Nigeria
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Proteste in Abuja für die Freilassung der von Boko Haram gekidnappten Mädchen. Bild: AFOLABI SOTUNDE/REUTERS

Gekidnappte Schülerinnen

Boko Haram: Nigeria macht sich erpressbar

Seit einem halben Jahr hat die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria mehr als 200 Mädchen in ihrer Gewalt. Nun sollen die Schülerinnen freikommen - das sieht das Waffenstillstandsabkommen vor. Der Staat hat sich erpressbar gemacht.

17.10.14, 19:43 17.10.14, 22:52

Christoph Sydow / Spiegel Online

Ein Artikel von

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem die islamistische Terrorgruppe Boko Haram mehr als 230 Mädchen aus einer Schule im Nordosten Nigerias entführt hat. In der Nacht vom 14. auf den 15. April drangen die Extremisten in die Oberschule in Chibok ein und verschleppten die etwa 15 bis 18 Jahre alten Schülerinnen.

Der Name Boko Haram bedeutet übersetzt so viel wie «westliche Bildung ist Sünde». Die Islamisten haben in den vergangenen Jahren schon mehrfach Schulen überfallen, Kinder entführt und Lehrer vor den Augen ihrer Schüler getötet. Ginge es nach den Extremisten, sollten in Nigeria nur der Koran sowie islamische Geschichte und Rechtsprechung gelehrt werden, Mädchen sollten am besten gar keine Schulen besuchen.

Die Entführung der Schülerinnen aus Chibok erregte weltweites Aufsehen. Nie zuvor hatte Boko Haram so viele Mädchen auf einmal entführt und öffentlich vorgeführt. Auf einem Video, das kurz nach der Verschleppung veröffentlicht wurde, zeigten die Islamisten etwa 130 Mädchen. Sie wirkten darin verängstigt, trugen Schleier und rezitierten Koranverse. Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau kündigte an, die Mädchen auf dem Markt verkaufen zu wollen - schliesslich seien sie Sklaven.

Präsidentenberater ist «vorsichtig optimistisch»

In Internet forderten Zehntausende Menschen aus aller Welt die sofortige Freilassung der Schülerinnen. Unter dem Hashtag #BringBackOurGirls veröffentlichten Prominente Fotos, auf denen sie sich solidarisch mit den Entführten zeigten. Die Bekannteste unter ihnen war die First Lady der Vereinigten Staaten, Michelle Obama.

Doch die internationale Aufmerksamkeit richtete sich bald auf andere Konflikten, das Schicksal der Mädchen geriet in Vergessenheit - bis vor wenigen Tagen vier Mädchen auftauchten, die zur Gruppe der Entführten gehört haben sollen. Sie berichteten, dass sie in einem Lager im Nachbarland Kamerun festgehalten worden seien. Die Boko-Haram-Terroristen hätten sie dort täglich vergewaltigt. Dann sei ihnen die Flucht gelungen, erst nach einem dreiwöchigen Fussmarsch seien sie in ihre Heimat zurückgelangt.

Nun scheint auch für die anderen entführten Schülerinnen die Freiheit greifbar. Am Freitag verkündete Nigerias Armee, dass sie einen Waffenstillstand mit Boko Haram vereinbart habe. In dem Abkommen habe die Terrorgruppe die Freilassung der Mädchen versprochen. «Boko Haram hat versichert, dass alle Mädchen am Leben sind und dass es ihnen gut geht», sagte Regierungssprecher Mike Omeri.

Er bestätigte, dass es in den vergangenen Wochen Geheimgespräche zwischen Regierung und Extremisten gegeben habe. Nach Angaben eines Regierungsbeamten sollen die Verhandlungen im Tschad stattgefunden haben. Boko Haram hat die Einigung bislang nicht bestätigt.

Die Einzelheiten der Vereinbarung sind derzeit noch unbekannt: Der nigerianische Staat hat bislang keine Angaben zu möglichen Zugeständnissen an die Islamisten gemacht. Unklar ist auch wann und wo die Mädchen freigelassen werden sollen. Nach Angaben von Präsidentenberater Hassan Tukur sollen diese Details bei einem weiteren Treffen in der kommenden Woche in Ndjamena, der Hauptstadt des Tschad, besprochen werden. «Ich bin vorsichtig optimistisch», sagte Tukur der BBC über die Erfolgsaussichten dieses Termins.

Boko Haram wird immer mächtiger

Boko Haram hatte die Freilassung von Kämpfern aus nigerianischer Haft gefordert. Darunter ranghohe Mitglieder der Gruppe wie Kabiru Sokoto, der für Anschläge auf Kirchen an den Weihnachtsfeiertagen 2011 verantwortlich gewesen sein soll. Damals starben 44 Menschen.

Der Führer der Boko Haram, Abubakar Shekau.  Bild: REUTERS TV/REUTERS

Nigerias Regierung hatte diese Bedingungen kategorisch zurückgewiesen. Schliesslich war die Festnahme von Anführern wie Sokoto einer der wenigen Erfolge im Kampf gegen Boko Haram. Doch eine andere Wahl hatte das Militär nicht: Ein gewaltsamer Befreiungsversuch hätte für viele Schülerinnen den sicheren Tod bedeutet.

Seit mehr als fünf Jahren kämpft der Staat gegen die Terrorgruppe, die seither immer mächtiger geworden ist. Nach Angaben von Präsident Goodluck Jonathan haben die Extremisten inzwischen mehr als 13'000 Menschen in Nigeria getötet.

Auch die Nachbarländer werden von den militanten Islamisten zunehmend bedroht: Teile Kameruns werden inzwischen von Boko Haram kontrolliert. Erst am Freitag, wenige Minuten nachdem Nigerias Armee die Feuerpause ausgerufen hatte, meldete Kameruns Verteidigungsministerium, das bei Gefechten im Land acht Soldaten und mehr als hundert Terroristen getötet worden seien.

Die nun getroffene Vereinbarung dürfte sich als weiterer Erfolg für die Extremisten erweisen: Sie haben bewiesen, dass der nigerianische Staat erpressbar ist. Damit haben sie einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Die vereinbarte Waffenruhe kann schnell gebrochen werden. Die erfolgreiche Erpressung wird länger nachwirken.



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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • sewi 17.10.2014 21:28
    Highlight Danke ihr nigerianischen Polizisten und Soldaten, die Ihr unter Einsatz Eures Lebens diese Ideologie bekämpft!
    1 0 Melden

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