Migros

Der erste Test

Le-Shop-Drive: Nach 5 Minuten steht der Einkauf im Kofferraum 

In Staufen können seit Freitag im LeShop-Drive per Internet bestellte Lebensmittel direkt abgeholt werden. Der Selbstversuch zeigt: Das Abholkonzept der Migros-Tochter überzeugt – auch wenn die Lust am Einkaufen auf der Strecke bleibt.

06.09.14, 14:27 06.09.14, 15:09

Pascal Meier

Ein Artikel der

Ich fürchte, Le Shop hasst mich. Das geht mir jeweils durch den Kopf, wenn ich beim Westschweizer Online-Händler Lebensmittel nach Hause bestelle. Ich tue das nämlich selten, vielleicht ein- bis zweimal im Jahr. Und wenn, kaufe ich nur die ganz schweren Kaliber im Sortiment: Nicht klumpendes Katzenstreu in der 20-Liter-Packung zum Beispiel, und davon gleich ein halbes Dutzend. Oder Mineralwasser im 6er-Pack.

Ein guter Kunde bin ich damit wohl kaum. Deshalb schwingt bei der Online-Bestellung Erbarmen mit den Angestellten im Le Shop-Verteilzentrum mit, die wegen mir viel schleppen müssen. Und ich denke an den Boten der Schweizerischen Express-Post, der die Lebensmittel bis vor die Wohnungstür trägt. Auch im 2. Stock.

Diese Rosinenpickerei hat einen simplen Grund: Ich bin zu faul, schwere Waren wie Katzenstreu und Mineralwasser nach dem Einkauf beim Grossverteiler von der Tiefgarage in den 2. Stock zu schleppen. Zu Fleisch, Gemüse und Früchten greife ich dagegen lieber bei Coop, Migros und Volg. Das Auge kauft schliesslich mit.

Jetzt stellt Le Shop mein Einkaufsverhalten auf die Probe: In Staufen, direkt am Arbeitsweg nach Aarau, können seit gestern per Internet bestellte Lebensmittel im Drive-in-Markt abgeholt werden. Dies in weniger als fünf Minuten. Ein völlig neues Einkaufserlebnis, wirbt die Migros-Tochter Le Shop, welche solche Drive-in-Abholmärkte nach französischem Vorbild in der ganzen Schweiz eröffnen will. Die Zielgruppe: Pendler. Und Menschen mit wenig Zeit. Die meinen mich! Auch ich habe oft keine Zeit. Keine Zeit gehört in unserer Zeit schliesslich zum guten Ton.

Computer oder Postizettel?

Deshalb muss ich ihn ausprobieren, diesen Le Shop-Drive vor den Toren der Stadt Lenzburg. Auf der Internetseite klicke ich durch unzählige Kategorien mit 8500 Artikeln – und staune über unerwartete Produkte wie Rasensamen und Sex-Spielzeug. Ins Grübeln komme ich aber aus anderem Grund: Ist die Bestellung am Computer wirklich schneller als der gute alte Postizettel? Vielleicht fehlt noch die Routine.

Nach einer halben Stunde ist der Warenkorb dann vollständig und ich wähle als Zeitfenster für die Abholung in Staufen 12 bis 12.30 Uhr. Der Endbetrag von Fr. 119.50 ist eine Prognose, da Frischprodukte wie Fleisch und Früchte zuerst gewogen werden müssen.

Kurz nach Mittag fahre ich beim Le Shop-Drive vor. Eine gut gelaunte Angestellte in gelbgrünem Tenü fragt nach dem Namen und zieht eine vorbereitete Kundenkarte aus dem Couvert. Oh nein, denke ich, nicht noch ein Kärtli, das im Portemonnaie keinen Platz findet.

Zum Glück geht es auch ohne: Um sich bei der Empfangssäule anzumelden und den Einkauf zu bezahlen, genügt die Bestellnummer. Die Säule akzeptiert Postcard, EC- und Maestro-Karte, aber keine Münzen und Noten. Als Bestätigung ruckelt langsam ein Kassenzettel mit den bestellten Produkten aus der Maschine. «Platz 7» steht darauf in grossen Lettern. Dieser befindet sich in der Mitte der 12 Abholplätze unter den grossen grünen Schirmen.

Dort nimmt eine weitere gelbgrüne Angestellte den Kassenzettel entgegen und zieht den am Zeigefinger befestigen Scanner über den Strichcode. Der Scanner ist mit einem kleinen Computer verbunden, der wiederum mit dem Unterarm verwachsen scheint. Einkaufen bei Le Shop ist Hightech.

Schnell lädt die Frau Einkaufssäcke, Mineralwasser, Katzenstreu und Butterzopf in den Kofferraum. Der Zopf war kurz vor Abholung gebacken worden. Die Einkaufstaschen sind kompostierbar. Bevor Tomaten, Eier und Salat im Kofferraum stehen, präsentiert die Angestellte diese zur Kontrolle. Nach weniger als fünf Minuten verlasse ich den Drive in Richtung Seetal.

Von der Lust am Einkaufen

Auf dem Heimweg komme ich ins Grübeln, bin hin- und hergerissen: Eine wirklich tolle Sache, dieser Drive-in-Abholmarkt in Staufen. Lebensmittel online bestellen und sich diese in den Kofferraum stellen lassen, überzeugt. Den Einkauf beim Grossverteiler mag dies jedoch nicht ganz ersetzen. Denn eines vermisste ich im Drive-in: Die Lust, durch die Regale zu streifen, Neues zu entdecken, sich vom Angebot führen und auch mal verführen zu lassen. Und spontan im Laden mit früheren Schulkollegen einen Schwatz zu halten.

In der Tiefgarage kommt dann eine weitere, wenn auch kleine Ernüchterung: Die 60 Kilo Katzenstreu tragen sich nach dem Einkauf im Le Shop-Drive nicht selbst in die Wohnung. (az Aargauer Zeitung)

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Brikne, 20.7.2017
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