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epa03133624 An early morning general view of Moscow Kremlin in central Moscow, Russia, 06 March 2012. Reports state that Vladimir Putin overwhelmingly has won the 04 March presidential elections with more than 63 per cent of the votes cast while ballots continue to be counted.  EPA/SERGEI ILNITSKY

Der Verdacht liegt auf der Hand: Hat der Kreml seine Kritiker zum Schweigen gebracht? Bild: EPA

Kreml am Werk

«Liebe, Frieden und fick dich, Regierung!» – Letzte unabhängige Fernsehshow in Russland abgesetzt

Die Fernsehsendung «Die Woche» galt als letzte Bastion des unabhängigen Journalismus im russischen Fernsehen. Nun ist sie plötzlich abgesetzt worden. Die gefeuerten Journalisten sehen den Kreml am Werk. 

03.08.14, 01:22 05.08.14, 10:31

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«Die Woche» ist am Ende. Die wöchentliche Politiksendung von Marianna Maximowskaja galt als letzte unabhängige Sendung im russischen Fernsehen. Nun sei sie vom Sender Ren TV überraschend und ohne Angabe von Gründen aus dem Programm genommen worden, sagten Mitarbeiter am Samstag. Der Journalist Roman Super schrieb, die Mitarbeiter hätten davon erst am Freitag erfahren. Was mit ihnen geschehen werde, sei unklar.

Die Sendung von Maximowskaja war eines der Aushängeschilder von Ren TV. Die 44-jährige Journalistin wagte es, Dissidenten und Kreml-Kritiker wie Michail Chodorkowski zu interviewen. Neben dem Internetsender Dozhd, dem Radiosender Moskauer Echo und einigen Zeitungen bot Ren TV mit der «Woche» Kritikern die Möglichkeit, ihre Meinung öffentlich zu äussern. Im Zuge der Ukraine-Krise hat sich der Druck auf unabhängige Medien in Russland aber noch einmal verschärft. 

«Liebe, Frieden und fick dich, Regierung! Das ist alles, was ich zu sagen habe», kommentierte Journalist Super den Vorgang auf Anfrage von «Spiegel Online». Er gehört zu dem Team von 20 Fernsehjournalisten, die diesen Freitag in Moskau entlassen wurden. «Es ist alles sehr verständlich, sie haben gerade die letzte andersdenkende Fernsehsendung gekillt, weil wir eigentlich in der Sowjetunion sind», sagte Super weiter. 

Die Woche – Sendung vom 7.6.2014.  Video:YouTube/Неделя с Марианной Максимовской

«Wir beerdigen nicht den Journalismus.» 

Zuvor hatte er sich auf Facebook bei der Moderatorin der Sendung Marianna Maksimowskaja bedankt. Später schrieb sie in einer der letzten freien Onlinezeitungen Russlands «Snob.ru»: «Wir wussten natürlich, dass ‹Die Woche› irgendwann enden würde», und weiter: «Wir verabschieden uns von der Sendung ‹Die Woche›, aber wir beerdigen nicht unseren Beruf, den Journalismus.» 

In den letzten Monaten ist die Repression gegenüber freien Medien in Russland immer härter geworden. Der unabhängige Fernsehsender «Regen» darf nicht mehr über Kabelnetz verbreitet werden, alternative Onlinezeitungen wie «Lenta.ru» wurden unter Kontrolle gebracht, die Nachrichtenagentur Ria Nowosti bekam einen Kreml-Anhänger als neuen Chef. 

Die Einschränkungen der Meinungsfreiheit gehen über die Medien hinaus: Diese Woche sind neue Gesetze in Kraft getreten, die Blogger mit mehr als 3000 Webseitenbesuchern täglich dazu verpflichten, sich amtlich registrierten zu lassen. Sie gelten dann als Journalisten und müssen deswegen dieselben Gesetze befolgen. Selbst wenn ein Russe aus dem Ausland für ein russisches Publikum schreibt, müsste er sich laut Gesetz in Russland registrieren lassen. Webseiten, die gegen die neuen Gesetze verstossen, werden vom russischen Staat gesperrt, und Bussgelder von bis zu 670 Euro können verhängt werden. 

«Der lange Arm der Mächtigen.»

Alya Kirillowa, eine Mitarbeiterin der «Woche», sagte: «Wir haben keine Propaganda gemacht, sondern Ereignisse thematisiert. Wir haben unsere Arbeit gemacht.» In dem Moment aber, in dem «Die Woche» die letzte derart kritische Sendung war, «war klar, dass der lange Arm der Mächtigen auch uns früher oder später erreichen würde», so die Journalistin. Das plötzliche Ende der Sendung sei dennoch überraschend, «weil wir alle in die Sommerferien verreist sind». 

Beobachtern zufolge war in der derzeitigen, zunehmend nationalistischen und antiwestlichen Stimmung kein Platz mehr für die differenzierte Berichterstattung von Maximowskaja. «Es war die letzte Sendung, die die Leute schauten, um zu erfahren, was in der vergangenen Woche passiert ist, um nicht von Rossija und dem Ersten Kanal vergiftet zu werden», sagte die Medienexpertin Galina Timtschenko mit Blick auf zwei führende staatlich kontrollierte Sender. (lut/cis/AFP)

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