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Adieu, Harry. Bild: EPA

Harry Rowohlt war ein Bär von sehr grossem Verstand mit der Stimme eines schweinischen Gottes

Harry Rowohlt war Übersetzer, Kolumnist, Unterhalter, «Lindenstrassen»-Penner und Whisky-Kenner. Am Montag ist er mit 70 Jahren gestorben. Eine Verbeugung vor einem Mann, der nicht nur Geistesgrösse, sondern ein Naturereignis war. 

16.06.15, 17:49 17.06.15, 10:58

Arno Frank / Spiegel Online

Ein Artikel von

Wer sich für Literatur interessiert, der kam an dem Schriftsteller, Übersetzer und Vorleser nicht vorbei. Und wer im Leben noch kein Buch angerührt hat, der kannte doch immerhin den zauseligen Obdachlosen, den er auf eigenen Wunsch in der Lindenstrasse verkörperte. Ein Entkommen gab es nicht, nicht vor seiner Stimme, nicht vor seinem Charme, nicht vor seinem Werk. Die Omnipräsenz als Intellektueller war in seinem Fall ein Segen. Harry Rowohlt war nicht nur Geistesgrösse, sondern auch Naturereignis. Einer, den man fürchten konnte und doch lieben musste. Ein Bär von sehr grossem Verstand.

Zur Welt kam er als Harry Rupp im März 1945. Oder, wie er gegenüber seinem Freund Ralf Sotschek für das Buch «In-Schlucken-zwei-Spechte» präzisierte: «Ich wurde in der Hochallee 1 in Hamburg 13 geboren. Im Luftschutzkeller, als Zehn-Monats-Kind». 

Sein Vater war der nachmalige Verleger Ernst Rowohlt, den seine Mutter – die Schauspielerin Maria Pierenkämper – in vierter Ehe heiratete. Ihrem Sohn las sie den Kinderbuch-Klassiker «Pu der Bär» vor. Man darf annehmen, dass sie nicht zur vollen Zufriedenheit des strengen Knaben las, der das Lesen fortan selbst erlernen wollte, um «unbehelligt von der mütterlichen Betonung» in den Genuss der Sprache zu kommen.

«Pu» war sein erstes Wort. Na ja, fast. Jedenfalls sein erstes Lieblingsbuch. Bild: EPA

Und in der Sprache hat er sein Leben verbracht, ihr sein Leben gewidmet, er hat sie gepflegt und behütet und erweitert. Nach dem Abitur lernte er bei Suhrkamp, ein kurzes Volontariat im elterlichen Verlag aber fand er «fürchterlich». Nach einem kurzen Aufenthalt in den USA reizte ihn die Bemerkung seines Bruders, ein bestimmtes Buch sei «unübersetzbar». Er versuchte es dennoch, und die wegen ihres altertümlichen Slangs unübersetzbare «Grüne Wolke» von A.S. Neill schaffte es in der Übersetzung von Harry Rowohlt 1970 auf die Bestsellerlisten.

Seine Vorlesungen waren rauschhafte Ereignisse

Das väterliche Erbe schlug er aus und ganz eigene Wege ein. In den folgenden Jahren übertrug er mit titanischer Unermüdlichkeit und apollinischer Akribie zahllose Schriftsteller ins Deutsche – von Ernest Hemingway bis James Joyce, von Leonard Cohen bis Robert Crumb, von Anthony Burgess bis Frank McCourt, von Flann O'Brien bis Susan Sontag, von Kenneth Grahame bis zu den Marx Brothers, von Hinz bis Kunz. Manche Bücher, bemerkte er, habe er mehrfach übersetzen müssen. Nicht nur aus dem Amerikanischen oder Irischen, sondern auch «aus dem Lektorieren» zurück in ein lebendiges, beseeltes Deutsch.

Er war nicht nur gut, er war der Beste. Und er wusste das. Spüren liess er es nur jene, die ihm seine Kunst verhageln wollten. Mag sein, dass ein gewisser Alan Alexander Milne ein Buch namens «Winnie-the-Pooh» geschrieben hat. «Pu der Bär» ist von Harry Rowohlt. In einem wahrhaftigen Cartoon hat das Duo Hauck & Bauer erst neulich zwei Leute durch den Buchladen laufen lassen – sagt der eine: «Das Buch musst du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht da viel verloren.» So gut war er.

Auf die Frage nach seiner Lieblingstugend antwortete er einmal: «Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.» Diese Einschränkung war es, die vor allem seine Vorlesungen zu rauschhaften Ereignissen machte. Harry Rowohlt dachte auch währenddessen, und so geriet ihm jede Vorlesung zu einer abenteuerlichen Odyssee der Abschweifungen. Ereignishaft war allein schon seine Stimme, noch in ihren dunkelsten Tiefen biegsam hin zur Schärfe und wieder zurück zur Zärtlichkeit.

Ein Schweif aus Anekdoten

Es war mehr als die grossväterliche «Stimme des Erzählers», in die man sich als Zuhörender vertrauensvoll fallenlassen konnte. Es war, wie die «Titanic» korrekt konstatierte, die Stimme Gottes: «Nicht als gütiger, beileibe nicht, aber doch als schweinischer und polyglotter Gott, der in unendlich vielen Stimmen spricht und selbst das Wienerische, Schwäbische, Sächsische, das Kölsche, Mecklenburgische, Oberfränkische, das Sarah-Kirschische und das Marcel-Reich-Ranickische akzentfrei beherrscht.»

Er konnte, je nach Bedarf des Textes, auf Zehenspitzen und in Bleischuhen vortragen. Und so, je nach Bedarf, den vereinzelten Zuhörer im Auto ebenso in seinen Bann ziehen oder ganze Hallen in einen glücklichen Taumel führen.

Beherrschte er das Apollinische, so bewohnte er doch das Dionysische. Anekdoten zog er hinter sich her wie ein Komet seinen Schweif. Ein guter Freund und Kollege traf ihn einmal im Zug, wie immer unterwegs zu einer Leseveranstaltung, und wünschte Rowohlt zum Abschied nachlässig «Alles Gute!» Darauf polterte der Angesprochene gestreng, einem Künstler wünsche man doch wohl «Toi, toi, toi» oder «Hals- und Beinbruch», aber doch im Leben nicht «Alles Gute»!

Nicht von ungefähr würdigte also die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises nicht nur «Komik, Schrägheit, Hintersinn, Skurrilität, Absurdität, Übertreibung und Genialität» im Werk des «All-Age-Übersetzers» – sondern auch seine «Sprachverliebtheit bis zur Sprachbesessenheit».

Am Montag ist Harry Rowohlt mit 70 Jahren in Hamburg gestorben. «Ist dies ein derber, aber herzlicher Scherz oder ist es lediglich ein Unfall?», will I-Ah wissen. Es ist, um mit Pu zu reden: «So ein Mist».

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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