Panorama
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Blutige Tradition

Wir suchen Ostereier, Norweger dagegen Mörder

14.04.14, 12:59 14.04.14, 13:25

Krimi-Fan und Autorin: Anne Cecilie Remen. Bild: Facebook

Dass die Skandinavier verrückt sind nach Krimis, ist allgemein bekannt. Die Norweger setzen zu Ostern aber noch eins drauf. Statt besinnlich beieinander zu sein, beschäftigen sie sich mit Mord und Totschlag. Denn zu Ostern werden traditionell Krimis gelesen. 

Anne Cecilie Remen freut sich schon seit Wochen auf Ostern. Nicht auf die kirchlichen Feiertage, die Ostereiersuche oder den Duft des Lammbratens im Ofen. Zu Ostern fährt sie – wie jedes Jahr – mit ihrer Familie in eine Hütte in den Bergen. Mit im Gepäck hat sie abgesehen von den Skiern auch mindestens vier Krimis. Denn an Ostern wird sich in Norwegen traditionell gegruselt. «Påskekrim», zu Deutsch «Osterkrimi», ist fast eine eigene Jahreszeit in Norwegen.

Die Buchverlage haben in den Wochen vor den Feiertagen neue spannende Detektivromane veröffentlicht und auch im Fernsehen und im Radio laufen an den Ostertagen jede Menge Hörspiele und Serien, in denen geraubt und gemordet wird. «Schon als ich ein Kind war, hat mein Grossvater Gruselgeschichten erzählt», erinnert sich Remen, die inzwischen selbst Krimiautorin ist. «Das ging soweit, dass ich Angst bekam, wenn wir mit den Skiern im Dunkeln unterwegs waren, um Freunde zu besuchen.» Das hat sie aber nicht davon abgehalten, die Tradition weiterzugeben. «Auch meine Kinder lesen zu Ostern Krimis.» (phi/sda)



Wichtiges Geschäft für die Verlage 

«Skifahren und Krimis gehören einfach zusammen an Ostern», sagt auch die Buchhändlerin Tone Ravlo. «Wir lieben es, vor der Hütte in der Sonne zu sitzen und eine spannende Geschichte zu lesen.» In ihrer Buchhandlung Tanum in Oslo ist es in diesen Tagen rappelvoll. «Die Leute kaufen natürlich vor den Ferien immer mehr Bücher, aber zu Ostern sind es hauptsächlich Krimis», sagt Ravlo. Kirsten Lier vom Verlag Cappelen Damm bestätigt: «Ostern ist für uns ein wichtiges Geschäft.» 

Besonders begehrt sei der neue Roman des norwegischen Erfolgsautoren Jo Nesbø mit dem Titel «Sønnen», zu Deutsch «Der Sohn». «Ich persönlich finde, das ist Nesbøs bestes Buch», sagt Tone Ravlo. Doch warum lechzen die Norweger ausgerechnet zu Ostern nach mörderischen Geschichten? Auslöser des Gruselfiebers – so zumindest der Mythos – war ein cleverer Reklametrick vor 91 Jahren. Im Jahre 1923 schrieben die beiden Schriftsteller Nordahl Grieg und Nils Lie aus Bergen an der Westküste Norwegens einen Kriminalroman mit dem Titel «Bergensbahn in der Nacht geplündert».

Autor Jo Nesbø.  Bild: Niklas R. Lello

«Den Norwegern geht es zu gut»

Der Verlag Gyldendal, in dem das Buch erschien, startete eine Reklamekampagne. Am Samstag vor Ostern platzierte er eine Anzeige auf der ersten Seite der Tageszeitung «Aftenposten», direkt unter dem Namen der Zeitung. Der Buchtitel «Bergenstoget plyndret inat» las sich wie eine Nachrichtenschlagzeile und viele Leser glaubten, der Zug, der zwischen Oslo und Bergen verkehrt, sei tatsächlich überfallen worden. Die Bahngesellschaft wurde mit Anrufen besorgter Angehöriger von Reisenden bombardiert. Das Buch aber wurde ein Erfolg und legte angeblich den Grundstein für die norwegische Osterkrimitradition. 

Pål Gerhard Olsen, Kolumnist der Zeitung «Aftenposten», meint, den Norwegern gehe es einfach zu gut. «Es ist schwierig sich vorzustellen, dass ein Bauer in Afghanistan, der früher am Tag erlebt hat, wie die Schule seiner Tochter von Taliban abgefackelt wurde, sich am Abend in seinen Lieblingssessel setzt und einen bluttriefenden Krimi liest.» Ein Krimi sei ein hochprofiliertes Produkt seiner Zeit, schreibt Olsen weiter. «Und die Zeit, in der wir jetzt leben, besonders hier oben auf dem glänzenden Ölberg Norwegen, ist eine Zeit, in der wir nach Unterhaltung rufen.» Auch wenn das auf andere Teile der Welt absurd wirke. 

Die «Aftenposteni von 1923. Bild: Gemeinfrei

(phi/sda/dpa)

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

Abonniere unseren Daily Newsletter

0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Digital ist besser. Das gilt auch für die Kunst

Was will die Kunst mit den sozialen Medien? Darf man einen Fernseher mit Nagellack bemalen? Und was hat ein Museum mit einem WC zu tun? Pipilotti Rist und andere haben da so ihre Ideen.

Februar 2018, Sydney, Australien, die Menschen spinnen: Alle wollen ins Museum, in die bunte, halluzinogene Welt der Pipilotti Rist. Das Museum droht zu platzen. Es denkt sich, okay, wenn wir den Leuten verbieten, Selfies zu machen, kommen weniger. Und dann? «Dann ging der Schuss nach hinten los», sagt Pipilotti Rist überaus zufrieden, «dann kamen noch mehr Leute. Weil alle die Ausstellung noch einmal ohne Handy sehen wollten.»

Rists Welterfolg ist mit jedem Jahr noch krasser, eine Explosion der …

Artikel lesen