Nigeria

Nebst Mädchen die geraubt werden, sind Tausende auf der Flucht vor Boko Haram. Bild: STR/EPA/KEYSTONE

Verstecken, verheiraten, vergewaltigen – das teuflische System hinter den 2000 entführten Frauen von Boko Haram 

Boko Haram braucht Frauen – für den Kampf und für die Ehe. Darum entführt die nigerianische Terrorgruppe massenhaft junge Mädchen. Laut Amnesty International durchlaufen diese ein ausgeklügeltes System. Oder werden ermordet.

14.04.15, 01:51 14.04.15, 08:30

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Bis zum September 2014 war Aisha Yusuf ein ganz normaler nigerianischer Teenager. Dann kam Boko Haram in ihren Ort im Bundesstaat Adamawa, an der Grenze zu Kamerun. Die junge Frau wurde auf der Hochzeit einer Freundin entführt. Zusammen mit ihrer Schwester, der Braut und der Schwester der Braut. Heute ist Aisha Yusuf 19 Jahre alt und kein normaler Teenager mehr – sie ist eine ehemalige Boko-Haram-Soldatin.

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Eigentlich heisst sie anders, doch aus Angst vor der Terrormiliz nennt sie sich im Nigeria-Jahresbericht von Amnesty International eben Aisha. Erst im Januar 2015 gelang ihr die Flucht. Was sie während ihrer vier Monate in den Händen der Islamisten erlebt hat, schildert sie so:

«Ich war unter den Mädchen, die an der Waffe ausgebildet wurden. Drei Wochen lang wurden wir trainiert. Wie man schiesst, wie man einen Sprengsatz zündet. Dann gingen die Missionen los. Auf einer davon musste ich in mein eigenes Dorf.»

Aisha ist eine von vielen Zeuginnen und Zeugen, die die Menschenrechtsorganisation für ihren 90 Seiten starken Bericht befragt hat.

2000 Frauen entführt

Boko Haram hat in Nigeria nach Angaben von Amnesty International seit dem vergangenen Jahr mehr als 2000 Frauen und Mädchen entführt. Viele von ihnen würden von der Terrorgruppe als Sexsklavinnen gehalten, zwangsweise verheiratet oder zum bewaffneten Kampf gezwungen. Dies hiess es in einem am Dienstag veröffentlichen Bericht der Menschenrechtsorganisation. Der Bericht basiert auf Interviews mit knapp 200 Augenzeugen, darunter auch 28 Frauen und Mädchen, die zeitweise in der Gewalt der islamistischen Extremisten waren. Neue Satellitenbilder zeigen Amnesty zufolge zudem das Ausmass der Zerstörung nach einem Angriff auf Bama im Nordosten Nigerias. Mindestens 5900 Gebäude – das entspreche etwa 70 Prozent der Kleinstadt – seien entweder beschädigt oder zerstört worden. Die Strassen seien voller Leichen gewesen.

Seit Jahren verbreitet Boko Haram vor allem im Nordosten Nigerias Angst und Schrecken. Ab 2014 will Amnesty jedoch eine neue Qualität der Attacken ausgemacht haben: Besser organisiert, in höherer Frequenz – und mit deutlich höheren Opferzahlen. Der Vorstoss gipfelte im August 2014 mit der Ausrufung des sogenannten «Kalifats» durch Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau. Damit stellte die Mördergruppe ganz offiziell einen grossen Teil des Nordostens unter ihre Kontrolle.

Für die Zivilbevölkerung bedeutete dies: Tod und Leid ohne absehbare Hilfe von aussen. Von Anfang 2014 bis März 2015 ist die Ermordung von mindestens 5500 Zivilisten durch Boko Haram dokumentiert – darunter mindestens 2000 Frauen und Mädchen. Der Bericht schildert ihr Schicksal besonders drastisch: Die meisten werden als Kämpferinnen missbraucht oder zwangsverheiratet.

Nach ihrer Gefangennahme durchlaufen die Frauen ein nach Angaben zahlreicher Ex-Geiseln straff organisiertes System:

Zunächst werden sie nach Alter getrennt. Laut dem Bericht interessieren sich die Boko-Haram-Kämpfer vor allem für die jüngeren Gefangenen. Ein Teil von ihnen wird als Kämpferinnen abgestellt und ausgebildet. Wie im Fall von Aisha. Sie hat aber auch erlebt, wie die Braut und die Schwester der Braut in Zwangsehen mit Männern der Miliz gedrängt wurden.

Terror, Mord, Vergewaltigung: Im Norden Nigerias ist der Ausnahmezustand zur Normalität geworden.  Bild: Lekan Oyekanmi/AP/KEYSTONE

Dafür werden die Mädchen und jungen Frauen zunächst gezwungen, sich zu der besonders radikalen Islam-Auslegung der Miliz zu bekennen. Weigert sich eine Geisel, wird sie ermordet oder so lange bearbeitet, bis ein «Sinneswandel» eintritt. Bei Aishas Schwester kamen die Gehirnwäscher nicht weiter – sie liegt heute in einem Massengrab verscharrt.

Der mittlerweile sechs Jahre andauernde Konflikt im bevölkerungsreichsten Land Afrikas hat Tausende Opfer gefordert und über 1.5 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen – Nigerianische Soldaten in der befreiten Stadt Gwoza. Bild: Lekan Oyekanmi/AP/KEYSTONE

... und dann kommt es zur Zwangsehe

Nach dem Bekenntnis erfolgt meist eine Verlegung der Frauen. In kleineren Gruppen erhalten sie «Unterricht», in langen Sitzungen indoktrinieren sie die Ausbilder der Miliz mit ihrem kruden Weltbild.

Erst wenn die Verantwortlichen die Schulung für beendet halten, kommt es schliesslich zur Zwangsehe mit einem der Boko-Haram-Männer.

Für ihr Vorgehen haben sich die Extremisten eine bequeme Theorie zurechtgelegt. Laut Anführer Shekau verhaftet das nigerianische Militär die Frauen und Kinder von Boko-Haram-Mitgliedern. So würde man ja quasi zu Entführungen gezwungen. Und ausserdem, so die Terrorgruppe, sei es jungen Frauen ohnehin streng verboten, unverheiratet durchs Leben zu gehen.

Boko Haram – Nigerias Terror in Fakten

Während aller Phasen schweben die Frauen in höchster Gefahr, vergewaltigt zu werden. Aisha Yusuf berichtete Amnesty etwa von regelmässigem Missbrauch, oft durch mehrere Kämpfer. Zwar sei Vergewaltigung unter der Scharia-Rechtsprechung streng verboten. Doch hielten sich längst nicht alle Einheiten an diese Vorgabe, die Taten geschehen heimlich.

So wie Aisha und ihren drei Freundinnen erging es laut Amnesty im vergangenen Jahr Tausenden Frauen in Nigeria. Obwohl die Armee des Landes zuletzt einige Erfolge gegen die Miliz feiern konnte, bleiben ungezählte Geiseln in den Händen der Terroristen.

Wie schwierig die Befreiung ist, zeigt das Schicksal der 276 Schulmädchen, die Boko Haram 2014 verschleppte. Der Fall sorgte international für Schlagzeilen.

Amnesty veröffentlicht seinen aktuellen Bericht nun am ersten Jahrestag der Entführung. Von den meisten der 276 Mädchen fehlt weiter jede Spur. (jok)  

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 14.04.2015 10:29
    Highlight So eine Flüchtlingsfrau oder ein Mädchen würde ich bei mir wohnen lassen und würde auch für sie sorgen bis sie eine Ausbildung hätte und selbständig sein könnte.
    5 0 Melden
    • Hans Jürg 14.04.2015 17:53
      Highlight Ich auch.
      1 0 Melden
  • Wilhelm Dingo 14.04.2015 10:11
    Highlight Unerträglich, was können wir Luxusbürger tun dagegen?
    4 0 Melden

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