Naher Osten
An image grab taken from a propaganda video uploaded on June 11, 2014 by jihadist group the Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL) allegedly shows ISIL militants driving at an undisclosed location in Iraq's Nineveh province. Militants took control of the Iraqi city of Tikrit and freed hundreds of prisoners today, police said, the second provincial capital to fall in two days. AFP PHOTO / HO / ISIL

Bild: ISIL

Vormarsch der Terroristen im Irak

Ein Staat scheitert

Im Irak übernehmen militante Islamisten in ganzen Regionen das Kommando, die Regierung in Bagdad kann dem Vormarsch der Dschihadisten nichts entgegensetzen – trotz jahrelanger US-Präsenz. Wie konnte das passieren?

11.06.14, 22:29 12.06.14, 09:58

Christoph Sydow / Spiegel Online

Ein Artikel von

Fast neun Jahre lang waren US-Kampftruppen im Irak stationiert. Der Kriegseinsatz hat die Vereinigten Staaten nach vorsichtigen Schätzungen eine Billion Dollar gekostet. Knapp 4500 amerikanische Soldaten haben den Einsatz mit ihrem Leben bezahlt. Die Errichtung eines demokratischen Musterstaats im Nahen Osten war einst das Ziel Washingtons.

Die ernüchternde Realität: Zweieinhalb Jahre nach Abzug der letzten US-Kampfeinheiten sind die Terroristen im Irak so stark wie nie zuvor. Die Dschihadisten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) kontrollieren inzwischen den Nordwesten des Landes, sie haben die Grossstädte Mossul und Tikrit erobert, türkische Diplomaten als Geiseln genommen und die grösste Ölraffinerie in Baidschi eingenommen. Wie konnte es so weit kommen?

Bild: AFP

Die USA haben bei ihrem Abzug aus dem Irak 2011 einen Staat hinterlassen, der nicht im Stande ist, die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten. Die Fehler, die zu dieser Entwicklung führten, wurden jedoch lange vorher gemacht:

Heute ist die Provinz Anbar mit ihren Städten Falludscha und Ramadi das Herzland des "Islamischen Staat im Irak und in Syrien". Von hier aus drangen ihre Kämpfer entlang des Euphrat erst nach Syrien vor, nun haben sie Mossul und Tikrit in ihre Gewalt gebracht und stehen vor der Einnahme von Samarra.

Trotz Militärhilfen der USA hat die staatliche Armee den Dschihadisten wenig entgegenzusetzen. Elf Jahre Bürgerkrieg, in dem die Truppen zwischen den Fronten zerrieben wurden, haben die Moral der Soldaten zersetzt. Das hat auch Premier Maliki erkannt. Er will nun Freiwillige bewaffnen, die sich der Isis in den Weg stellen sollen.

Bild: AFP

Der angeschlagene Regierungschef ist auf die Hilfe seines Erzfeindes Muktada al-Sadr angewiesen. Jahrelang lieferte sich Maliki mit dem schiitischen Prediger einen erbitterten Machtkampf, dem Tausende Menschen zum Opfer fielen. Nun hat Sadr, der eigentlich längst seinen Rückzug aus der Politik erklärt hatte, zur Bildung von Bürgerwehren aufgefordert, um heilige Stätten von Muslimen und Christen zu schützen. Noch immer kann Sadr Tausende schiitische Milizionäre mobilisieren.

Maliki muss auch auf die Hilfe der Kurden hoffen. Hunderttausende Iraker sind vor den Isis-Terroristen in die Autonome Region Kurdistan geflüchtet. Die dortigen Peschmerga, die Sicherheitskräfte der kurdischen Regierung, haben sich in den vergangenen Jahren als disziplinierte und gut aufgestellte Kampfeinheiten erwiesen. Im Nordirak sind sie inzwischen die letzte Bastion gegen den weiteren Vormarsch der Dschihadisten.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 12.06.2014 14:12
    Highlight Man wird auch in Europa bald erkennen, dass die arabischen Despoten das kleinere Übel ( zumindest für uns ) sind und man diese stützen sollte, auch wenn es schwerfällt. Die Islamisten folgen nur konsequent dem Masterplan, den O. Bin Laden schon vor Jahren aufgestellt hat. Dass der Westen ihnen auch noch den Irak schenkt, damit haben die Islamisten nach Afghanistan wohl selbst nicht gerechnet.
    Und Ban Ki Moon zeigt sich besorgt, die Frage ist nur, über was.
    1 0 Melden
  • sewi 12.06.2014 00:03
    Highlight Ein Staat scheitert? Eine Militärdoktrin scheitert. Wie einst die Adelsheere von den eidgenössischen Massenheeren hinweggefegt wurden so werden heute die nach amerikanischer Anleitung aufgebauten Berufsheere hinweggefegt.....
    1 0 Melden

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