Musig im Pflegidach

Raphael Walsers Gang Art bei «Musig im Pflegidach», Muri. Bild: Sophie anderhub

Breites musikalisches Spektrum in der Schweizer Jazzszene

Zum zweiten Mal in Folge gaben bei «Musig im Pflegidach» gleich zwei Bands ihr Können zum besten. Im Rahmen des Suisse Diagonales Jazz Festival traten sowohl Raphael Walsers GangArt als auch Mantocliff auf.

03.02.17, 09:59 27.02.17, 11:18

Samuel Meier*

* Der Autor ist Schüler an der Kanti Wohlen. Im Rahmen ihres Deutschunterrichts verfassen die Schüler auch Konzertberichte, die in die Note einfliessen.

Wie breit der Begriff des Jazz gefächert sein kann, zeigte sich vergangenen Sonntagabend im Dachsaal der Pflegi Muri. Obwohl beide auftretenden Gruppen ursprünglich aus dem Jazz kommen, hätten ihre Interpretationen unterschiedlicher nicht sein können. Auf der einen Seite der ruhige, eher klassische Jazz der Raphael Walser Gang Art, auf der anderen Seite die Stücke von Mantocliff, die in den Elektropop drifteten und nur noch entfernt mit Jazz in Verbindung verbracht werden können.

Zweiter Abend Suisse Diagonales Jazz bei «Musig im Pflegidach», Muri

Jazzschule Basel als Exportschlager

Wie es ist, eine Frau zu sein, wenn man eigentlich lieber ein Mann wäre. Darüber hat Nives Onori, die Leadsängerin der Band Mantocliff, einen Song geschrieben. Unsicherheit, Angst und fehlende Überzeugung werden darin deutlich, ohne aber, dass er in eine negative Grundhaltung wechselt. Mit ihrer eindrücklichen Stimme drückt Nives Onori den Liedern ihren Stempel auf. Mantocliff, eine junge Band aus Musikern, die sich an der Jazzschule in Basel kennengelernt hatten, ist erst im letzten Jahr in die Musikszene eingestiegen.

Trotzdem sind sie in der Schweiz schon bekannt, das Lied «Sea-Son», welches sie ebenfalls vortrugen, wurde diese Woche von SRF 3 zum Song der Woche gewählt. Ihr elektronischer Pop ist sehr vielfältig und erinnert in seiner Art an die Musik der 80er Jahre.

Das Konzert überzeugte auch durch das grosse Abwechslungsreichtum. Nach Stücken, die schon sehr dem Dubsteb ähnelten, folgte mittendrin ein komplett akustisches. Irgendwann würden sie schliesslich zurück zu den Anfängen wollen, erklärte die Band. Die Brüder Raphael und Victor Rossé überzeugten an verschiedenen Blechblasinstrumenten, genauso wie Johannes Maikranz an der Gitarre. Am Bass sorgte Jan Sutter für die tiefen Klänge. Die sechsköpfige Band reiste zusätzlich noch mit drei Ton- und Lichttechnikern an, was im Pflegidach nicht üblich ist. Diese organisierten ein Lichtspektakel, welches jeden Song noch auf seine Weise untermalte und das Gehörte nochmals etwas spezieller und kompletter machte.

Volkslieder neu interpretiert

Beim ersten Konzert des Abends war man dem Grundbegriff des Jazz deutlich näher. Raphael Walsers Gang Art, angeführt von Namensgeber Raphael Walser (Kontrabass), performte unter anderem zwei Neuinterpretationen von alten Schweizer Volksliedern. Das Arrangement des «Bettelvolkes», eines Zürcher Liedes aus dem frühen 19. Jahrhundert, brachte melancholische Klänge nach Muri. Im Text des Songs, der von Raphael Walser kurz zusammengefasst wurde, ging es um den Sohn eines Bettlers, der seine Mutter immer wieder fragte, weshalb sein Vater nicht nach Hause komme. Diese verschweigt dem Sohn aber, dass der Vater beim Betteln ums Leben gekommen ist.

Die zusammengewürfelt wirkende Gruppe präsentierte aber auch verschiedene Eigenkompositionen. Diverse Soli bezauberten das eher schlecht besuchte Pflegidach, unter anderem von Tobias Meier und Niculin Janett an Alt- und Tenorsaxophon. Die Experimentierfreudigkeit der jungen Musiker wurde in verschiedenen Stücken deutlich, so zum Beispiel beim Titel «Except your faith». Marc Méan improvisierte am Klavier, während Jonas Ruther am Schlagzeug den Takt vorgab.

Alles in allem war es ein rundum gelungener Abend, bei dem sowohl die Fans des klassischen Jazz als auch die Freunde der eher neuartigen, elektronischen Musik voll auf ihre Kosten kamen. Damit verlässt das «Festival des aktuellen und jungen Jazz» die Pflegi in Muri. Man darf aber sicher sein, dass weiterhin Jazzklänge in allen Facetten im Dachsaal ertönen werden.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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