Leben
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Ich häkle, also bin ich – der Niedergang der Do-it-yourself-Bewegung

collage: watson

«Do-it-Yourself» steht aktuell für chic, selbstgemacht, nachhaltig, raffiniert und ganz viel Pastellfarbe. Das war nicht immer so. Es folgt der Niedergang einer Gesellschaftskritik …



«D.I.Y. or DIE.»

Mach's selbst oder geh' sterben. Angekratzt ist die schwarze Textilfarbe, die sich standhaft an der Jeansjacke festklammert, die gerade vor mir den Theaterraum der Roten Fabrik in Zürich betritt.

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Die Person, die zur abgeranzten Jeansjacke gehört, trägt abrasierte auf der einen und lange Haare auf der anderen Kopfseite. Ihre Hose ist rot-schwarz gestreift. Metallringe und Stäbe bohren sich durch die verschiedensten Stellen ihres Gesichts. Ich glotze vermutlich schon zu lange, als es sich gehört. 

Aber die Szenerie stimmt mich nostalgisch. Und gleichzeitig bin ich irritiert. DIY – dieser purpurfarbene, Gute-Laune-Slogan – gehört für mich eigentlich zu Tante Pia und zu Kühlschrankmagneten aus Bierdeckeln. Nicht zu androgynen Punk-Wesen mit Schwermetall zwischen den Nasenlöchern.

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bild: paperblog

D.I.Y. ist ein Luxussymptom

Do-it-yourself – das heisst für mich Pastellfarbe und Lampen aus alten Pet-Flaschen. Do-it-yourself schreit es mir entgegen, wenn mich meine Schwestern in der Stadt besuche und wir – wie schon beim letzten und vorletzten Mal – in «Frau Gerolds Garten» teures Bier aus einer Mikrobrauerei trinken. Wir bezahlen den Preis für den nachhaltig produzierten Hopfensaft trotzdem immer gerne, weil sich meine Schwestern dort an den raffinierten Einsätzen von Europaletten erfreuen und es echt cool findet, wie der Koriander und die Petersilie auf dem ehemaligen Fabrikgelände in leeren Benzinkanistern blühen.

Do-it-yourself ist chic und hip. Ja, auch ein bisschen nostalgisch und schludrig, aber unbedingt süss und lebensbejahend. Auf keinen Fall krustig. Wie etwa eine Jeansjacke mit Todesdrohung drauf. Dachte ich bis anhin. 

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Illustration aus einem Punk-Magazin. via wrathozombie

Doch in Tat und Wahrheit kommt die Do-it-yourself-Bewegung aus genau der Ecke, die Zuschreibungen wie «süss» und «heimelig» mit einem «Mittelfinger hoch!» quittieren würde. Die Selbstmachkultur war in ihrem Ursprung nämlich ein gesellschaftskritischer Lifestyle, mit dem Öko-Hippies und linke Punks zwischen den späten 60ern und den frühen 90ern dem Konsumwahnsinn absagen wollten.

Und das ist ja irgendwie schon auch witzig. Gerade in der Zeit, in der üppige Kühlschränke zum Statussymbol wurden, in der Massenkonsum zum ersten Mal einen Wohlstand für alle versprach und eine futuristische Technologiegläubigkeit wie ein Schleier über der westlichen Kultur hing, kamen Leute auf den Gedanken, ihre Ware doch lieber wieder selbst herzustellen.

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Der üppige Kühlschrank als Symbol früher Massenkonsumkultur.  bild: flickr

Und zwar nicht aus dem Grund einer Notwendigkeit. Sondern dank des grossmehrheitlichen Luxus', sich die Frage stellen zu dürfen: «Was will ich eigentlich wie konsumieren?»

Verloren in ihrer «No Future»-Attitüde nahmen jugendliche Subkulturen in den 80ern genau diese Frage auf und fanden eine hoffnungstragende, wenn auch sehr eskapistische, Antwort auf sie: «Scheiss auf No Future! Scheiss auf die herrschende Klasse! Mach's selbst!». Etwas rigider und in Englisch formuliert landen wir so wieder bei der Jeansjacke in der roten Fabrik:

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bild: gd blogs

Im Zuge dieser Parole hatte Punk wieder eine politische Vision und ein Argument, um sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen. Dieses Statement war aber nicht zuletzt  auch der Grundstein vieler kommerzieller Konsumgüter, die wir heute fast schon selbstverständlich ab Stange kaufen, beziehungsweise nutzen.

Beispiele dafür sind etwa gerade modische Jeansjacken mit bunten Stickern drauf; genauso aber auch Techno-Musik oder Open-Source-Computer-Programme wie «Linux», «Open Office» oder die «Wikipedia».

Romantik als einfachere Kritik

Die Gesellschaftsjournalistin und Buchautorin Susanne Klingner sieht im Phänomen der Selbstmachbewegung nicht nur eine subversive Gesellschaftskritik. Sie sieht in ihr auch eine Reaktion auf die Überforderung mit der Massenkonsumkultur in Form einer romantischen Rückbesinnung. 

Ich häkle, also bin ich. 

Zum einen, so Klinger, fehle es denn meisten Menschen in der heutigen Zeit an einem sinnlichen Schaffungsprozess. So viele Menschen sässen Tag ein, Tag aus hinter einem Bildschirm und würden irgendwelche Exceltabellen abtippen, sodass sie am Abend gar nicht so genau wüssten, was sie den ganzen Tag geschaffen haben. DIY sei in diesem Fall ein Selbstverwirklichungsakt. Und nichts anderes. 

Denn Socken zu stricken und Brot zu backen sind ja keine neuen Erfindungen. Früher waren sie alltägliche Notwendigkeiten zur Bewerkstelligung des Lebens. Heute sind sie eben hip.

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Massenkonsum fühle sich für viele Menschen wie eine Spirale an, aus der sie ausbrechen wollen, sagt Susanne Klingner. bild: polyp.org

Ein anderes Motiv für die momentane Konjunktur von DIY-Projekten sei dasselbe Gefühl, das junge Punks vor fast vier Dekaden schon verspürt haben: der kapitalistische Wahnsinn des Massenkonsums.

Hippies und junge Weltverbesserer störten sich an den üppigen Kühlschränken, die man mit wasauchimmer von woherauchimmer vollstopfen konnte. Der bewusste Mensch von heute tut dasselbe. Gerade beim Shopping verdichtet sich diese Perversion ad absurdum.

«Je grösser der Kapitalismus, desto grösser die Selbermachbewegung.»

Susanne Klingner, Autorin von «Hab ich selbst gemacht»

Wer sich der unangenehmen Frage stellt, wieso das Shirt aus dem Primemark nur vier-neunzig kostet, merke schnell, sagt Klinger, dass selber machen, nebst anderen Vorteilen, die fairste Variante des Konsums darstellt. Die Transportwege sind kurz, die Produktion transparent, der Wert ist persönlich und deshalb nachhaltig; schliesslich könne man sich bei DIY nur selbst ausbeuten.

Screenshot der Google-Bildersuche beim Begriff «DIY». screenshot: watson

Internet, du Spassverderber!

Der DIY-Hype ist also real und aktuell. Natürlich kann man darin eine romantische Resignationsstrategie sehen. Und ganz gewiss kann man all die DIY-Blogs und YouTube-Tutorial als kollektive Lernräume betrachten. Aber so schön ist es dann eben doch nicht immer.

Denn was unter dem Label der drei Buchstaben so über unsere Facebook-Feeds läuft, ist nur selten eine Alternative zu dreckig produzierter Konsumware, sondern viel mehr eine Multiplikation all der «Kauf mich! Du brauchst mich! Und Click mich!»-Parolen, die sich schlussendlich genauso in den Kanon des Massenkonsums miteinreihen.

Beispiele gefälligst?

Gigantischer DIY-Antistressball

Brauchen wir alle. Super praktisch. Seit der Fidegt-Spinner kaputt ist.

Aber noch viel essentieller für unser aller Überleben ist 

… magischer Glitzer-DIY-Unicorn-Schleim!

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30,3 Millionen Views by the way.  Video: YouTube/Gillian Bower

Ich sage bloss: Must have! Und dann wären da noch all die tollen Dinge, die man mit einer Kola SELBST machen kann. Genial!

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Bestimmt keine Werbung. NEIN, das ist DIY, Baby.  Video: YouTube/VitaliUS EN

DIY ist romantisch. Das stimmt. Ja, sogar dem Herstellungsprozess von glitzrigem Einhornschleim kann ich einen gewissen Hauch von Romantik nicht absprechen. Ich wage aber zu bezweifeln, dass das Bedürfnis ein Bild seines selbstgemachten Palettensofas auf Instagram zu stellen und mit #diy zu vertaggen nicht mehr viel subversive Gesellschaftskritik in sich trägt. Viel mehr begünstigt es eben genau das System, welches es kritisiert. Die dreiteilige Buchstabenfolge wird zum Marketing-Vehikel konsumistischen Nonsenses. 

Und was zuletzt stirbt …

… ist dann nicht der pastellfarbene Glitzer-Einhorn-Schleim und auch nicht das seichte Gefühl kreativ zu sein, wenn man eine Magnetmünze mit der Heissleimpistole an einen siffigen Bierdeckel klebt. Krepieren tut am Schluss bloss der kritische Verstand einer neuzeitlichen Gesellschaft. Und Tante Pia ist glücklich.

In dem Sinne:

D.I.Y AND DIE!

Und weil wir gerade so romantisch sind: Bilder vom Hippie-Trail in den 1970er-Jahren!

Die drei passendsten Artikel zum Thema!

Und welche Absurditäten so bei den #Hashtags trenden:

watson-Redakteure versuche sich an DIY-Projekten:

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Video: watson

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ms. Song 16.01.2018 10:45
    Highlight Highlight Für mich bedeutet DIY eine gewisse Freiheit. Früher war es normal, dass man vieles selbst machte. Heute können viele kaum mehr einen Knopf annähen. Das macht abhängig. DIY ist für mich auch ein Gegengewicht zum masslosen Konsum. Angfangen damit habe ich allerdings, als ich noch in einer Szene unterwegs war, in der es einfach wenig Kleider zum kaufen gab. Also hab ich sie mir selbst angefertig. Seither versuche ich vieles selbst zu machen. Schaue, obs ichs kann. Aber ja, schlussendlich ist es ein Hobby und man muss die Materialien etc kaufen und es macht nicht immer Sinn.
  • Domino 16.01.2018 07:02
    Highlight Highlight Waschmaschine kaput: Platine selbst gelötet und sie funktioniert wieder. 500.- gesparrt und ne menge Elektroschrott.

    Bremsen am Auto durch: Bremsscheiben und Bremsklötze selbst gewechselt. Dabei weit über 1000.- gesparrt.

    Manchmal hilft DIY auch bei ganz alltäglichem.
    • whatthepuck 16.01.2018 22:33
      Highlight Highlight Ich denke, das ist nicht die Art von DIY, welche unter die Kritik des Autors fällt. DIY wie oben kritisiert geht weit über "etwas selber flicken" hinaus; da steckt mittlerweile eine ganze Industrie dahinter, die darauf basiert, dass die Leute sich zu diesem Trend bekennen.
  • reamiado 16.01.2018 02:28
    Highlight Highlight Merci für diese kritischen Denkastösse. :)
  • LeserNrX 15.01.2018 22:26
    Highlight Highlight Wikipedia ist kein kommerzielles Konsumgut.
  • Ratatvisker 15.01.2018 22:05
    Highlight Highlight Interessanter Artikel. Ich denke, dass diy heute primär zu einem Status-Symbol bzw. zu einem "Individualitäts-Marker" geworden ist. Allerdings zwei kleine Anmerkungen: das Schleim-Rezept wird spätestens dann nützlich wenn man Kinder hat die das Zeugs toll finden, erste Chemie-Lektion inklusive. Und ich persönlich sehe schon noch eine gewisse Gesellschaftskritik, insbesondere im Kleider stricken, nähen etc. da ich nicht will, dass mein Kind farblich vollgegendert wird bzw. als Werbschild für irgendwelche Konzerne rumläuft, mach ich einige Sachen halt selbst.
  • Dario4Play 15.01.2018 20:14
    Highlight Highlight Meine Berufsbezeichnung ist:
    Detailhandelsfachmann (Do+it Yourself) du bist also nicht ganz allein 😁
  • Amadeus 15.01.2018 20:11
    Highlight Highlight Super geschrieben und sehr interessant. Danke!

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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