Panorama
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Klosterspiele Wettingen 2014: «Viel Lärm um nichts» von W. Shakespeare; Regie Thorleifur Oern Arnarsson

Der Gouverneur Leonato (Christian Beppo Peters) und Heros Kammerfrau Margarete (Ronja Oppelt). Bild: Georg Anderhub 

Shakespeares «Viel Lärm um nichts» in Wettingen

Laute, männerhassende Frauen mit Schnauz wollen auch nur geliebt werden  

Vom 8. Juli bis zum 7. August 2014 wird im Kloster Wettingen Shakespeares Komödie «Viel Lärm um nichts» als Freilichtspiel inszeniert – ein feurig-lebendiges Spektakel, das den Shakespeare-Stoff mit sehr viel Witz und umwerfenden Darstellern in unsere Zeit teleportiert. 

08.07.14, 06:56 08.07.14, 08:29
«Seit 500 Jahren weiss man schon, dass heute der Prinz von Aragon in Messina eintreffen wird». 

Seit 500 Jahren wisse man schon, dass heute Don Pedro, der Prinz von Aragon (André Meyer), mit seinem Gefolge in Messina eintreffen werde. Das verkündet der etwas zerzauste Gouverneur Leonato (Christian Beppo Peters), der diese Information aus einem zerknitterten Shakespeare-Exemplar von «Viel Lärm um nichts» herausliest. 

Leonato (Christian Beppo Peters), Beatrice (Sarah Viktoria Frick) und Don Pedro (André Meyer). Bild: Georg Anderhub



«Ich sauge das verstaubte Frauenbild.» 

Leonato wuselt herum, ist furchtbar nervös, will sein Haus in Schuss bringen, bevor Don Pedro eintrifft, während seine Nichte Beatrice (Sarah Viktoria Frick), die unbeugsame Feministin mit Schnauzbart, sich daran macht, ihrer puppenhaften Cousine Hero (Nadja Migdal) unflätige Gestiken beizubringen: Sie muss grunzen wie eine Sau und anstatt den Gästen zuzuwinken, soll sie ihnen den Stinkefinger zeigen.

Beatrice beginnt staubzusaugen, aber nicht ohne mit dem Rohr gewisse Dinge anzustellen und darauf hinzuweisen, dass sie nur das gängige Frauenbild entstaube. 

«Der Bart gehört dem, der ... äh ... ihn sich nimmt!» 

Leonato schwitzt. Er droht vor lauter Überspanntheit in Ohnmacht zu fallen. Dann besinnt er sich aber eines Besseren und versucht seiner Ziehtochter den Bart vom Gesicht zu reissen. Ein Fall von klassischem Bartneid. Die anarchische Beatrice will ihn natürlich nicht hergeben: Mit einem kräftigen Ruck schafft der Gouverneur es letztlich, seine Position als Mann im Hause zurückzuerobern: «Der Bart gehört dem, der ... äh ... ihn sich nimmt!» 

Claudio (Robert Rozic) und Benedict (Martin Vischer) in Schwarz, davor Margarete (Ronja Oppelt) und Leonato (Christian Beppo Peters). Bild: Georg Anderhub

«Viel Lärm um nichts»

Spieldaten*: 
Dienstag, 8. Juli: Premiere
Mittwoch, 9. Juli: Vorstellung 
(Donnerstag,
10. Juli: Verschiebedatum für 8. und 9. Juli) 
Freitag, 11. Juli: Vorstellung
Samstag, 12. Juli: Vorstellung
(Sonntag, 13. Juli: Verschiebedatum für 11. und 12. Juli)
* Türöffnung: 20 Uhr, Beginn: 20.15 Uhr

Alle weiteren Termine finden Sie hier.
Tickets können Sie unter diesem Link bestellen.

Der Schnauz bleibt ihr erhalten, bis endlich die erwarteten Gäste eintreffen. Benedict (Martin Vischer), den Beatrice krampfhaft und aus tiefster Seele zu verachten versucht, rupft ihr den haarigen Balken von der Oberlippe. Ihr Herz wird mit dem Grad ihres Bartschwundes stets ein bisschen garer bis sie sich schliesslich – nach etlichen spitzen Wortgefechten mit dem paduanischen Edelmann – seiner Liebe hingibt. 

Natürlich bockt auch Benedict mindestens eine Stunde lang herum. In allergrösster Verzweiflung versucht er seine Junggesellen-Fassade vom Bröckeln zu bewahren. Er würde niemals heiraten, das käme ja quasi einer Kastration gleich: Man betrachte nur seinen florentinischen Grafenfreund Claudio (Robert Rozic), der sich in Nullkommanichts in Hero verliebt hat und ihr dann auch noch sofort seine Zuneigung gesteht. Dieses Zergehen im Schmelztiegel der Liebe, unerhört! Früher war Claudio ein Mann, ein Krieger, jetzt aber betrachtet er nur noch «das Fliessen seiner Beinkleider». 

«Ich habe ja gar keine Hosen an! Das fällt ja auf!» 

Was der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson hier inszeniert hat, ist ein einmalig verspieltes Schaustück. Eine Welt, in der Slapstick-Humor auf körperliches Theater trifft, während auch die (Halb-)Nacktheit nicht fehlt, nur ist diese ironisch gebrochen (Benedict ganz überrascht: «Ich habe ja gar keine Hosen an! Das fällt ja auf!») und gipfelt in einer vulkanartigen Ejakulation. 

Benedict (Martin Vischer) leidend in spanischer Halskrause. Er setzt sich ins Publikum, um sich anzuschauen, was für eine traurige Falle er aus dieser Perspektive macht: «Armer Benedict! SCHREEEECKLICH! » Bild: Georg Anderhub

Der hosenlose Benedict (Martin Vischer) hat die Ejakulation seines Lebens. Davor: Leonato (Christian Beppo Peters) Bild: Georg Anderhub

Selbst die Zuschauer werden mitsamt der zweiseitigen Tribüne ins sehr rote Bühnenbild und die Handlung integriert, sie werfen Rosen für die hohen Gäste oder spielen Apfelbäume im Märchenwald. 

Eine wonnige Komödie über die Geschlechter und ihre Rollen, die selbst ohne den klassischen Shakespeare-Bösewicht auskommt.

Trotz aller Regie-Freiheiten und dem Experimentieren auf mindestens tausend Meta-Ebenen könnte Arnarsson den Shakespeare-Stoff nicht trefflicher in unsere Zeit transferieren: Eine wonnige Komödie über die Geschlechter und ihre Rollen, die selbst ohne den klassischen Shakespeare-Bösewicht auskommt. Die Katastrophe tritt nämlich auch so ein, einfach weil sich die Figuren zuweilen zu blöd anstellen, obwohl sie es eigentlich alle gut miteinander meinen. Wie Menschen eben und vor allem wie die Menschen aus Shakespeare, deren Schwächen dieser Dramengott so vorzüglich zu beschreiben wusste. 

Don Pedro (André Meyer) und Leonato (Christian Beppo Peters). Bild: Georg Anderhub

Getragen wird das Stück vor allem von den zwei Schauspieler-Grössen Sarah Viktoria Frick und Martin Vischer. Und so wie sich Beatrice und Benedict ihrer Liebe zueinander letztlich machtlos ergeben, müssen Sie als Zuschauer zugeben, sich in mindestens eine dieser Figuren unbändig verliebt zu haben. 

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Digital ist besser. Das gilt auch für die Kunst

Was will die Kunst mit den sozialen Medien? Darf man einen Fernseher mit Nagellack bemalen? Und was hat ein Museum mit einem WC zu tun? Pipilotti Rist und andere haben da so ihre Ideen.

Februar 2018, Sydney, Australien, die Menschen spinnen: Alle wollen ins Museum, in die bunte, halluzinogene Welt der Pipilotti Rist. Das Museum droht zu platzen. Es denkt sich, okay, wenn wir den Leuten verbieten, Selfies zu machen, kommen weniger. Und dann? «Dann ging der Schuss nach hinten los», sagt Pipilotti Rist überaus zufrieden, «dann kamen noch mehr Leute. Weil alle die Ausstellung noch einmal ohne Handy sehen wollten.»

Rists Welterfolg ist mit jedem Jahr noch krasser, eine Explosion der …

Artikel lesen