Nordkorea

Nordkoreas abwesender Diktator

Jetzt muss Kim Jong Un sich zeigen 

Seit Wochen ist Nordkoreas Diktator Kim Jong Un nicht mehr öffentlich aufgetreten. Ist er krank? Hat seine Schwester ihn ausgebootet? Steht er unter Hausarrest? Ein Termin am Freitag wird mit Spannung erwartet. 

09.10.14, 18:01

Ulrike Putz / Spiegel Online

Ein Artikel von

Zigtausende nordkoreanische Soldaten werden im Stechschritt an den Tribünen mit Ehrengästen im Zentrum Pjöngjangs vorbeidefilieren, ein guter Teil des immensen Raketenarsenals des Regimes an jubelnden Massen entlangrollen. Doch die Augen der Welt werden am Freitag auf den Emporen-Platz gerichtet, der dem Staatschef vorbehalten ist: Nimmt Kim Jong Un an den Feierlichkeiten zur Gründung der Arbeiterpartei vor 69 Jahren teil? 

«Die Feierlichkeiten sind ein wichtiger Termin. Wenn Kim dort nicht auftaucht, könnte wirklich etwas passiert sein in Nordkorea», sagt Asien-Experte Felix Patrikeeff von der Universität Adelaide SPIEGEL ONLINE. 

Spekulationen über die Lage in Nordkorea gab es in den vergangenen Wochen reichlich. Befeuert wurden sie vor allem von südkoreanischen Medien und Gegnern des Staatschefs, die nichts sehnlicher wünschen als das Ende der Diktatur der Kims. Es wird über einen Putsch, also die Entmachtung von Kim gemutmasst. Möglicherweise ist der 30-Jährige aber auch ernsthaft erkrankt. 

Letzter Auftritt am 3. September 

Auslöser für die Gerüchte ist die sonderbare Abwesenheit von Kim Jong Un, der sonst kaum einen Tag verstreichen lässt, ohne seine Untertanen mit wohlorchestrierten Auftritten zu versorgen. Der Diktator in dritter Generation wurde das letzte Mal am 3. September bei einem Konzert in Pjöngjang in der Öffentlichkeit gesehen. 

Bereits im Sommer hatte das nordkoreanische Staats-TV Bilder ausgestrahlt, auf denen Kim hinkte. Ende September, der Diktator war da bereits seit Wochen abgetaucht, äusserte sich der Regimesender zum Gesundheitszustand des Präsidenten. Kim «fühle sich nicht gut», verlas der Nachrichtensprecher. Es war das erste Mal in der Geschichte der nordkoreanischen Diktatur, dass sich Medien zu körperlichen Gebrechen eines Führers äusserten. Südkoreanische Medien berichteten später, Kim habe sich beide Sprunggelenke gebrochen und erhole sich in einer Luxusklinik auf dem Land. Ob das stimmt, ist jedoch unklar. 

Aus Nordkorea geflohene Analysten der in Seoul ansässigen Organisation Solidarität der Intellektuellen mit Nordkorea spekulieren nun, Kim könne zumindest vorübergehend entmachtet worden sein. An seiner Stelle führe möglicherweise seine jüngere Schwester Kim Yo Jong die Geschäfte in Pjöngjang, berichtet CNN unter Berufung auf die Organisation. Chinesische Medien berichteten gar, der Coup gegen den Jungdiktator sei von Vizemarschall Jo Myong Rok eingefädelt worden. Doch Jo, der 2000 als Botschafter des guten Willens eine Reise nach Washington unternahm, starb bereits im Herbst 2010. 

Kim Yo Jong - wie mächtig ist die Schwester des Diktators? 

Dass die Schwester Kims in Pjöngjang eine wichtige Rolle spielt, gilt als sicher. Die 27-Jährige habe mit ihrem Bruder unter Decknamen in Bern eine Privatschule besucht, schreibt der Korea-Kenner Michael Madden auf seinem Blog «North Korea Leadership Watch». Kim Yo Jong organisiere jetzt die öffentlichen Auftritte ihres Bruders und sei eine Art persönliche Assistentin. 

«Das Regime in Nordkorea lässt sich kaum in die Karten gucken», sagt Korea-Experte Patrikeeff. Die lange Abwesenheit Kims könne darauf hinweisen, dass er sich zurückgezogen habe, um seine Macht auszubauen und zu sichern. Auch Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il und Grossvater Kim Il Sung hätten sich immer mal wieder aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Diese Phasen dienten dann meistens der Konsolidierung ihrer Macht. 

Zuletzt hatte es aus Nordkorea zudem Anzeichen für einen politischen Wandel gegeben. Vergangene Woche zum Beispiel reisten hochrangige Regimevertreter anlässlich des Abschlusses der Asienspiele nach Seoul. Die südkoreanische Regierung war von dem Besuch überrascht - aber hocherfreut, als die Delegation aus dem Norden die Wiederaufnahme von Gesprächen zur Verbesserung der Beziehungen anbot. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 09.10.2014 21:53
    Highlight "Vergangene Woche zum Beispiel reisten hochrangige Regimevertreter anlässlich des Abschlusses der Asienspiele nach Seoul"
    Bei der nordkoreanischen Politik der letzten Jahrzehnte gab es immer wieder "Annäherungen" und vermeintlich versöhnliche Töne gegenüber Südkorea, wo sogar immer wieder von Wiedervereinigung die Rede war, nur um wenig später wieder eine militärische Drohkulisse aufzubauen und von Krieg zu reden. Es ist diese völlige Unberechenbarkeit, welche das nordkoreanische Regime seit Kim Il Sung am Leben erhält. Allzu viel sollte man daher nicht auf die momentane Annäherung geben.
    2 0 Melden

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