Panorama
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Alle Fäden laufen in der Schweiz zusammen: Wenn unterschiedliche Kulturen zusammentreffen, entstehen oftmals witzige Missverständnisse. Auch davon lebt der Film.  Bild: Screenshot YouTube/filmcoopi

Schweizer Doku-Kinostart 

«Neuland» ist, wenn Asyl ein Gesicht bekommt

Zwei Jahre lang hat die Regisseurin Anna Thommen drei junge Migranten durch ihren Integrationskurs in Basel begleitet: ein eindrücklicher Schweizer Film über Fremdheit, Zukunftsträume und die Kraft des Willens. 

19.03.14, 15:09 24.06.14, 09:36

«Doch nicht so rum!» Hamidullah korrigiert seinen Freund Eshanullah. Der will das Schulheft von hinten beginnen, doch ab jetzt ist die Lesart nicht mehr Persisch: Hier wird von links nach rechts geschrieben. 

Hamidullah Hashimi erklärt seinem Freund Eshanullah Habibi, dass er in der Schweiz das Heft umdrehen muss.  Bild: Filmccopi

Flüchtlingsschicksale

«Neuland» porträtiert drei junge Menschen, die das Schicksal in die Schweiz verschlagen hat und einen Kurs der Integrations- und Berufswahlklassen (IBK) in Basel besuchen. Eshanullah stammt aus einer armen Bauernfamilie und verliess mit 16 Jahren seine afghanische Heimat, um seine Eltern mit dem Notwendigsten versorgen zu können. Mit einem Schlauchboot fuhr er übers Meer, die Berge überquerte er zu Fuss. 

Die Albanerin Nazlije zog nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem jüngeren Bruder Ismail zu ihrem Vater, der schon über 20 Jahre in der Schweiz wohnt. Hamidullah kommt ebenfalls aus Afghanistan, ist dort zur Schule gegangen und schreibt Gedichte über seine Heimat, die er eigentlich nie verlassen wollte. 

Aufmerksam: Nazlije Aliji. Bild: Filmcoopi

«Ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Mentalität – man kommt zur Schule und sieht verschiedene Leute mit verschiedenen Mentalitäten und Hautfarben. Man beginnt miteinander zu reden, obwohl niemand Deutsch kann.»

Nazlije Aliji

Sprachliche Annäherung

Wie führt man ein Bewerbungsgespräch, was ist ein Lebenslauf? Nazlije, Eshanullah und Hamidullah tasten sich in dieser Lebensschule Schritt für Schritt an die Schweiz heran. In zwei Jahren lernen die Jugendlichen Deutsch. Das ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration: Ohne Sprachkenntnisse haben die Schülerinnen und Schüler kaum Aussicht auf eine gesicherte Zukunft. 

Klassenlehrer Christian Zingg begleitet die Jugendlichen auf ihrem langwierigen Weg. Es wird schnell klar, dass er kein Lehrer klassischen Zuschnitts ist. Seine Aufgabe ist es, den Schülern die harte Realität aufzuzeigen: Er muss ihnen sagen, dass ihre Voraussetzungen schlecht sind. Gleichzeitig ermutigt er sie aber, Chancen zu ergreifen, sich anzustrengen und trotz vieler Pflichten das Träumen nicht ganz zu vergessen. 

Nazlije Aliji während einer Schnupperwoche als Assistentin für Gesundheit und Soziales.  Bild: Screenshot YouTube/filmcoopi

Der Klassenlehrer Christian Zingg. Bild: Filmcoopi

IBK am Zentrum für Brückenangebote Basel 

Die Integrations- und Berufswahlklassen (IBK) in Basel stehen fremdsprachigen, nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren offen, die erst seit Kurzem in der Schweiz leben – in der Regel zwischen circa einem Jahr und wenigen Tagen. Sie werden ebenso von asylsuchenden Jugendlichen wie auch von solchen mit B- oder C-Bewilligung besucht. Immer wieder müssen auch Jugendliche mit einem Schweizer Pass integriert werden: Diese haben bis dato ihr Leben in einem anderen Land verbracht, das ihr Denken und Fühlen geprägt hat. Ziel der Kurse, die üblicherweise zwei Jahre dauern, ist die berufliche und soziale Integration in die Schweiz. Idealerweise beginnen die Jugendlichen nach dem Besuch der IBK eine Berufsausbildung. Weitere Informationen zur Schule finden Sie hier.

Quelle: Christian Zingg

Und während sich die drei ein Leben aufzubauen versuchen, holt sie immer wieder die Einsamkeit und die Sehnsucht nach ihrem Zuhause ein. «Tragen die Maulbeerbäume schon Früchte?», fragt Eshanullah seine Mutter am Telefon. Er würde sie gerne sehen. 

Der Regisseurin Anna Thommen gelingt es, das Fremde, mit dem ihre Protagonisten konfrontiert werden, in einer schönen Symbolsprache zu beschreiben. Rührende Szenen mischen sich unter die hässlichen. Aus kulturellen Unterschieden entstehen oftmals witzige Missverständnisse, man sitzt da und lacht und kurz danach sitzt man immer noch da, aber man weint. Übermannt von der Stärke dieser Jugendlichen, die darum kämpfen, die Fremde zu ihrer Heimat zu machen. Die sehr feinfühlige Kombination der Gegensätze geben einem hochpolitischen Thema ein menschliches Gesicht.

Eshanullah Habibi. Bild: Filmcoopi

Die Regisseurin Anna Thommen. Bild: Filmcoopi

Sie habe keinen politischen Film machen oder eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Integrationsthematik anstossen wollen, sagt die Regisseurin im Gespräch mit watson. Es sei ihr um Einzelschicksale gegangen und ein Anliegen gewesen, dass das Publikum emotional auf den Film reagiert. 

«Ich bin keine Politikerin, ich bin Filmemacherin. Mich interessieren primär die Menschen und ich will ihre Geschichten erzählen.»

Politik laufe viel zu oft auf einer intellektuellen Schiene: Es gehe dabei um Zahlen, um Fakten, die so emotionslos wie möglich daherkommen müssten. Sie habe dagegen etwas Subjektives schaffen wollen: «Damit man mit Gefühlen auf die im Film gezeigten Menschen reagiert, mit ihnen mitgeht und die Fakten später vielleicht einmal emotional betrachtet.»

Anna Thommen

Anna Thommen wurde 1980 in Basel geboren. Nachdem sie zwei Jahre lang als Primarlehrerin unterrichtete, beschloss sie 2005 an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern Film zu studieren. Ihr Abschlussfilm «Second me» gewann zahlreiche Preise und wurde an über 20 Festivals weltweit gezeigt. Thommen vertiefte ihr Wissen an der Zürcher Hochschule für Künste, wo sie im Januar 2013 mit «Neuland» den Master in Filmregie ablegte. 

«Neuland» handelt von menschlichen Begegnungen. Doch trotz aller Emotionalität schlachtet die Regisseurin die teilweise tragischen Geschichten der Hauptdarsteller in keiner Weise voyeuristisch aus: Effekthascherei ist ihr zuwider. Anna Thommen zeigt die Menschen, von denen sie erzählt, wie sie sind – in schlichten, starken Bildern. Vielleicht ist der Film gerade wegen dieses empfindsamen Zugangs ein sehr wertvoller Beitrag zur politischen Migrations- und Integrationsdebatte. 

«Manchmal scheinen wir zu vergessen, dass Politik entsteht, weil wir Menschen sind.»

«Neuland»

Regie: Anna Thommen, Schweiz 2014
Länge: 93 Min.
Auszeichnungen:
Zurich Film Festival: Bester deutschsprachiger Dokumentarfilm
First Steps Berlin: Bester Dokumentarfilm
Berner Filmpreis: Publikumspreis
Max Ophüls Preis: Special Mention
Solothurner Filmtage: Prix du Public
Schweizer Filmpreis 2014: Nomination (Bester Dokumentarfilm)

Kinostart: 27. März 2014 

Trailer «Neuland»

Video: YouTube/filmcoopi

Die Schülerinnen und Schüler schreiben ihren Lebenslauf an die Tafel. Bild: Screenshot YouTube/filmcoopi

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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Wenn der Film so dümmlich ist, dass ein WhatsApp-Chat als Review schon reicht

Eine Filmkritik zu schreiben ist immer am Einfachsten, wenn der Film sehr gut oder echt mies war. Zumindest für mich. Schwieriger finde ich es, wenn man am Schluss aus dem Kinosaal kommt und nicht so recht weiss, was man jetzt mit dem eben gesehenen Film anfangen soll.

So sah dann mein WhatsApp-Verlauf nach der Vorstellung in etwa aus:

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