Panorama
FILE - In this July 21, 2012 file photo, British rock singer Morrissey, the former front man of the alternative rock group The Smiths, sings during his concert in Tel Aviv, Israel.   Health concerns are forcing Morrissey to cancel his North American tour. In a statement released Friday night, his rep says the singer has to take a break after suffering a series of maladies, including double pneumonia, a bleeding ulcer and a gastrointestinal problem called Barrett's esophogas. (AP Photo/Dan Balilty, File)

Bild: AP

Neues Album «World Peace Is None Of Your Business»

Ekelpaket Morrissey badet im Weltschmerz

Er beleidigt Bräute, verhöhnt den kleinen Mann von der Strasse und massakriert verbal Tierquäler: Morrissey gibt auf seinem neuen Album souverän den charmanten Widerling.

08.07.14, 11:51 08.07.14, 12:21

Andreas Borcholte, Spiegel Online

Ein Artikel von

«I am not a man!/ I'd never kill or eat an animal/ And I never would destroy this planet I'm on/ Well ... what do you think I am ... a man?» Ganz klar: Morrissey ist zurück und mit ihm eine neue Ladung Aphorismen, die zwischen Larmoyanz und Anmassung, Selbsthass und Weltekel schwingen.

«I am not a man!
I'd never kill or eat an animal
And I never would destroy this planet I'm on
Well ... what do you think I am ... a man?»

Morrissey – «World Peace is None of Your Business»

Video: YouTube/TheAmbitiousOutsider

Fünf Jahre liess sich der in Kalifornien lebende Brite Zeit, um ein neues Album aufzunehmen. Eingespielt wurde die Platte mit dem apodiktischen Titel «World Peace Is None Of Your Business» zusammen mit seiner aktuellen Tourneeband in Südfrankreich. Es ist kein Meisterwerk, aber musikalisch vielschichtiger als der protzmuskulös gitarrenverstärkte Vorgänger «Years of Refusal». Melancholische, mediterran durchwehte Pop-Hymnen wie «Istanbul», «Mountjoy» oder «Kiss Me A Lot» gehören zu den besseren Morrissey-Songs der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre.

Morrissey – «Istanbul»

Video: YouTube/TheAmbitiousOutsider

«Work hard and sweetly pay your taxes Never asking ‹what for?›
Ooh you poor little fool»

Der Weltfrieden geht dich nichts an – das gilt natürlich nicht für Morrissey selbst, sondern richtet sich voller Verachtung an den kleinen Mann, der sich von Politikern an der Nase herumführen und ausbeuten lässt: «Work hard and sweetly pay your taxes/ Never asking ‹what for›?/ Ooh you poor little fool», höhnt er im Titelsong, um einige Stücke weiter zu postulieren: «Earth Is The Loneliest Planet», das Leben ein endloses Jammertal, «and they always blame you, you, you». Konstruktive Hilfe hat der 55-Jährige nicht anzubieten, lieber badet er mit pathossattem Tremolo im Weltschmerz. So war es schon, als er noch die bis heute fanatisch verehrte Gitarrenpop-Band The Smiths anführte.

Morrissey – «Earth Is The Loneliest Planet»

Video: YouTube/TheAmbitiousOutsider

Der Nachruhm aus den Achtzigern, die nostalgische Verklärung seiner mit ihm alt gewordenen Fans, darunter eine Generation an Musikkritikern, ist mitverantwortlich dafür, dass man einen Rabulisten wie Steven Patrick Morrissey noch ernst nimmt. Zugegeben: In seinen besten Momenten entfaltet seine narzisstische Schmerzenslyrik so viel Charme, dass man nicht anders kann, als ihm, dem alternden Dandy, zu Füssen zu liegen.

Elegante Bestie

Dann lächelt man milde über verbale Ausfälle hinweg, mit denen Morrissey in den letzten Jahren immer häufiger für Irritationen sorgte. Über das Massaker des irren Anders Breivik in Norwegen sagte er, dessen Greueltat sei «nichts im Vergleich zu dem, was jeden Tag bei McDonald's oder Kentucky Fried Scheisse (sic) passiert». Der Hardcore-Vegetarier («Meat Is Murder») setzt sogar Pädophilie und Fleischkonsum gleich: «Beides ist Vergewaltigung, Gewalt, Mord.»

«The bullfighter dies
And nobody cries
Because we all want the bull to survive»

Passend dazu fantasiert er sich auf seinem neuen Album ein invertiertes Stierkampf-Spektakel herbei: «The bullfighter dies/ And nobody cries/ Because we all want the bull to survive», singt er in «The Bullfighter Dies», einem Lied mit hübsch beschwingtem Flamenco-Swing. Der Stier, das im Grunde unschuldige, aber in der Arena gequälte, zur Mordlust getriebene Tier, das ist natürlich auch der mit seiner Männlichkeit ringende Morrissey selbst. Eine elegante Bestie.

Morrissey – «The Bullfighter Dies»

Video: YouTube/TheAmbitiousOutsider

 «She just wants a slave / To break his back in pursuit of a living wage / So that she can laze and graze / For the rest of her days / Write down every word I say»

Mit dem fein- und freigeistigen Eklektizismus eines Oscar Wilde, Morrisseys ewigem Vorbild, hat das nicht mehr viel zu tun, schon eher mit dem Machismo Ernest Hemingways, Misogynie inklusive: In «Push The Bride Down The Isle» beschwört er, selbst zwischen homo und hetero oszillierend, potentielle Bräutigame, sich nicht am Altar versklaven zu lassen: «She just wants a slave/ To break his back in pursuit of a living wage/ So that she can laze and graze/ For the rest of her days/ Write down every word I say». Nur einer wie Morrissey vollbringt das Kunststück, dass man Widerwillen empfindet, während man den Refrain dieser Hass-Hymne fröhlich mitschmettern möchte.

Bild: AP

Ist ja egal, ob die Welt zuhört

Für seine aktuellen Videoclips, in denen er die Texte ohne Musik als Spoken-Word-Performance rezitiert, lud der Eitle sich dennoch weibliche Ikonen als Schmuckwerk ein: Mal durfte Ex-Sexbombe Pamela Anderson ihm beim Herunterbeten von «Earth Is The Loneliest Planet» zuhören, mal liess er Sixties-Star Nancy Sinatra als Muse neben seinem Flügel posieren, während er im Frack «World Peace Is None Of Your Business» vortrug.

Morrissey – «The World Peace Is None Of Your Business» (Spoken-Word-Performance mit Nancy Sinatra) 

Video: YouTube/MorrisseyOnVevo

Nicht so viel Gnade fand die amerikanische Sängerin Kristeen Young, die Morrissey mehrfach auf Tournee begleiten durfte und sich über langjährigen Support des Sängers freuen durfte. Bis jetzt. Denn seine aktuelle US-Tour musste er unlängst wegen einer fiebrigen Grippe abbrechen. Die Infektion, so behauptete Morrissey, habe er sich von der rücksichtslosen Young eingefangen, die das vehement bestritt, aber wohl trotzdem nicht mehr auf weitere Auftritte mit dem Meister hoffen darf. 

Was für ein grössenwahnsinniger Arsch! Was für ein Ekelpaket!

Was für ein grössenwahnsinniger Arsch! Was für ein Ekelpaket! Und dann wiederum macht ihn eben genau jene Masslosigkeit und Selbstbezogenheit so attraktiv. Nichts wäre langweiliger als ein weiterer, weicher Gutmensch wie Coldplay-Sänger Chris Martin.

Chris Martin von Coldplay. Bild: AP

So beliebt wie Martin wird Morrissey nicht mehr, so poppig seine neuen Songs auch daherkommen. Ums Anbiedern geht es ihm eben schon lange nicht mehr. Weil er seinen Superstar-Rausch mit den Smiths bereits erlebt hat, nimmt er sich heraus, so unbequem, theatralisch, selbstgerecht, divenhaft und misanthropisch zu sein, wie es ihm passt. Ist ja egal, ob die Welt zuhört oder nicht. So lange er damit so unterhaltsam bleibt wie auf «World Peace Is None Of Your Business», klebt man fasziniert an seinen Lippen. 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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