Panorama
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»Eine meiner wichtigsten Lebenserfahrungen war der Besuch bei Fidel Castro. Er suchte für seine Autobiographie (die er nie zu Ende geführt hat) einen internationalen Verleger und entschied sich für Giangiacomo Feltrinelli.  Wir wurden 1964 zu Castro nach Havanna eingeladen und bekamen eine groÃe Villa eines ehemaligen Zuckerbarons, der geflohen war, zugeteilt â mit Park und Personal wie in vorrevolutionären Zeiten.  Der Gast vor uns war der sowjetische Politiker Anastas Mikojan.

Fidel Castro sitzt vor seiner Biographie. Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Fotografin Inge Feltrinelli

Die Fachfrau fürs Freche und Frivole

Hemingway, Picasso, die Garbo. Inge Feltrinelli hatte sie alle vor der Linse. Verheiratet war sie mit dem Milliardär und Revolutionär Giangiacomo Feltrinelli, den eine Bombe tötete. Jetzt erscheint ein Buch, das klarstellt, was die schöne Deutsche vor allem war: eine begnadete Fotografin.

01.03.14, 13:09 02.03.14, 15:00

Ein Artikel von

Michael sontheimer, spiegel online

Ihren ersten grossen Scoop landete Inge Schönthal im Frühjahr 1953 auf Kuba. Auf Bitte des Hamburger Verlegers Maria Ledig-Rowohlt war die junge Fotografin nach New York geflogen, nach Miami getrampt und von dort nach Havanna gereist. Jeden Morgen rief sie an, aber sie kam nicht zu Ernest Hemingway durch, und er rief nicht zurück.

Doch nach zwei Wochen hörte sie in der kleinen Pension: «Papa ist am Telefon.» Hemingway lud die Fotografin aus Hamburg zum Mittagessen ein, schliesslich konnte sie zwei Wochen in seinem Haus unweit Havannas verbringen.

»Zum Mittagessen trank Hemingway fast zwei Flaschen Rotwein: Valpolicella oder Amarone. Beide waren seine italienischen Lieblingsweine. Nach dem Essen nahm sich Hemingway ein Kissen vom Sofa, um auf dem kühlen Boden seine Siesta zu halten.«

Zwei Flaschen Rotwein zum Mittagessen. Ernest Hemingway hält Siesta.  Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Hemingway war damals einer der berühmtesten, wenn nicht der berühmteste Schriftsteller der Welt. Schönthal fotografierte ihn auf dem Meer beim Fischen, in seiner Lieblingsbar, mit seiner vierten Ehefrau Mary Welsh.

Sie machte sehr private Bilder, nach zwei Flaschen Rotwein beim Mittagessen schlafend auf dem Boden seines Wohnzimmers; und von seinem Schlafzimmer, voll von ungeöffneten Bücherpaketen.

Mit Hemingway in Kuba. Die Bilder mit dem 30 Kilogramm schweren Marlin waren Selbstportraits, die ich mit einem Stativ und Blitz gegen die schweren tropischen Wolken gemacht hatte.

Selbstporträts mit Hemingway und Marlin; die Bilder auf Kuba entstanden mit Blitz und Stativ.  Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Hemingway war fast jeden Tag betrunken und hatte aufgrund des Nationalsozialismus eine ausgeprägte Abneigung gegen Deutsche. Als Schönthal ihn einmal kritisierte, beschimpfte er sie derart ausdauernd, dass sie umgehend abreisen wollte.

Im Juli 1953 prangte auf dem Cover der Illustrierten «Constanze» ein Foto von Hemingway, Schönthal und einem mächtigen Schwertfisch. 

Mit Hemingway in Kuba. Die Bilder mit dem 30 Kilogramm schweren Marlin waren Selbstportraits, die ich mit einem Stativ und Blitz gegen die schweren tropischen Wolken gemacht hatte.

Der alte Mann und die Schönheit: Schnappschuss mit Hemingway auf Kuba.  Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Als Nächstes schaffte sie es, den vollkommen zurückgezogen in Cannes lebenden Picasso zu fotografieren.

Inge und Picasso

Auch den schwierigen Pablo Picasso bekam Feltrinelli vor die Kamera. Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Jung, attraktiv und extrovertiert

Die in Göttingen geborene Schönthal, die ihren aus Nazi-Deutschland geflohenen Vater nie kennengelernt hatte, war 1950 nach Hamburg gezogen und hatte bei der Fotografin Rosemarie Pierer eine Lehre begonnen. John Jahr, Gründer der Frauenzeitschrift «Constanze», heuerte sie an, sie lernte den Mitverleger des Blattes, Axel Springer, und auch Rudolf Augstein kennen.

»Eine Reportage für Constanze: âºDie neue Frauengeneration in Spanienâ¹. Ich hatte dieses Mädchen in irgendeinem Dorf angesprochen, sie borgte mir ein Kleid und machte mich andalusisch zurecht.«

«Die neue Frauengeneration in Spanien»: Inge Feltrinelli bei einer Fotoserie für die Illustrierte «Constanze» Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Sie war eine sehr attraktive, extrovertierte junge Frau und wusste dies in einer von Männern beherrschten Welt zu nutzen. Der Herausgeber der «Constanze» schickte sie nach Amerika. In New York machte sie auf der Strasse einen Schnappschuss von Greta Garbo, den sie an «Life» verkaufen konnte, die für Fotografen wichtigste Zeitschrift der Welt.

Schönthal schmuggelte ihre Rolleiflex bei einem Ball des Herzogs von Windsor hinein und fotografierte die New Yorker Society. Es folgten Künstler und Schriftsteller.

Inge als Model»Um ein bisschen Geld dazuzuverdienen, verdingte ich mich gelegentlich als Model für Kollegen und kleinere Zeitungen.

Inge Feltrinelli als Modell in jungen Jahren, um ein bisschen Geld dazuzuverdienen.  Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Fotobuch von Inge Feltrinelli

Inge Feltrinelli: «Mit Fotos die Welt erobern». Steidl Verlag, 2013, 280 Seiten, ca. 50 Franken.

Eine Auswahl ihrer Bilder hat sie jetzt unter dem Titel «Mit Fotos die Welt erobern» im Steidl-Verlag veröffentlicht. Schwarzweiss, grossformatig, Mit einem Essay des Feuilletonisten Fritz J. Raddatz als Einführung.

Die entscheidende Begegnung in ihrem Leben ereignete sich am 14. Juli 1958 bei einer Party von Ledig-Rowohlt in Reinbek bei Hamburg. Dort traf Schönthal den 32 Jahre alten italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Der schüchterne kommunistische Milliardär lud sie nach Kopenhagen ein, bald zog sie zu ihm nach Mailand. Sie heirateten in Mexico.

Feltrinelli stammte aus einer der reichsten Familien Europas. Von seiner Mutter wird kolportiert, sie habe nicht gewusst, dass es andere Automobile gab als die der Marke Rolls-Royce. Inge Feltrinelli sagte über sie: 

«Sie war eine der schönsten und exzentrischsten Frauen Europas, herrschsüchtig, arrogant und sehr verwöhnt.»

Inge Feltrinelli über die Mutter ihres Mannes Giangiacomo Feltrinelli

Ihr Sohn Giangiacomo, der sich mit 17 den Partisanen bei ihrem Kampf gegen die deutschen Besatzer angeschlossen hatte, wandte sich der Literatur zu. Er gründete 1955 in Mailand einen Verlag, spendete für die Kommunistische Partei und kaufte in aller Welt Erstausgaben und Manuskripte von Figuren der Arbeiterbewegung auf.

Ihm gelang es auch, das Manuskript von «Doktor Schiwago» von Boris Pasternak via Ost-Berlin aus der Sowjetunion in den Westen zu schmuggeln. Ein Welterfolg.

In einem Kleid des Modeschöpfers Roberto Capucci (hier im Hintergrund) 130 in einem kleinen italienischen Dorf nördlich von Rom.

Inge Feltrinelli in einem Kleid des Modeschöpfers Roberto Capucci. Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Leben im «fünften, sechsten Gang»

Inge Feltrinelli war ein Gegenstück zu ihrem Gatten. Sie bescheinigt sich selbst «frivole Impertinenz» und sagte später:

«Unser gemeinsamer Nenner war, dass wir das Leben im fünften, sechsten Gang fuhren.»

Inge Feltrinelli über ihre Ehe

Mit ihrem Mann lernte sie nun die grossen Schriftsteller kennen und machte Fotos von ihnen: James Baldwin, Henry Miller, Erich Kästner; später auch jüngere Autoren wie Günter Grass und Peter Handke.

1964 lud Fidel Castro das Paar nach Kuba ein, um an seiner Autobiografie zu arbeiten. Der kubanische Ex-Guerillero traf sich immer wieder mit Giangiacomo Feltrinelli, sie spielten auf dem Dachgarten von Fidels Domizil Basketball. Aus dem Buch wurde nichts, doch Giangiacomo war trotz Kritik an bestimmten Aspekten der kubanischen Revolution tief beeindruckt.

Als er im Vorfeld des Vietnamkongresses im Februar 1968 nach West-Berlin kam, brachte er Dynamit mit, das Rudi Dutschke dann klandestin im Kinderwagen seines Sohnes Hosea Che transportierte. Als Dutschke von einem Rechtsextremen angeschossen worden war, liess Feltrinelli ihn in Italien pflegen.

Dem Bourgeois reichte das Wort nicht mehr, es drängte ihn zur Tat. Er spendete Geld für Guerilleros in Bolivien. Inge Feltrinelli hingegen lehnte seine Radikalisierung ab und glaubte nicht, dass in Italien ein faschistischer Putsch mit Unterstützung der Nato bevorstehe. Sie schrieb in ihr Tagebuch: «He's lost». Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon getrennt, Feltrinelli hatte in vierter Ehe eine junge Boutiquenverkäuferin geheiratet.

Als Inge Feltrinelli ihren Mann im Januar 1972 traf, sprach er von Mordplänen, die sich gegen ihn richten sollten. Zwei Monate später wurde er tot auf einem Feld bei Mailand gefunden. Laut Polizeibericht soll er sich beim Versuch, einen Hochspannungsmast mit 15 Stangen Dynamit zu sprengen, selbst getötet haben.

Inge Feltrinelli glaubt bis heute an einen verdeckten Mord. Da ihr Mann radikale Palästinenser unterstützt hatte, könnte der israelische Mossad dahinter stecken, spekuliert sie. Fritz J. Raddatz berichtete damals im SPIEGEL, dass der schwer kurzsichtige Feltrinelli merkwürdigerweise seine Brille nicht dabei hatte und auch der Schlüssel seines Autos nicht gefunden worden sei.

Die Künstlerin bei der Arbeit. Ihre bevorzugte Kamera war Rolleiflex. Bild: Inge Feltrinelli/Steidl

Raddatz nennt Inge Feltrinelli ein «Kommunikationsgenie». Nach dem Tode ihre Mannes liess sie sich «Il presidente» auf ihr Briefpapier drucken und übernahm das Verlagsimperium, das sie bis heute zusammen mit ihrem Sohn Carlo um alle Klippen des diffizilen Buchgeschäfts herumnavigiert hat. Sie ist 82 Jahre alt, stets auf der Frankfurter Buchmesse zu finden. Und, wie ihr Buch zeigt, eine sehr gute Fotografin.



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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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