Musik

Tod, Alkohol und Scheidung: Weshalb Country die brutalste Musik der Welt ist 

Bild: wikicommons

Randy Howard wurde gesucht, weil er nicht vor Gericht erschienen war. Als ihn ein Kopfgeldjäger festnehmen wollte, eröffnete der Sänger das Feuer – und wurde erschossen. Ein tragischer Tod – und einer der die Countrymusik versinnbildlicht. 

12.06.15, 16:47
«I don’t think I will ever find a woman who’ll understand the kind of love that’s grown between a bottle and a man» 

Randy Howard, «Johnny Walker Home» 

Einst stand Randy Howard mit Country-Grössen wie Willie Nelson und Hank Williams Jr. auf der Bühne. Zuletzt fiel er aber vor allem mit seiner langen Strafakte auf: Fahren im angetrunkenen Zustand (auch dann noch, als ihm der Führerschein schon entzogen worden war), Drogenmissbrauch und illegaler Waffenbesitz wurden ihm vorgeworfen. Und weil der 65-Jährige kürzlich nicht zu einem Gerichtstermin erschienen war, wollte ein Kopfgeldjäger ihn festnehmen. Es kam zur Schiesserei.

R.I.P. Randy Howard: Seine besten Songzitate


He kicks ass, he pumps gas, he drives a ’65 T-Bird that runs so fast («All-American Redneck»)

I prayed to God you'd open up your eyes and look at me, but God don’t live in Nashville Tennessee («God Don’t Live In Nashville Tennessee»)

She’ll shoot you down like a killer on the run («Killer On the Run»)

I’m calling you with my last dime, won’t you come and pay my fine, sorry about last night won’t you let me come home («Down Here In Birmingham»)

He’s got a pickup truck, he loves to **** and if you need a woman he can fix you up («All-American Redneck»)

Leidenschaftliche Songs, danach der Drogen- und Alkohol-Absturz, damit einhergehende private und finanzielle Probleme, ein gewaltsamer Tod … ohne irgendetwas glorifizieren zu wollen: Authentischer geht's kaum für einen Country-Star.  

Dies mag Nicht-Eingeweihte auf den ersten Blick erstaunen, wird doch der amerikanischen Landmusik oft eine Heile-Welt-Haltung attestiert. Tatsache ist aber, dass sich in keiner anderen Musiksparte (ausser vielleicht dem HipHop) mehr gewalttätige Alkoholiker, Polygamisten und verurteilte Kriminelle tummeln – sowohl als Gegenstand der Songinhalte als auch in Form ihrer Performer. 

«Tod, Alkoholismus und Scheidung – das sind die Hauptthemen der Country-Musik», sagte einst Emanuela Hutter, Sängerin der Schweizer Band The Hillbilly Moon Explosion. In der Tat: «I shot a man in Reno just to watch him die», sang Johnny Cash («Die Zeile hätte von mir stammen können», meinte dazu Gangsta-Opa Ice T). Willie Nelson schrieb die Sauf-Hymne «I Gotta Get Drunk», welche mehrfach gecovert wurde (zuletzt von Norah Jones), Tammy Wynette hatte einen Nummer-1-Hit mit dem Song «D.I.V.O.R.C.E.»  

Während Johnny, Willie und Tammy allesamt Scheidungen, Alkoholentzüge, Drogeneskapaden und Strafbefehle erlebten, gab und gibt es etliche Performer, die im wirklichen Leben ihren Songtexten in nichts nachstehen. Randy Howard befindet sich in guter Gesellschaft. 

Fallbeispiel Merle Haggard:

Klein-Merle wuchs in einem unbenutzten Eisenbahnwaggon auf und verbrachte mehrere Jahre in Jugendstrafanstalten. Kurz vor seinem 21. Geburtstag machte er sich auf, das örtliche Restaurant auszurauben – doch er betrank sich und wurde in flagranti erwischt. Ein Gefängnisaufenthalt und ein Gefängnisausbruch später wurde er zu einer mehrjährigen Strafe im berüchtigten St. Quentin Jail verdonnert, wo er Berichten zufolge in seiner Zelle eigenes Bier braute und einen gut laufenden Gambling-Betrieb unterhielt. Seine Millionen verdiente er später als Country-Star in den Achtzigern, doch er verprasste alles mit schlechten Investments, teuren Scheidungen und einer zehnjährigen Dauerparty auf seinem Hausboot auf dem Lake Shasta in Kalifornien. 

Fallbeispiel David Allen Coe:

Der Mann, der den Song «I'd Like to Kick the Shit Out of You» schrieb, verbrachte insgesamt 20 Jahre hinter Gittern für bewaffneten Raubüberfall und andere Delikte. Die Tötung eines Mannes, der ihn in der Dusche sexuell belästigen wollte, konnte man ihm aber nie nachweisen. Nach der Zwangsenteignung seines Hauses durch die US-Finanzbehörde bewohnte er eine Höhle in Tennessee. Letztere musste in der Folge von einer Spezialeinheit gestürmt werden, es ging um eine Gitarre.

Fallbeispiel Ty Herndon: 

Anno 1995 stieg Ty Herndons Debutsingle auf Platz eins der Country-Charts ein. Einen Monat danach befand er sich auf dem Weg zu einem Auftritt an einer texanischen Polizeitagung, als er sich im nahe gelegenen Park vor einem Mann entblösste und diesen fragte: «Worauf stehst du denn so?» Dummerweise stand der Angesprochene darauf, für die örtliche Sittenpolizei zu arbeiten. Bei Herndons Festnahme wurde zudem Crystal Meth gefunden. 

Fallbeispiel Johnny Paycheck: 

Der Mann, der sich später in Anlehnung an Johnny Cash den Künstlernamen «Lohnscheck» gab, verbüsste bereits als 15-jähriger Marineangehöriger eine zweijährige Gefängnisstrafe – er hatte einem Offizier fast den Schädel zertrümmert. Nach seiner Marinezeit verschlug es ihn Anfang der Sechzigerjahre nach Nashville, wo er als begabter Sänger galt – und als unverbesserlicher Trinker. Die Siebziger brachten ihm seinen grössten Hit ein, «Take This Job and Shove It» (‹Nimm diesen Job und schieb ihn dir …›), aber auch eine Vaterschaftsklage, den Bankrott und eine Gefängnisstrafe wegen Scheckfälschung. 1981 wurde er wegen Vergewaltigung einer Zwölfjährigen angeklagt, 1985 erschoss er einen Mann bei einer Kneipenschlägerei. «Das Elend, das ich über die Jahre meiner Familie zugefügt habe», sagte er 2003 kurz vor seinem Tod, «ist einer einzigen Sache zuzuschreiben: meiner Dummheit.» 

Fallbeispiel Keith Urban:

Mister Nicole Kidman war bereits vor seiner Heirat mit der Hollywood-Beauty ein Star – ein Star sowohl der Musik als auch ein Virtuose des Drogen- und Alkoholkonsums. Zwischen seinen zahlreichen Reha-Aufenthalten fand er noch Zeit, nackt für «Playgirl» zu posieren. 

Fallbeispiel George Jones:

Seine unzähligen Hits machten ihn zum Star, aber erst sein disoziales Verhalten liess ihn zur Legende werden. Alkoholismus, Schlägereien, Schiessereien, eine turbulente Ehe mit Tammy Wynette, Scheidung, Kokainkonsum, eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik und eine live am TV übertragene Autoverfolgungsjagd. Jones sagt: «Alles, was dem übelsten menschlichen Verhalten entspricht – nennt ein Beispiel! Ich habe es getan.» 

Fallbeispiel Spade Cooley:

Heute fast in Vergessenheit geraten, war Cooley der «King of Western Swing» der Nachkriegszeit. Ausserdem war er ein notorischer Trinker und von unkontrollierbarer Eifersucht geplagt. Letztere Eigenschaft trieb ihn 1961 zum Mord an seiner Frau Ella Mae, was ihm eine lebenslängliche Strafe eintrug. 1969 wurde ihm ein Hafturlaub genehmigt, um ein Benefizkonzert zu bestreiten. Nach seinem Auftritt stieg er von der Bühne und erlag einem Herzinfarkt. 

Fallbeispiel Mindy McCready: 

Trotz ihres frühen kommerziellen Erfolgs – 1995 verkaufte sich ihr Debut-Album mehr als zwei Millionen Mal – schaffte sie es nie, ihr Privatleben auf die Reihe zu kriegen. Mit einem gewalttätigen Ehemann verheiratet, entwickelte sie eine akute Alkohol- und Medikamentensucht. Mehrmals wurde sie wegen Fahrens im angetrunkenen Zustand verhaftet, ebenso wegen eines tätlichen Angriffs auf ihre Mutter. Immer wieder überlebte sie Selbstmordversuche. 2013 erschoss sie sich – auf derselben Hausveranda, wo sich ihr Lebensgefährte und Vater ihres jüngsten Kindes einen Monat vorher ebenfalls erschossen hatte.  

Fallbeispiel Steve Earle:

Dem wohl bedeutendsten Singer-Songwriter der Achtziger- und Neunzigerjahre gebührt die zweifelhafte Ehre, zugleich der grösste Crackkonsument der Country-Musik zu sein. Nun, seit inzwischen fast 20 Jahren clean, ist er bei der Scheidung Nummer sieben angelangt. Doch Steve bleibt einen der Guten: In den Nuller-Jahren wich er nie von seiner strammen Anti-Bush-Haltung ab. Immerhin ein Fortschritt im Vergleich zum Crack-Raubein von damals … 

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • fiodra 12.06.2015 18:48
    Highlight Bei den Blues Musikern ist es auch nicht besser. Soviel ich weiss, waren R.L. Burnside und T-Model Ford, um bei zeitgenössischen Musikern zu bleiben, in Saufereien und Schlägereien verwickelt und hatten auch andere erschossen. Bei den historischen Vorbildern sieht es auch nicht besser aus. Sie kamen alle aus armen Verhältnisssen, waren Landarbeiter und einen rauhen Umgang miteinander gewöhnt. In den Juke Joints ging und geht es recht ungehemmt zu und her.
    3 0 Melden
  • Jaing 12.06.2015 17:23
    Highlight "All my exes live in Texas"!
    7 0 Melden
    • obi 12.06.2015 18:34
      Highlight ... "Thats' why I hang my head in Tennessee"
      7 0 Melden

12 Jahre später: Das ist aus den Fans von Tokio Hotel geworden

Gestern spielten in Zürich Tokio Hotel – geht eigentlich noch irgendjemand an ihre Konzerte? Wir haben die Fans gesucht – und gefunden.

Es ist kurz vor sechs Uhr Abends. In zwei Stunden spielt im Zürcher Volkshaus Tokio Hotel ein Konzert. Vor wenigen Jahren füllte die Musiktruppe aus dem deutschen Magedeburg noch das Hallenstadion. Das ist nun nicht mehr der Fall. Trotzdem hocken bereits jetzt hunderte Fans in einer überraschend langen Schlange vor dem Eingang des Theatersaals. Sie stimmen Lieder an, machen Selfies und beobachten in regelmässigen Abständen, ob sich die Tür zum Einlass öffnet.

Ich habe die Fans von Tokio Hotel …

Artikel lesen