Panorama
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Glückliches Paar in der Muschel: Man müsse die kleinen Figuren als echte Charaktere begreifen, sagt Boffoli. Das Foto ist mit «Jerome überwand endlich sein Peter-Pan-Syndrom und stellte die Frage» unterschrieben. bild: christopher boffoli

Miniatur-Figuren

Mit dem Essen spielt man eben doch – zumindest tut es der Künstler Christopher Boffoli

Ein Schneepflug schiebt Puderzucker beiseite, Männer bearbeiten Erdbeeren mit Spitzhacke: Der Fotograf Christopher Boffoli setzt handbemalte Figuren in Landschaften aus Obst, Gemüse und Süssigkeiten. Das sieht hübsch aus, erzählt aber noch mehr.

24.09.14, 13:02

benjamin schulz

Ein Artikel von

Was geht Jerome durch den Kopf, wenn er seiner Liebsten einen Antrag in einer Muschel macht? Wie fühlt sich Luc, während er Fussspuren auf einem Pfannkuchen hinterlässt? Und was denkt Patty, wenn sie Furchen in der Schale einer Orange hinterlässt?

Boffoli schreibt zu dem Foto, Jahre der Ausbildung seien notwendig gewesen, bis die Figuren sich derart anspruchsvoller Arbeit hätten zuwenden können. bild: christopher Boffoli

Die Fotos verbinden zwei universelle Themen des Menschseins: Essen und Spielen.

Christopher Boffoli weiss es. Er hat Jerome, Luc und Patty erschaffen. Der Fotograf haucht den wenige Zentimeter großen Figuren Leben ein, zumindest ein bisschen. In seinen Bildern werden die Spielzeuge zu Hauptdarstellern, Lebensmittel sind ihre Kulisse. Boffolis Arbeit wurde bereits in mehr als hundert Ländern gezeigt. Nun ist sein Buch «Big Appetites» erstmals in einer fremdsprachigen Version erschienen – auf Deutsch. Die Fotos verbinden zwei universelle Themen des Menschseins: Essen und Spielen. Das, glaubt Boffoli, macht ihren Reiz aus. Dazu kommt die Umkehr der Größenordnung.

Der Kommentar des Künstlers zu seinem Bild: «Weil die Marktpreise wie Raketen stiegen, gerieten Erdbeersamen in die Hände von Wilderern.» bild: christopher boffoli

Mit der Axt gegen den Blätterkohl: Die Figuren werden von Boffoli handbemalt. bild: christopher boffoli

Christopher Boffoli

Jahrgang 1969, ist Fotograf, lebt und arbeitet in Seattle. Sein Portfolio umfasst Arbeiten für Werbekunden und Verlage, aber auch Kunstfotografie. Boffolis bekannteste Bilder stammen aus der «Big Appetites»-Serie, zu Deutsch: Riesenhunger. Die Bilder wurden bislang in mehr als hundert Ländern gezeigt. 

Tage bis zum perfekten Bild

Diese Idee, sagt Boffoli, «ist schon sehr alt, man denke nur an ‹Gullivers Reisen›.» Ihn inspirierten speziell die Filme und TV-Werbespots seiner Kindheit. «In den Siebzigerjahren wurde das häufig gemacht, vermutlich weil es ein einfacher Spezialeffekt war.»

Seit Ende 2002 fotografiert Boffoli Figuren in Lebensmittel-Landschaften. Seine Arbeit beginnt fast immer auf dem Wochen- oder im Supermarkt. Weil er mit Makro-Objektiven fotografiert, ist jedes Detail zu erkennen. «Deshalb bevorzuge ich es, mit frischen und saisonalen Produkten zu arbeiten», sagt er. «Dann muss ich nicht so viel Zeit damit verbringen, die Fehler digital zu beseitigen.»

Verteidiger des Burgers: Miniatur-Polizisten haben sich hinter einer Barriere aus Pommes frites versteckt. Boffolis Kommentar: «In exakt diesem Moment begriff Larry, dass sich all die Judostunden nun wirklich auszahlen würden.» bild: christopher boffoli

Lila, gelb oder grün? Jeder der Miniatur-Köche scheint zu versuchen, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zu lenken. Boffoli schreibt dazu: «Wie auf Kommando spielte sich Philippe in den Vordergrund, um das ganze Lob einzuheimsen.» bild: christopher boffoli

«Boffoli behauptet, alle Lebensmittel auf seinen Fotos blieben essbar.»

Boffoli ist Perfektionist, in seinen Fotos soll sich die Idealvorstellung einer Erdbeere oder Banane wiederfinden. Manche in der Food-Fotografie übliche Schummeleien lehnt er aber trotzdem ab. Oft werde weisser Klebstoff statt Milch verwendet, Würfel aus Glas statt echter Eiswürfel. Boffoli behauptet, alle Lebensmittel auf seinen Fotos blieben essbar.

Grillvergnügen am Eiswaffel-Tipi. Boffolis Kommentar dazu: «Der Kopfraum in dem Waffel-Zelt konnte dessen schlechte Performance bei Regen nicht wettmachen.» bild: christopher Boffoli

Weil auch das Bemalen der Figuren von Hand eine echte Geduldprobe ist, kann es Tage dauern, bis das perfekte Bild vom Schneepflug zwischen Puderzucker-Plätzchen oder vom Liebespaar in einer Muschelschale fertig ist. Echte Schnellschüsse sind die absolute Ausnahme.

Puh, ganz schön anstrengend: Wenn Puderzucker wie Schnee aussieht, müssen Schippe und Schneepflug ran. Boffoli schreibt: «Sobald man sich freigeschaufelt hat, schiebt der Schneepflug alles wieder zu.» bild: christopher boffoli

Die Figuren als Charaktere begreifen

Die Fotos sind für Boffoli nur die Hälfte der Arbeit. Genauso wichtig nimmt er die kurzen Kommentare zu den Bildern. Manchmal ironisch, manchmal lakonisch, lassen sie aus dem Foto eine Geschichte entstehen. Wenn etwa fünf Figuren in Arbeiterkleidung auf Rigatini-Nudeln sitzen, textet Boffoli: «Trotz ihres rauen Äusseren waren sie wie eine Clique Schulmädchen. Und Harvey war so etwas wie der erste Cheerleader.»

«Trotz ihres rauen Äusseren waren sie wie eine Clique Schulmädchen»: Eine Gruppe Arbeiter macht Pause.  bild: christopher boffoli

«Viele Leute, die diese Arbeit nachahmen, vergessen den Kontext. Die nehmen eine Figur und stecken sie auf ein Stück Kuchen.»

Dieser kleine Spaziergänger hinterlässt auf einem Pfannkuchen Spuren: «Luc lernte endlich, der Protagonist seines eigenen Lebens zu sein.» bild: christopher boffoli

«Viele Leute, die diese Arbeit nachahmen, vergessen den Kontext. Die nehmen eine Figur und stecken sie auf ein Stück Kuchen», sagt Boffoli. Man müsse die Männchen als Charaktere begreifen. "Gib ihnen eine Handlung, ein Schicksal. Man muss sich fragen: Was, wenn ich nur 20 Millimeter gross wäre und neben einem riesigen Stück Kuchen stehen würde?"

Im echten Leben süsse Naschereien – bei Fotograf Boffoli landwirtschaftliche Nutzfläche. bild: christopher boffoli

Boffoli greift mit seinen Figuren grosse Themen auf. «Beim Thema Lebensmittel geht es um Politik, die Umwelt, Gesundheitsfürsorge, Landwirtschaft, Wissenschaft», sagt er.

Kontaminiertes Gelände: Diese Szene könnte auch aus einem Science-Fiction- oder Horrorfilm stammen. Boffoli schreibt dazu: «Es war eine Entdeckung, die sie dazu brachte, das Sortiment ihrer Phobien neu zu sortieren.»  bild: christopher boffoli

Wenn ein Kuchenstück dreimal so hoch ist wie die Figur, die daneben steht, lässt sich das als Anspielung auf die amerikanische Überflussgesellschaft deuten. «Es gibt bei uns riesige Portionen, Donuts zum Beispiel. Einzeln sind sie eine wunderbare Leckerei, aber wir verkaufen sie im Dutzend. Wir wollen mehr, mehr, mehr. Das ist solch eine amerikanische Vorstellung», sagt Boffoli.

Gewöhnliche Schnittlauchstangen wirken plötzlich wie massive Baumstämme: harte Arbeit für den kleinen Holzfäller. «Howard wurde wegen seiner Präzision und Schnelligkeit bewundert.» bild: christopher boffoli

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Putin befiehlt: Посмотрите на Picdump!

Artikel lesen