Populärkultur

Kinderpornografische Werbung: Der Teufel heisst Prada

Der Prada-Tochterkonzern Miu Miu irritiert mit Lolita-Fotos – sie erwecken den Anschein, ein Kind in einen erotischen Kontext zu setzen. Jetzt hat die britische Werbeaufsicht durchgegriffen. Zu Recht.

12.05.15, 08:11 12.05.15, 08:44

Gesa Mayr 

Ein Artikel von

Ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren räkelt sich in einem kargen Zimmer auf einem Bett. Das Laken ist zerknittert, die Lippen des Mädchens leicht geöffnet. Sie sieht jung aus, 15, 16 Jahre vielleicht. Mit erwartungsvoll-ängstlichem Blick schaut sie in die Kamera des Fotografen, der sie, so scheint es, heimlich durch eine offen stehende Tür beobachtet. Kein Make-up, die Klamotten ein wenig zu gross und die Füsse in Pumps mit riesigen Schleifen: Kaum jemand dürfte bei diesem Anblick an die neue Frühlingskollektion des italienischen Luxuslabels Miu Miu denken. Kinderpornografische Aufnahmen – das sind die Assoziationen, die diese Bilder auslösen. Die britische Werbeaufsichtsbehörde ASA hat Bilder der Kampagne jetzt verboten – zu Recht.

In der Werbung ist das Motiv der Lolita immer noch häufig vertreten – fast genauso oft geht die Inszenierung schief. Vor allem die Modewelt hat in den vergangenen Jahren immer wieder Kampagnen produziert, die mindestens Unbehagen auslösen. Prada, der Mutterkonzern von Miu Miu, verteidigte die Bilder mit dem Hinweis, es gebe bei den Bildern keine sexuellen Anspielungen, die fotografierte Schauspielerin Mia Goth sei 22 Jahre alt.

Morgane Polanski besucht eine «Miu Miu»-Show in Paris. Bild: Getty Images Europe

Ach so, schon volljährig? Spielt keine Rolle

Es ist aber egal, dass Goth volljährig ist. Es ist die Anmutung, die Mischung aus Voyeurismus, Angst, Unterordnung, die ein verstörendes Bild ergibt. So urteilt auch die ASA richtigerweise: «Ihre jugendliche Erscheinung, in Verbindung mit dem Umfeld und der Pose könnten den Eindruck vermitteln, dass diese Werbung ein Kind in einer sexualisierten Situation darstellt.»

Kunst, verteidigen die Modemacher solche Ausrutscher gerne, Kunst darf alles, bricht die Regeln und provoziert. So erklärte auch die britische «Vogue» eine Doppelseite mit der Werbung und sprach von einer «niveauvollen» Leserschaft, die gebildet genug sei, «herausragende Fotografie und Models zu schätzen». Als ob sexueller Missbrauch eine Geschmacksfrage sei.

Auf Mode-Plattformen war zu lesen, die Bilder stammten von dem berüchtigten Modefotografen Steven Meisel, der seine Fotografie schon oft zum vorsätzlichen Tabubruch nutzte und Models bereits in der Entzugsklinik posieren liess. Aber es handelt sich hier nicht um einen sozialen Kommentar. Es handelt sich um Hochglanzfotos, die mit Missbrauchsfantasien spielen, um Handtaschen zu verkaufen.

1993 führte Prada die etwas günstigere Damen-Kollektion Miu Miu ein, die sich an ein jüngeres Publikum richtet. Bild: Getty Images AsiaPac

Ein systematischer Tabubruch

Dafür ist auch der Tabubruch von Miuccia Prada zu systematisch. Seit Jahren präsentiert die Designerin ihre Mode an Models, die teilweise tatsächlich Teenager sind – wobei die Designerin auszunutzen scheint, dass es im Gegensatz zu den USA und Grossbritannien in Italien kein Verbot in der Modebranche gibt, Models unter 16 einzusetzen. 2011 etwa fotografierte Miu Miu die damals 14-jährige Schauspielerin Hailee Steinfeld, weinend, zerbrechlich, auf Bahnschienen sitzend. Ein Teil der Bilder wurde in Grossbritannien später ebenfalls verboten, weil sie ein Kind in einer potenziell gefährlichen Situation zeigten. Das hielt Prada jedoch nicht davon ab, im vergangenen Herbst eine 14-Jährige in Mailand über den Laufsteg zu schicken.

Mit dieser Werbestrategie ist Prada keinesfalls alleine. Von Marc Jacobs bis American Apparel – die Rügen der Aufsichtsbehörden haben nicht wirklich dazu geführt, dass Modefirmen auf den verführerische-Schulmädchen-im-Minirock-Look verzichten. Gerade in Zeiten, in denen im britischen Rotherham einer der grössten Kindesmissbrauchsskandale der vergangenen Jahrzehnte aufgearbeitet wird, ist der Schritt der ASA gerechtfertigt. Werbung, die Kinder und Teenager erotisiert, sollte nicht als verkaufsfördernd erachtet werden. So einfach ist das.

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Aus rassistischem Shitstorm wird #flowerrain: Die rührende Story des Wiener Neujahrsbabys

Am 1. Januar um 0:47 Uhr kommt in einem Wiener Spital das Neujahrsbaby zur Welt. Es ist 51 cm gross, wiegt 3460 Gramm, heisst Asel und ist die Tochter von Naime und Alper. Stolz teilt das Spital ein Foto der glücklichen Familie auf den sozialen Medien, und schon geht der Shitstorm los. Erstens, weil die Mutter ein Kopftuch trägt. Zweitens, weil Asel kein deutsch klingender Name ist. 

«Nächster Terrorist ist geboren», schreibt einer. «Hat die Frau Krebs? Oder warum trägt sie ein …

Artikel lesen