Nigeria
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
A protester addresses the

Proteste in Abuja für die Freilassung der von Boko Haram gekidnappten Mädchen. Bild: AFOLABI SOTUNDE/REUTERS

Gekidnappte Schülerinnen

Boko Haram: Nigeria macht sich erpressbar

Seit einem halben Jahr hat die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria mehr als 200 Mädchen in ihrer Gewalt. Nun sollen die Schülerinnen freikommen - das sieht das Waffenstillstandsabkommen vor. Der Staat hat sich erpressbar gemacht.

Christoph Sydow / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem die islamistische Terrorgruppe Boko Haram mehr als 230 Mädchen aus einer Schule im Nordosten Nigerias entführt hat. In der Nacht vom 14. auf den 15. April drangen die Extremisten in die Oberschule in Chibok ein und verschleppten die etwa 15 bis 18 Jahre alten Schülerinnen.

Der Name Boko Haram bedeutet übersetzt so viel wie «westliche Bildung ist Sünde». Die Islamisten haben in den vergangenen Jahren schon mehrfach Schulen überfallen, Kinder entführt und Lehrer vor den Augen ihrer Schüler getötet. Ginge es nach den Extremisten, sollten in Nigeria nur der Koran sowie islamische Geschichte und Rechtsprechung gelehrt werden, Mädchen sollten am besten gar keine Schulen besuchen.

Die Entführung der Schülerinnen aus Chibok erregte weltweites Aufsehen. Nie zuvor hatte Boko Haram so viele Mädchen auf einmal entführt und öffentlich vorgeführt. Auf einem Video, das kurz nach der Verschleppung veröffentlicht wurde, zeigten die Islamisten etwa 130 Mädchen. Sie wirkten darin verängstigt, trugen Schleier und rezitierten Koranverse. Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau kündigte an, die Mädchen auf dem Markt verkaufen zu wollen - schliesslich seien sie Sklaven.

Play Icon

Präsidentenberater ist «vorsichtig optimistisch»

In Internet forderten Zehntausende Menschen aus aller Welt die sofortige Freilassung der Schülerinnen. Unter dem Hashtag #BringBackOurGirls veröffentlichten Prominente Fotos, auf denen sie sich solidarisch mit den Entführten zeigten. Die Bekannteste unter ihnen war die First Lady der Vereinigten Staaten, Michelle Obama.

Doch die internationale Aufmerksamkeit richtete sich bald auf andere Konflikten, das Schicksal der Mädchen geriet in Vergessenheit - bis vor wenigen Tagen vier Mädchen auftauchten, die zur Gruppe der Entführten gehört haben sollen. Sie berichteten, dass sie in einem Lager im Nachbarland Kamerun festgehalten worden seien. Die Boko-Haram-Terroristen hätten sie dort täglich vergewaltigt. Dann sei ihnen die Flucht gelungen, erst nach einem dreiwöchigen Fussmarsch seien sie in ihre Heimat zurückgelangt.

Nun scheint auch für die anderen entführten Schülerinnen die Freiheit greifbar. Am Freitag verkündete Nigerias Armee, dass sie einen Waffenstillstand mit Boko Haram vereinbart habe. In dem Abkommen habe die Terrorgruppe die Freilassung der Mädchen versprochen. «Boko Haram hat versichert, dass alle Mädchen am Leben sind und dass es ihnen gut geht», sagte Regierungssprecher Mike Omeri.

Er bestätigte, dass es in den vergangenen Wochen Geheimgespräche zwischen Regierung und Extremisten gegeben habe. Nach Angaben eines Regierungsbeamten sollen die Verhandlungen im Tschad stattgefunden haben. Boko Haram hat die Einigung bislang nicht bestätigt.

Die Einzelheiten der Vereinbarung sind derzeit noch unbekannt: Der nigerianische Staat hat bislang keine Angaben zu möglichen Zugeständnissen an die Islamisten gemacht. Unklar ist auch wann und wo die Mädchen freigelassen werden sollen. Nach Angaben von Präsidentenberater Hassan Tukur sollen diese Details bei einem weiteren Treffen in der kommenden Woche in Ndjamena, der Hauptstadt des Tschad, besprochen werden. «Ich bin vorsichtig optimistisch», sagte Tukur der BBC über die Erfolgsaussichten dieses Termins.

Boko Haram wird immer mächtiger

Boko Haram hatte die Freilassung von Kämpfern aus nigerianischer Haft gefordert. Darunter ranghohe Mitglieder der Gruppe wie Kabiru Sokoto, der für Anschläge auf Kirchen an den Weihnachtsfeiertagen 2011 verantwortlich gewesen sein soll. Damals starben 44 Menschen.

Boko Haram leader Abubakar Shekau speaks at an unknown location in this still image taken from an undated video released by Nigerian Islamist rebel group Boko Haram. The leader of the Nigerian Islamist rebel group Boko Haram has offered to release more than 200 schoolgirls abducted by his fighters last month in exchange for prisoners, according to a video seen on YouTube. About 100 girls wearing full veils and praying are shown in an undisclosed location in the 17-minute video in which Shekau speaks. MANDATORY CREDIT. REUTERS/Boko Haram handout via Reuters TV (CONFLICT POLITICS CRIME LAW) ATTENTION EDITORS - THIS PICTURE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. REUTERS IS UNABLE TO INDEPENDENTLY VERIFY THE AUTHENTICITY, CONTENT, LOCATION OR DATE OF THIS IMAGE. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. NO SALES. NO ARCHIVES. THIS PICTURE IS DISTRIBUTED EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. MANDATORY CREDIT

Der Führer der Boko Haram, Abubakar Shekau.  Bild: REUTERS TV/REUTERS

Nigerias Regierung hatte diese Bedingungen kategorisch zurückgewiesen. Schliesslich war die Festnahme von Anführern wie Sokoto einer der wenigen Erfolge im Kampf gegen Boko Haram. Doch eine andere Wahl hatte das Militär nicht: Ein gewaltsamer Befreiungsversuch hätte für viele Schülerinnen den sicheren Tod bedeutet.

Seit mehr als fünf Jahren kämpft der Staat gegen die Terrorgruppe, die seither immer mächtiger geworden ist. Nach Angaben von Präsident Goodluck Jonathan haben die Extremisten inzwischen mehr als 13'000 Menschen in Nigeria getötet.

Auch die Nachbarländer werden von den militanten Islamisten zunehmend bedroht: Teile Kameruns werden inzwischen von Boko Haram kontrolliert. Erst am Freitag, wenige Minuten nachdem Nigerias Armee die Feuerpause ausgerufen hatte, meldete Kameruns Verteidigungsministerium, das bei Gefechten im Land acht Soldaten und mehr als hundert Terroristen getötet worden seien.

Die nun getroffene Vereinbarung dürfte sich als weiterer Erfolg für die Extremisten erweisen: Sie haben bewiesen, dass der nigerianische Staat erpressbar ist. Damit haben sie einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Die vereinbarte Waffenruhe kann schnell gebrochen werden. Die erfolgreiche Erpressung wird länger nachwirken.



Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Das tun die Kantone im Kampf gegen den Terrorismus

Terrorismusbekämpfung ist nicht nur Sache der Polizei. Auch die Kantone müssen handeln. Seit zwei Jahren gibt es den Nationalen Aktionsplan zur Verhinderung von Radikalisierung (NAP). André Duvillard hat mit watson über die Fortschritte und Herausforderungen des NAP gesprochen. 

«Wenn ein Täter bei der Polizei ankommt, ist es zu spät», sagte die Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle gegenüber SRF. Chérif C., der in Strassburg drei Menschen tötete und viele weitere verletzte, hatte sich zuvor radikalisiert – in einem französischen Gefängnis. Verhindert werden könne dies nur durch Früherkennungsmassnahmen, so della Valle. Und dies sei Sache der Kantone. 

watson hat mit André Duvillard, Delegierter des Sicherheitsverbunds Schweiz, gesprochen. Er betreut den Nationalen …

Artikel lesen
Link to Article