Panorama
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

moderne kunst 

Ab in den Abfall! Kunst, die eine Wegwerfreaktion auslöst 

Werke von modernen Künstlern landen immer mal wieder im Abfall. Sie werden von ordnungsbewussten Museumshütern entfernt oder von gewissenhaften Putzfrauen fachgerecht entsorgt. Aber würden Sie immer den Unterschied zwischen Abfall und moderner Kunst erkennen?

21.02.14, 20:13 24.06.14, 09:29

Die Installation des Amerikaners Paul Branca, die aus zerknittertem Zeitungspapier, Karton und Keksen besteht, wurde von einer resoluten Putzfrau entsorgt. Sie nahm an, dass es sich dabei um Abfall handelte, den Galerie-Arbeiter liegen gelassen hatten. Leider nein. Der vermeintliche Schrott ist geschätzte 13'000 Franken wert. Die Installation sollte den Betrachter dazu bringen, den Umgang mit der Umwelt zu überdenken. Stattdessen hat sie eine Wegwerf-Reaktion provoziert. 

Ein Werk des Künstlers Paul Brancas Bild: Facebook/PaulBranca

Die Versicherung der verantwortlichen Putzfirma «Chiarissimo» will den Schaden übernehmen. Sie bedauern den Vorfall, aber nehmen die putz-wütige Mitarbeiterin in Schutz: 

«Sie hat nur ihren Job gemacht.» 

Lorenzo Roca von der Putzfirma «Chiarissimo»

Die Putzfrau der Galerie Sala Murat im süditalienischen Bari ist nicht die einzige, die Kunst nicht als Kunst erkannt hat. 

Geschrubbte Kunst: Der Frevel an einer schmuddeligen Badewanne  

Der Künstler Joseph Beuys ist ebenfalls ein solcher Wackel-Kandidat: Seine Werke oszillieren zwischen Kunst und Schrott hin und her und verwirren so manche Menschen – allen voran die Leverkusener SPD.

Beuys «Badewanne» Bild: Studyblue.com

Herbst 1973: Die Leverkusener SPD feiert ein rauschendes Fest im Museum Schloss Morsbroich. Eifrig wird nach Stühlen für die Festgemeinschaft gesucht. Der Hausmeister – vielleicht bereits leicht beschwipst – lässt sich von zwei Genossinnen dazu überreden, doch das Suchgebiet zu erweitern und das Magazin aufzuschliessen. Und was finden die Damen da?

Eine fettige, alte Badewanne mit Mullbinden und Pflastern übersät. Vorzüglich geeignet für das Gläser-Spülen, denken sich die Genossinnen, und schleppen die Wanne kurzerhand in den Festraum.  

Da aber die Wanne einen derart erbärmlichen Anblick bietet, bewaffnen sich Marianne Klein und Hilde Müller mit Putzmittel und scheuern den Zuber so lange, bis er wieder blitzeblank ist. 

«Wir dachten, dat alte Ding können wir sauber machen.»

Marianne Klein und Hilde Müller im Interview mit dem WDR (2006)

Ein weiteres Werk Beuys' das sich «Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch» nennt. Auch hier könnte der Betrachter den plötzlichen Drang verspüren, das Zeug am Boden aufzuräumen. Oder er fragt sich, wo um Himmels Willen sich der Hirsch versteckt.   Bild: Mmk-frankfurt.de

Die Putzaktion kam der Stadt Wuppertal teuer zu stehen. Es handelte sich nämlich um die Wanne des berühmten Künstlers Joseph Beuys, der diese im Namen der Kunst eigenhändig zugepflastert und eingefettet hatte. Diese schmuddelige Wanne nun war im Besitze des Kunstsammlers Lothar Schirmer. Bei ihm wurde sie dann blank gefegt und kommentarlos abgeliefert. Sie sehe so glatt aus wie ein «rasierter Kaktus», soll er gezetert haben.

Nach einem zweijährigen Streit zwischen Wuppertal und dem verstimmten Herrn Schirmer wurde schliesslich die Stadt vom Oberlandesgericht Düsseldorf dazu verdonnert, Schirmer mit 40'000 Mark zu entschädigen.

Und sogar Beuys erklärte sich dazu bereit, die geschrubbte Wanne zu restaurieren, obwohl er betonte, sie sei in einem «einmaligen Schöpfungsakt» erschaffen worden.

Das versaute Bett

Im Jahre 1999 hat die britische Künstlerin Tracy Emin ihr Bett ausgestellt: Besudelte Lacken, garniert mit gebrauchten Kondomen und Unterwäsche. Ein Museumswärter räumte die Sauerei weg. Er wird sich bestimmt gewundert haben, wer die Frechheit besitzt, sich in einem Museums-Bett zu vergnügen. 

Tracy Emin «My Bed» Bild: Saatchi Gallery

Die Selbst-Destruktion 

2004 musste der deutsche Künstler Gustav Metzger dran glauben. Sein Abfallsack fiel im Tate Britain einem ordnungsbewussten Angestellten zum Opfer. Ironischerweise wollte er mit seiner Installation die Vergänglichkeit der Kunst demonstrieren.

Gustav Metzger: «Recreation of First Public Demonstration of Auto-Destructive Art» Bild: Tate

Wo man sonst noch so aufräumen könnte 

Ob diese Dosen-Säcke so hoch an der Decke hängen, damit keine Putzfrau rankommt? 

Claire Fontaine «Some Redemptions» Bild: Metropicturesgallery

Eines schönen Tages am Markt bei den Wühlkisten: Erwischt! Venus sucht nach der billigsten Unterhose. Will ihr denn niemand helfen? 

Michelangelo Pistoletto «Rag Venus» Bild: EPA

Vor dem watson-Büro steht ein an Abfall erinnerndes Objekt, das gerne jederzeit entfernt werden darf. 

Bild: watson/rof

Abfall, der sich sehen lassen kann

Es gibt aber durchaus auch Künstler, die Abfall nicht einfach als Abfall präsentieren, sondern sich die Mühe machen, ihn wirklich künstlerisch zu veredeln. Das Credo lautet: Mach Kunst aus Abfall und nenne Abfall nicht einfach Kunst.

via Depajaro.blogspot

Ein überdimensionierter Abfallsack wird als Kritik verstanden. 

Vom japanischen Künstler Chimpom. Bild: Tumblr/tokyo-fashion

Ich bin auch Abfall. 

Vom japanischen Künstler Chimpom. Bild: Instagram/chimpomhappy

Du hast den Abfall produziert, jetzt kannst du dich auch gleich reinlegen! 

Beweglicher, singender und begehbarer Schrott 

Ein Werk von Jean Tinguely. Bild: KEYSTONE

Selbstkritische Kunst

Michael Landys besonderer Abfalleimer. Bild: Creativereview.co.uk

Via BBC News und Gawker



Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

Abonniere unseren Daily Newsletter

2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • pbst 22.02.2014 13:50
    Highlight Wurde da vielleicht Moderne Kunst mit Zeitgenössischer Kunst verwechselt?
    0 2 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.02.2014 16:21
      Highlight Ist es blöd, eine offensichtlich rhetorisch gemeinte Frage zu beantworten? Ja. Ich machs trotzdem. Aso.
      Ich hab Moderne Kunst gesagt, weil "modern" ein dermassen schwammiger Begriff ist, der eigentlich so ziemlich alles ab 1900 herum bezeichnen kann. Eigentlich taugt er als wissenschaftliche Kategorie nichts. Und trotzdem verwendet man ihn halt, weil man dann irgendwie das Gefühl kriegt, man wisse, wovon man da lese. Aber natürlich hab ich hier nicht die ganze Bandbreite an Moderner Kunst gemeint! Aber ist dann Moderne Kunst nicht einfach eine Oberkategorie von Zeitgenössischer Kunst? Weil es können ja keine unmodernen Menschen Zeitgenössisch malen oder?
      Zeitgenössische Kunst wär wahrscheinlich trotzdem passender und griffiger. Das ist dann Gegenwartskunst oder? Also lebende Künstler, die ihren Zeitgenossen ihre Kunst näher bringen. Aber Beuys ist doch tot. Womöglich plötzlich – unter seiner Hirsch-Installation – vom Blitz getroffen. Ist es dann noch immer Zeitgenössische Kunst?
      9 1 Melden

17 Anglizismen, die du falsch verwendest

Wenn du in Konversationen mit Engländern und Amerikanern ab und an fragende Blicke bekommst, hat dies womöglich gute Gründe: Viele Nichtmuttersprachler verwenden Anglizismen zum Teil kreuzfalsch.  

Jaja, das Mobiltelefon. So genannt, weil es so praktisch in der Hand liegt. Steht angeblich auch für «handheld phone» Leider nein: Auf Englisch ist «handy» kein Substantiv, sondern ein Adjektiv und bedeutet: «praktisch», «handlich», «gäbig». Das mag auch auf ein Mobiltelefon zutreffen, …

Artikel lesen