Iran, Algerien usw. erfuhr ich später. Früher war es aber besser ;) weil es weniger stressig war und es mehr Platz und Freiheit hatte. Sicher gab es gesellschaftliche Zwänge die es heute nicht mehr gibt, dafür gibt es heute andere und mehr davon.
    Ich denke für Kinder von heute ist es gleich wie für Kinder aus jeder Generation die in vergleichbaren Verhältnissen aufwachsen. Denk an den Spruch von Aristoteles, die Jugend von heute....
    37 0 Melden
  • reamiado 26.02.2017 20:15
    Highlight Könnten Sie bitte "Erste Welt" mit Anführungs- und Schlusszeichen schreiben? Selbst historisch verwendet finde ich, dass dieser Begriff mit Vorsicht zu geniessen ist, da er sehr wertend ist.
    11 44 Melden
    • atomschlaf 26.02.2017 21:20
      Highlight First World problem!
      60 2 Melden
    • supremewash 26.02.2017 23:09
      Highlight Ist das Wertende nicht Sinn des Begriffs?
      18 2 Melden
    • Gebo 27.02.2017 20:36
      Highlight Den Begriff der ersten Welt kann auch nicht wertend verwendet werden. Im Sinne der zeitlichen Abfolge der Kolonisierung durch die Europäer. Europa = 1. Welt | Amerika = Neue (somit folglich zweite) Welt | Afrika = Dritte Welt
      1 1 Melden
    • supremewash 27.02.2017 22:50
      Highlight @Gebo Danke. Hast mich gerade zur Recherche angeregt. Interessantes Thema. War mir nicht bewusst wie mehrdeutig der Begriff ist. ABER, die Wertung bleibt immer (auch unterschwellig) Bestandteil der Definition.
      2 0 Melden

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