Leben
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epa04946200 A customer returns to her place in the queue outside of the Apple Store in Sydney, Australia, 24 September 2015, to be the first in queue for the new iPhones. Apple will release the iPhone 6s and iPhone 6s Plus in Australia on 25 September morning.  EPA/PAUL MILLER AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Zelten für ein neues iPhone – Auge, Herzschlag, Phantomschmerz. Bild: EPA/AAP

Wie geht man damit um, dass wir alle Paparazzi sind? Medienforscher Pörksen weiss es

Wie kriegt man grosse Leute enorm schnell klein und umgekehrt? Und wie geht man damit um, dass alle Paparazzi sind? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen liefert eine längst fällige Übersicht.

06.04.18, 09:19 09.04.18, 19:30


Wir befinden uns im Fieber der digitalen Rastlosigkeit. Wach, angespannt, manchmal gar panisch, etwas zu verpassen. Voller FOMO, voller «fear of missing out». Diejenigen, die's ganz schlimm erwischt hat, spüren sogar ein ständiges Phantomvibrieren, selbst wenn ihr Smartphone ganz ruhig in irgendeiner Tasche schläft.

Die ganze Welt ist Sender und Empfänger. Irgendjemand ist immer am richtigen Ort. Ist dabei, wenn die Holzbrücke von Olten brennt. Oder wenn ein Mensch stirbt. Wir befinden uns in einer radikal horizontalen Neuorganisation der News-Vermittlung. Im Zeitalter der totalen Indiskretion.

Mediale Indiskretion war früher das Privileg der Paparazzi. Heute ist sie die natürlichste Regung von allen, die glauben, etwas Wichtiges oder jemanden Bedeutenden zu sehen. Am liebsten im Zustand einer Verletzung, einer Grenzüberschreitung – sei es ein Unglücksfall oder der Autoritätsverlust einer öffentlichen Person. Etwa den Schwächeanfall von Hillary Clinton während ihres Wahlkampfs 2016.

The boat carrying George Clooney and his wife Amal Alamuddin, is surrounded by media and security boats as they cruise the Grand Canal after leaving the Aman luxury Hotel in Venice, Italy, Sunday, Sept. 28, 2014. George Clooney married human rights lawyer Amal Alamuddin Saturday, the actor's representative said, out of sight of pursuing paparazzi and adoring crowds. (AP Photo/Luigi Costantini)

George Clooney und Amal Alamuddin am Tag ihrer Hochzeit 2014, gefolgt von Paparazzi- und Security-Booten. Bild: AP

Ihr, liebe Userinnen und User, seid längst ein unverzichtbarer Pfeiler jener «redaktionellen Gesellschaft», in der wir uns alle befinden. Ein Medium – wie watson – ist heute im Idealfall ein Gemeinschaftsprojekt von aussen und innen, von euch und uns. Die «vierte Gewalt» der Medien war gestern, willkommen im Zeitalter der «fünften Gewalt», die der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem neuen Buch «Die grosse Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung» so bezeichnet: 

«Diese fünfte Gewalt der vernetzten Vielen ist schön und hässlich, sensibel und grausam; manchmal agiert sie äusserst brutal und manchmal zeigt sie sich auf eine berührende Weise moralisch engagiert.»

B. Pörksen

Es liegt in der Natur der nicht institutionalisierten Fünften Gewalt, dass sie in sogenannten «Konnektiven» auftritt. Also nicht in Kollektiven, die sich aufgrund einer Abmachung zu einem gemeinsamen (oft politisch motivierten) Ziel verpflichten. Sie sind zufällige Blasenbildungen von Menschen, die sich aufgrund einer partikulären Regung für eine kurze Zeit online zu einem flüchtigen Konnektiv, einem digitalen Flashmob verbinden. Sie sind das eine Ende einer Kultur des Rückzugs in die viel gescholtenen Filterblasen.

Undated handout photo issued by Mary's Meals of Martha Payne.  A Scottish local authority on Friday June 15 2012 retreated in the face of an online outcry and lifted a ban on 9-year-old blogger Martha Payne, who had been ordered to stop taking photographs of the lunches served up at her school cafeteria. Her images of uninspiring school meals — one consisted of two croquettes, a plain cheeseburger, three slices of cucumber and a lollipop — drew international attention. The blog, set up about six weeks ago as a writing project and to help raise money for a school-meals charity, has drawn more than 2 million hits. Martha, who lives in the coastal town of Lochgilphead, about 130 miles (210 kilometers) west of Edinburgh, gave each meal a

Die 9-jährige Schottin Martha Payne bloggte ihr Kantinenessen. Es sah sehr schlecht aus. Was zu einem Volksaufstand und zu «Ragedonations», Wutspenden, für besseres Essen sorgte. Bild: AP MARY'S MEALS

Am andern Ende liegen wir, die Medien. Damit beschäftigt, Tag und Nacht höchst unzulängliche Einordnungsversuche einer in Milliarden von Bildern, Gerüchten und Informationspartikeln explodierten Wirklichkeit zu liefern. Wenn wir dabei nur auf Geschwindigkeit und nicht auch auf Genauigkeit setzen, ist die Gefahr gross, selbst Fake News zu reproduzieren. Denn sobald sich etwas im Internet befindet, bleibt es dort sehr lange hartnäckig liegen, selbst wenn es falsch ist. 

Kommt dazu, dass jeder Artikel, und sei er noch so seriös, nur eine Annäherung an eine «Wahrheit» sein kann. Es sei denn, wir waren dabei, direkt, unbestechlich, als unsere erste, existenziell verlässliche Informationsquelle. Aber selbst dann sind wir nicht umfassend, selbst dann sind wir tendenziös. Denn alles, was wir publizieren, ist arrangiert und komponiert, «und blendet», so Pörksen, «eine gigantische, als irrelevant klassifizierte Restwelt aus.» Stimmt. Leider. Jeder Artikel ist ebenfalls nichts als eine weitere Bubble.

Alles ist heute medial möglich, auch die «Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren». Etwa mit dem Instagram-Account «Rich Kids of Teheran» ...

Pörksen betrachtet die schon fast monarchische Autorität vor-digitaler Medien, die ihren Lesern in einem «sanften Paternalismus» klar machten, dass es auch noch Welten ausserhalb ihrer Interessen gibt: Auch wenn man einen Wirtschaftsteil oder ein Feuilleton einer Zeitung nicht lesen mag, sieht man, dass sie existieren, flackern ihre Themen an einem vorbei.

«In alldem liegt ein stilles Drängen, sich mit fremden Wahrnehmungen zu befassen, sie ernst zu nehmen und überhaupt als existent zu registrieren.»

B. Pörksen

Aber wie bringt man nun die beiden Blasenwelten der vierten und fünften Gewalt zusammen? Die etablierte Öffentlichkeit der Medien und die aktionistische, zwischen Moral und Mobbing schwankende Gegenöffentlichkeit der «vernetzten Vielen»? 

... kontrastiert durch den Instagram-Account «Poor Kids of Iran».

Beide Seiten müssen lernen. Journalismus muss dialogisch und transparent werden, schlägt Pörksen vor, muss etwa Organisation und Wege der Wahrheitsfindung offen legen, zum Teil einer Geschichte machen. Muss die spontane Erregung seiner User verantwortungsvoll bändigen. Rücksichtnahme üben. Überlegen, wer womit unnötig verletzt werden könnte. Also ungefähr das, was wir hier schon seit vier Jahren versuchen.

Es ist ein kleinteiliger, ein steiniger, oft schmerzhafter Weg, er verlangt Beschäftigung – etwa mit gewissen User-Kommentaren – denen man sich nur zu gern mit dem alten Gestus der unberührbaren Wahrheitsverkünder entziehen würde. Aber Eitelkeiten gehören nicht mehr in die Welt einer redaktionellen Demokratie. 

Pörksens Buch tut beiden Seiten gut und not. Weil es eine umsichtige Übersicht und ein Schlaglicht auf die grössten Aufmerksamkeits-Exzesse des letzten Jahrzehnts liefert. Man geht danach wieder etwas besonnener ans fiebrige Tagwerk der Informationsverarbeitung, ignoriert den heissen Dampf der Gerüchteküchen – uns überlegt ein paar Sekunden länger, ob der Tweet, den man grad rausjagen wollte, tatsächlich von Belang ist.

Bernahrd Pörksen: «Die grosse Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung». Hanser 2018, 256 Seiten, ca. 34 Franken.

Bitte sei einfach keiner dieser Selfie-Typen!

Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Madison Pierce 06.04.2018 16:06
    Highlight Was ich mir von den Medien wünsche: dass sie ihre Arbeit mehr schätzen. Ein mit Fleiss erarbeiteter Artikel sollte nicht gering-geschätzt werden, wie es leider häufig passiert: veröffentlichen und vergessen, vielleicht noch ein paar Kommentare moderieren (und das auf watson.ch neuerdings auch nur noch 72 Stunden lang).

    Stattdessen sollte man auch später Korrekturen anbringen, wenn man auf Fehler hingewiesen wird. Gerade eben, weil der Artikel "für immer" im Internet steht. Niemand macht gerne Fehler, aber ein guter Umgang damit verschafft Respekt.
    9 0 Melden

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