Migration

Flüchtlingsrouten nach Europa

Der Profit steigt – die Gefahr auch

Grosse Netzwerke organisieren die Flüchtlingstrecks nach Europa. Für die Schleuser ein lukratives Geschäft – sie schicken Frachter, zum Teil führerlos in Richtung Küste, auf immer neue Wege. Die Politik wird daran wenig ändern können.

13.01.15, 10:50 13.01.15, 11:21

Hans-Jürgen Schlamp / spiegel online

Ein Artikel von

«Nächste Woche haben wir eine Fahrt, so Gott will, mit einem 120 Meter langen Schiff. Die Überfahrt kostet 6000 Dollar pro Person. Und sie ist sicher, nichts wird geschehen. So Gott will, seid ihr in sechs Tagen in Italien

Der Mann am Telefon spricht Arabisch mit syrischem Akzent und vermittelt Fahrten über illegale Schiffspassagen an Syrer, die nach Europa wollen. Es klingt nach Sicherheit und beinahe nach Luxus: «Für die Unterkunft in Mersin bis zur Abfahrt sorgen wir, ein Kissen und eine Decke gibt es für jeden mit auf den Weg, Essen, Trinken an Bord, alles garantiert.»

Redakteuren der italienischen Tageszeitung «La Repubblica» ist es gelungen, einige Flüchtlingsreisen-Vermittler aufzuspüren und über Angebot, Route, Preise zu befragen. Sie gaben vor, Verwandte syrischer Flüchtlinge zu sein. Locker gaben alle Gesprächspartner Auskunft. Auch über das, was es neben der Bootsfahrt gibt: Einen syrischen, natürlich gefälschten, Pass mit zwei Jahren Laufzeit für 1500 Dollar. Noch 200 Dollar dazu, dann gilt er vier Jahre lang. Internationaler Führerschein? 500 Dollar. Personalausweis? Derselbe Preis.

Der Kontakt läuft über Handy oder Facebook

Mersin ist der zentrale Umschlagplatz für Schlepper, wenn man so will. Eine Hafenstadt im Südosten der Türkei, mit 800'000 Einwohnern und inzwischen etwa 45'000 Zugezogenen aus dem nahen Syrien. Die leben dort als Bettler, aber auch wohlhabende Kaufleute sind darunter, Metzger, Bäcker. In Schulen unterrichten geflüchtete Lehrer geflüchtete Kinder. Und einige arbeiten eben als Reise-Agenten. Nicht auf eigene Rechnung, sondern für weit vernetzte Organisationen, meist in türkischer Hand, die Nebenstellen etwa in Frankreich, Schweden, Italien und Deutschland haben. Und natürlich auch dort, wo die Kunden herkommen, in den Kriegs- und Krisenländern. Der Kontakt läuft über Handy oder Facebook.

Wer will, kann von Mersin auch gleich nach Deutschland reisen, offenbart ein Vermittler den italienischen Undercover-Journalisten. «Über Griechenland geht das nicht mehr gut, aber es gibt einen anderen Landweg. Oder man reist ganz bequem mit dem Flugzeug nach Deutschland, das kostet 9000 Euro pro Person.» Wie bezahlt man? Ganz modern, ganz sicher: «Mit Geldtransfer per Western Union.»

Menschen aus allen möglichen vielen Kriegs- und Krisen-Regionen der Welt setzen in der Ost-Türkei zum Sprung nach Europa an. Aber nicht nur dort. Nach wie vor führen viele Wege nach Europa. Etwas im Abseits des medialen Interesses, aber weiter gut besucht – wenn die Winter-Wellen nicht zu hoch schlagen – ist die Route von Libyen nach Norden. Auch die Spanien-Passage ist nicht aufgegeben.

Je nach Jahreszeit und anderen Veränderungen der «Sicherheitslage», aus der Sicht der «Reiseunternehmen» natürlich, wird hier eine Strecke ausgedünnt oder verlassen, dort eine neue Trasse gefunden. Und auch neue Beförderungsmittel.

Einst waren es rasend schnelle Schlauchboote, mit denen Menschen vom Balkan über die Adria gebracht wurden. Dann setzten brüchige und überladene Fischkutter von Tunesien nach Lampedusa über. Jetzt befördern schrottreife Kümos von mehr als 80 Meter Länge Hunderte von Menschen auf einer Tour. So schnellt der Umsatz der Menschen-Transporteure auf bis zu zwei, drei Millionen Euro pro Fahrt nach oben. 17 solcher Frachtschiffe haben Europas Grenzschützer in jüngster Zeit erwischt.

2014 das «tödlichste Jahr für Flüchtlinge»

Gleich womit und auf welchem Kurs, die meisten dieser Flüchtlings-Trips sind beschwerlich, grässlich und lebensgefährlich. 2014 war das «tödlichste Jahr für Flüchtlinge», so die Internationale Organisation für Migration (IOM). Mindestens 4886 Menschen hätten bei der Flucht aus ihrer Heimat gen Europa ihr Leben gelassen, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Zentrum des Sterbens war wieder einmal das Mittelmeer, mit mindestens 3000 Opfern und einer hohen Dunkelziffer.

Die Flucht übers Mittelmeer

Aber den Strom der Flüchtlinge lässt das nicht versiegen. Auch wenn man viel Geld bezahlt und statt wie versprochen «Essen und Trinken, alles garantiert» nur gelbes, gebrauchtes Motorkühlwasser zu trinken bekommt und zu essen tagelang gar nichts, wie die 793 Passagiere auf der «Blue Sky M», die Silvester Italien erreichten, selbst dann wird die Nachfrage nach Europa-Passagen gross bleiben. Denn wer vor Krieg und Terror in Syrien und dem Irak flieht, vor dem Horror in Somalia oder in Nigeria, der wird alles riskieren, alles ertragen, alles bezahlen.

Migrationspolitik – lächerliche Parolen

Daran wird keine europäische «Migrationspolitik» etwas ändern. Wie auch, wenn diese Politik sich selbst fesselt? Das, was die Wirtschaft, Hilfsorganisationen und die Kirchen fordern, nämlich einfach mehr Migranten legal nach Europa kommen zu lassen, wagen die Politiker nicht. Denn das ist bei einer Vielzahl ihrer Bürger unpopulär und könnte die eigene Wiederwahl gefährden.

Das Gegenteil wäre, Ethik, Bibel, Grundgesetz einfach zu vergessen, die Grenzen dicht zu machen und die Schiffbrüchigen notfalls im Mittelmeer ertrinken zu lassen. So würden Nachfolgende abgeschreckt, hat Englands Premierminister David Cameron gesagt. Das aber traut man sich mehrheitlich denn auch nicht. So wurstelt man sich durch – mit lächerlichen Parolen. 

Gerade wieder hat Italiens Innenminister Angelino Alfano eine «gemeinsame EU-Strategie» gefordert. «Menschenhändler sind skrupellos. Um sie zu bekämpfen, müssen wir unsere Kräfte vereinen.» Das findet auch der Brüsseler Innen- und Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos und verspricht: «Der Kampf gegen den Menschenhandel» werde «höchste Priorität» haben.

Der Mann hat als langjähriges Mitglied der griechischen Regierung Erfahrung damit. Die hat 2012 für drei Millionen Euro die Grenze zur Türkei mit einem vier Meter hohen Stacheldrahtzaun «im Kampf gegen die illegale Einwanderung weiter gesichert». Selbst Brüssel fand das damals albern und verweigerte Zuschüsse.

Und in der Tat, der einzige Effekt des martialischen Bollwerks war: Die Flüchtlingstrips via Griechenland wurden teurer – von 300 auf bis zu 4000 Dollar. Und gefährlicher. Der Seeweg kostet auch in der Ägäis mehr Menschenleben als die Landroute. Weniger Flüchtlinge gab es nicht.

Zudem könnte Avramopoulos seine früheren Kollegen ja einmal fragen, warum die griechischen Behörden der «Blue Sky M» erlaubt haben, unbehelligt in einer Bucht auf besseres Wetter zu warten. Die hätten gewusst, sagte der Kapitän vor italienischen Behörden aus, dass Hunderte von Flüchtlingen an Bord waren. Doch ungerührt warteten die Griechen ab, bis das Schiff seinen Weg nach Italien fortsetzte.

Dort, in Sichtweite der Küste, schaltete der Pseudo-Kapitän – selbst einer der Syrienflüchtlinge an Bord und mit 15'000 Dollar und Gratistickets für seine Familie für den Job geködert – den Autopiloten ein. Hätte die italienische Küstenwache nicht eingegriffen, wäre das Schiff eine knappe Stunde später an der Küste auf Grund gelaufen und gekentert. Vermutlich hätte es Tote gegeben. Vielleicht sehr viele.

Ganz Europa hätte sein Beileid verkündet.

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Rassistischer Hintergrund? Mann schiesst in Italien aus Auto auf mehrere Afrikaner

In der italienischen Stadt Macerata hat ein Mann aus möglicherweise rassistischen Gründen auf Menschen geschossen und mindestens drei afrikanische Migranten verletzt. Der Mann schoss aus dem Autofenster heraus auf zwei junge Afrikaner.

Das berichtete die Zeitung «Corriere della Sera» am Samstag. Einer der Migranten sei dabei verletzt worden. Kurz darauf seien ein weiterer Migrant und eine Afrikanerin angeschossen worden. Es war zunächst unklar, wie schwer ihre Verletzungen waren.

Nach den …

Artikel lesen