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Auszubildende eines Volkseigenen Gutes: Foto für die Bildreportage «Berufe mit Zukunft» (1967), die in der FDGB-Rundschau veröffentlicht wurde. Bild: Martin Schmidt; Stiftung Deutsches Historisches Museum

Auftragsfotografie in der DDR

Diktatur der bunten Bilder

Fotos «für die Stärkung der DDR»: Das Deutsche Historische Museum Berlin zeigt erstmals die Farbaufnahmen zweier freiberuflicher Ost-Fotografen und hinterfragt ihre Rolle im Staat. Waren die beiden unpolitische Handwerker oder Herolde des Sozialismus?

20.03.14, 14:13 20.03.14, 16:58

Ein Artikel von

Solveig Grothe, spiegel online

Am Anfang waren die Fischfotos. Fotos, wie Carola Jüllig sie nie erwartet hatte. Über Wochen und Monate arbeitete sich die Kuratorin des Deutschen Historischen Museums (DHM) durch den Nachlass des DDR-Fotografen Kurt Schwarzer. Fast 50.000 Negative, überwiegend schwarzweiss, ein Lebenswerk. An den Farbaufnahmen blieb ihr Blick hängen. Sie zeigten Überraschendes: frittierte Tintenfischringe, Hummer, gegrillte Forelle mit Ananas. Angerichtet und drapiert neben leuchtenden Orangen und Zitronen auf einem makellos blauen Tischtuch.

Fischgericht (1965) im «Verlag für die Frau» Bild: Kurt Schwarzer, Stiftung Deutsches Historisches Museum

Der Hummer in einem Stillleben mit Fischernetz und Ostseesand, umgeben von üppig gefüllten Dessertschalen, erwies sich bei näherer Betrachtung als Plastikdekoration, doch die übrigen Speisen waren echt. Abgelichtet auf Diapositiv. Das Erstaunlichste allerdings: Die Food-Styling-Inszenierung hatte nicht auf einem Staatsempfang stattgefunden. Die Bilder erschienen in den sechziger Jahren im Rezepteheft «Neue Fischtips» im Verlag für die Frau in Leipzig.

25 Jahre nach dem Mauerfall hängt Schwarzers Fisch nun als grossformatiger Abzug in einer Ausstellung des DHM in Berlin. «Farbe für die Republik, Auftragsfotografie vom Leben in der DDR», lautet der Titel. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR entdeckten die Ausstellungsmacher eine bislang kaum beleuchtete Seite der Fotografie aus dem Arbeiter- und Bauernstaat. Die Aufmerksamkeit hatte bisher vor allem sozialdokumentarischen Fotografien gegolten, Schwarzweiss-Aufnahmen vom Leben im Osten, die den sozialistisch-zentralistischen Einheitsstaat im sinnfälligen Grau zeigten. Sie prägten die Sehgewohnheiten.

«Unser Bild der DDR ist schwarzweiss.»

Carola Jüllig; Kuratorin des DHM

Wohl deshalb hatte sie der Farbfund in Schwarzers Werk überrascht.

Glückliche Gesichter

Die Farbaufnahmen stammen aus der offiziellen journalistischen Bildproduktion der DDR. Im Archiv des Fotografen sind sie in der Minderheit – nur rund 1600 Motive der fast 50.000 Bilder.

Bemerkenswert an der Auswahl der Bilder, die das DHM nun in Berlin präsentiert, ist die Tatsache, dass sie von zwei Fotografen stammen – neben Schwarzer noch von Martin Schmidt –, die in der DDR freiberuflich tätig waren. Ihre Aufnahmen erschienen in Zeitschriften, Publikationen von Massenorganisationen oder als Werbefotos Volkseigener Betriebe auf Messen. Doch wie ging das zusammen – Propaganda und berufliche Unabhängigkeit? Beiden Fotografen ist gemein, dass sie sich nie als Künstler verstanden. Das, was sie ablieferten, war sogenannte Gebrauchsfotografie. Wie weit aber liess sich ein freier Fotograf gebrauchen?

Die Arbeiter und Bauern, vor allem aber die Arbeiterinnen und Bäuerinnen auf den Fotos von Schmidt und Schwarzer strahlen. Wenn sie an Maschinen stehen. Wenn sie einkaufen. Wenn sie Kinderwagen schieben. Glückliche Gesichter zufriedener Menschen im Sozialismus, so sieht es aus und so sollte es aussehen. «Die Farbfotografie als spezielle Form der Bildjournalistik ist in der Lage, dem Leser neue Aspekte in der Erkenntnis der gesellschaftlichen Probleme zu vermitteln», hiess es in einem Papier des Berufsverbandes der DDR-Journalisten.

Traktoristin: Titelfoto der Zeitschrift «Lernen und Handeln» (1970), dem Funktionärsorgan des Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) Bild: Martin Schmidt, Stiftung Deutsches Historisches Museum

«Sie ist in der Lage, die Vielfalt und Schönheit unseres Lebens deutlich sichtbar zu machen.»

Berufsverband der DDR-Journalisten

Nie war das offizielle Foto einfach nur schmückendes Beiwerk, nie unpolitisch, immer auch die «geistige Bewältigung des Inhalts, die künstlerische Widerspiegelung, der politisch-ideologische Standpunkt des Bildautors.» So sah es die Berufsdoktrin weiter vor. Auch, wenn sich der Fotograf selbst anders sah.

Mitarbeiterin des VEB Kabelwerke Oberspree Berlin (1980): Im Auftrag der «Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft» für einen Prospekt über das Kabelwerk in russischer Sprache. Bild: Martin Schmidt; Stiftung Deutsches Historisches Museum

«Unpolitische Handwerker»

Schwarzer, der 2012 im Alter von 85 Jahren starb, hatte sich selbst als «unpolitischen Handwerker» bezeichnet. Er war Autodidakt, hatte nach dem Krieg als Fotolaborant angefangen und sich dann selbst in der Uni-Bibliothek angelesen, was man für das Fotografenhandwerk brauchte. Filme und Chemikalien für die Entwicklung kaufte er sich im ganzen Land zusammen, für eine einzige Substanz fuhr er manchmal bis nach Sachsen, oder er brachte aus der besser versorgten «Hauptstadt der DDR» Apfelsinen bis nach Görlitz, wenn es dort jemanden gab, der ihm eine Kamera nach seinen Wünschen umbaute.

Sonja mit Handpuppen aus der Kindersendung «Abendgruss» (1963): Titelbild der Frauenzeitschrift «Für Dich» Bild: Kurt Schwarzer; Stiftung Deutsches Historisches Museum

Paar mit Moped vor dem Kraftwerk Vockerode (1963): Titelbild der Frauenzeitschrift « Für Dich» Bild: Kurt Schwarzer; Stiftung Deutsches Historisches Museum

Angestellt zunächst als Bildreporter bei der Zeitschrift «Frau von heute», entschied er sich 1957 für die freiberufliche Tätigkeit, weil das Honorar deutlich höher lag als das Festgehalt, wenn er ausser für die Zeitschrift auch noch für andere staatliche Auftraggeber wie Magazine, Betriebe, Messen und Massenorganisationen arbeiten konnte. Sein Talent, Bildwünsche kreativ umzusetzen, hatte sich herumgesprochen.

Lieblingsthemen oder Spezialgebiete gab es für ihn nicht. Kleinbild oder Grossformat? Schwarzer machte alles. Niemals hätte er einen staatlichen Auftrag abgelehnt. Bis zum Ende der DDR konnte er so gut von seinem Handwerk leben. Kritik am Staat war für ihn kein Thema. Das hatte wohl auch mit der Zeit zu tun, in der Schwarzer aufgewachsen war: Er hielt es für «das grösste Wunder überhaupt», so sagte er 2011 in einem Interview mit dem DHM, dass er «den Krieg überleben» konnte und die Monate danach, in denen man ihn zum Minensuchen in den Oderbruch geschickt hatte. «Eine solche berufliche Zeit», wie er sie danach habe erleben dürfen, das sei «wie eine Offenbarung».

Zum Hingehen

Die Ausstellung «Farbe für die Republik» ist vom 21. März bis zum 31. August 2014 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

«Ich bin kein Fotograf, ich bin Bildjournalist»

Der zwei Jahre ältere, 1925 geborene Martin Schmidt entstammt der gleichen Generation. Doch anders als Schwarzer wollte er keineswegs unpolitisch sein. Er trat in die SED ein und liess sich in der DDR zum Journalisten ausbilden – zu einem «sozialistischen Journalisten», der sich laut Berufsbild nicht durch Unabhängigkeit und Überparteilichkeit auszeichnete, sondern explizit «für die Stärkung der DDR und im Interesse des proletarischen Internationalismus» arbeitete. Etwa bei einer der rund 500 in der DDR erschienenen Zeitschriften, die allesamt den Anweisungen und der Kontrolle der Abteilung für Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED unterlagen.

Zunächst als Schreibender, später als leidenschaftlicher Bildreporter war für Schmidt immer der Inhalt wichtig:

«Das war für mich die ganze Motivation in der Arbeit: eine neue Gesellschaft aufzubauen.»

Martin Schmidt im Interview mit dem DHM

Seine Einstellung änderte sich auch nicht, als er 1959 nach einer Auseinandersetzung seine Festanstellung verlor und sich nur noch freiberuflich betätigen konnte. «Ich bin kein Fotograf, ich bin Bildjournalist», erklärt Schmidt sein Selbstverständnis. Seine Themen und Reportagen habe er selbst konzipiert. 

Als ihm Zentralbild, die Bildagentur des staatlichen Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN), schliesslich doch eine Festanstellung anbot, so erzählt Schmidt, habe er abgelehnt. Mit den Aufträgen, die er mittlerweile bekam, würde er als Freiberufler «doppelt so viel» verdienen.

Beide, Schmidt wie Schwarzer, zeichnete ihr grosses fotografisches Geschick aus. Wohl aber auch die Fähigkeit, der Diktatur mit ihren Fallstricken, Zwängen und Abhängigkeiten auf jeweils eigene Art zu begegnen. Beide waren bis zum Ende der DDR gut im Geschäft – vielleicht war das ihr grösstes Talent.



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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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