Populärkultur

Wie viel Humor hat die Schweiz? Es gibt Hoffnung – dank der Secondos

10.05.15, 11:24 11.05.15, 22:46

Seien wir mal ehrlich: Das Genre Comedy ist in der Schweiz bis dato stiefmütterlich behandelt worden. Hiesige Komiker wie Alain Frei weichen auf den grossen deutschen Markt aus, um sich zu etablieren. Was bleibt, sind die glatten Humoristen wie Marco Rima, die nicht anecken.

Der Schweizer Alain Frei:

YouTube/marchendrix74

Ein Marshall-Plan für Schweizer Humor?

Lorenz Hauser wollte das ändern: Der Veranstalter holte mit dem «Quatsch Comedy Club» ein Format mit (oft) deutschen Komödianten in die Schweiz, doch der hiesigen Szene half das wenig. Nun hat Hauser zusammen mit Rik Krieger ein neues Konzept geschaffen, das den brachliegenden Schweizer Spass-Acker umpflügen könnte: die Comedy-Show «Stand Up!».

«Quatsch Comedy Club»

YouTube/Nils Alex

Einmal im Monat gibt es eine Show im Zürcher Bernhard Theater. Sie wird aufgezeichnet und unter dem Titel «Comedy Central» auf «MyPrime» einen Monat später am TV ausgestrahlt. In jeder Folge treten drei Komödianten auf: Ein alter Hase – aus der Schweiz, ein Nachwuchskünstler – aus der Schweiz – und höchstens der dritte Unterhalter darf aus dem Ausland kommen. 

Diese Mischung ist genial: Sie garantiert, dass dem hiesigen Humor erstmals eine Plattform geboten wird. Das Bernhard Theater im Herzen Zürichs ist zudem ein lauschiger Ort: Bis die Show beginnt, kann man sich an den plüschigen Tischen mit einem Bierchen in Stimmung trinken. 

Die Premiere des Formats wurde übrigens von dem agilen, sehr amüsanten «Divertimento»-Mann Jonny Fischer moderiert. Auch hier punktet das Konzept: Die Moderatoren wechseln ebenso wie die Humoristen monatlich – so wird mehreren Schweizer Bühnen-Talenten die Chance gegeben, sich zu zeigen.

Stefan Büsser

Im September 2014 über den ÖV. YouTube/SRF Comedy

Blablabla – wie geht's denn nun dem Schweizer Humor? Die simple Antwort: Der Patient lebt – und ist auf dem Weg der Genesung. Das ist aber eher dem Nachwuchs zu verdanken als den arrivierten Protagonisten. Bei der Premiere übernehmen Stefan Büsser und Guy Landolt die Rolle der alten Hasen, als «Newcomer» treten Johnny Burn und Sergio Sardella auf und aus dem Norden kommen Heino Trusheim und Pu.

Guy Landolt

Im April 2014 unter anderem über eine Tramfahrt, eine Flugzeugtoilette und Toi-Toi-WCs. YouTube/Guy Landolt

Starke Newcomer, deren Eltern keine Schweizer sind

Johnny Burn bild: pr

Bei Johnny Burn kann man eigentlich nicht von einem Newcomer sprechen: Der Luzerner wurde bereits vor drei Jahren mit dem Swiss Comedy Award ausgezeichnet, wirkt aber dennoch nervös, als er anfängt, sich über die Gepflogenheiten asiatischer Einwanderer zu amüsieren. Das Publikum ist dennoch – und zu recht – angetan. 

Sergio Sardella bild: pr

Johnny Burn

Als Johnny Burn bei einem Kollegen übernachtet hat. YouTube/SRF Virus

Erst beim Gespräch mit Moderator Fischer nach seinem Auftritt wir er ganz locker. Das ist auch wieder ein Pluspunkt der Show: Die Newcomer dürfen sich in einem kleinen Plausch dem Publikum nochmal «privat» vorstellen. So will Moderator Fischer etwa wissen, ob man von Comedy leben kann. «Ich habe eine wunderbare Freundin», entgegnet Burn vielsagend

Der zweite Newcomer legt sogar noch eine Schippe drauf: Sergio Sardella, der Comedy erst nach Feierabend in seinem Brotjob als kaufmännischer Angestellter macht. Klein, Halbglatze und mit Bäuchlein und Sonnenbrille betritt er die Bühne – und legt ein Feuerwerk hin.

Sergio Sardella

Über Pünktlichkeit im Januar 2015. YouTube/Dosa Schweiz

Erst kriegt der Zürcher Böög einen mit («Gestern gab es mehr Verletzte als beim letzten Match gegen Basel»), dann nimmt der Komiker die Verrichtungsboxen durch («Warum stehen die nicht am ‹Sexy-Lüt-Platz›?») und bringt am Ende zusammen, was zusammengehört: «Dann müssten die Zünftler nicht mehr so weit laufen, um zu reiten!»

Fantastisch ist, wie er italienische Klischees aufs Korn nimmt. «Wenn am Mittwoch die Welt untergeht, heisst das nicht, dass die Schweiz mitgeht», sagt er. «Wir machen doch nicht alles mit!». Da müssen dann erst drei Initiativen und zwei Referenden durchgeführt werden, bevor die Rest der Welt zurückkommt: «Wenn Ihr nicht dabei seid, hat der Untergang auch keine Qualität.» Der Saal liegt dem Mann zu Füssen: Es ist der beste Auftritt des Abends.

Und die alten Hasen? Stefan Büsser ist gefällig, aber nicht gewaltig. Er thematisiert das Einreise-Procedere in den USA und die nuscheligen Ansagen von Piloten, aber neu ist das nicht. Die deutschen Profis wie Heino Trusheim gehen im Gegensatz zu ihm einen Schritt weiter: Der Hamburger sagt etwa (kurz nach dem Absturz einer German-Wings-Maschine in Frankreich) über seine Landung in Zürich: «Ich habe dem Piloten gedankt – und meinte das ernst!»

Guy Landolt bild: twitter

Heino Trusheim

Im Mai 2015 über das Aussterben der Deutschen und dicke Kinder. YouTube/Adrienne Mouzon

Trusheim ist sehr lustig – wie auch Pu, der Deutsche mit iranischen Wurzeln. Er erklärt, woran man Türken und Araber erkennt und verdeutlicht, dass er gar kein «Scheiss Kanake», sondern halt «Scheiss Hesse» ist. Die Deutschen sind unkorrekt, aber sozialkritisch. Guy Landolt hingegen berichtet, wie er just online Tickets gekauft habe und macht sich dann über die Verkaufsvorschläge lustig, die er im Netz bekommt. Das mag für Senioren neu sein, aber nicht für uns. 

Das Fazit: So ein Format war überfällig! Am 12. Mai könnt Ihr euch davon selbst überzeugen: Als Newcomer treten Javier Garcia und (watson-)Blogger Zukkihund an. Letzterer hat italienische Wurzeln und stützt die These, dass frischer Wind der Schweizer Comedy guttut. Chales Nguela und Alain Frei spielen die grossen Brüder, aus dem Ausland kommen Usumango und Marek Fris. Am 16. Juni werden unter anderem der grossartige Vollprofi Oliver Polak aus Deutschland und Bendrit Bajra auftreten. 

Javier Garcia

Garcia über seine Geburt (September 2013). YouTube/SRF Comedy

Zukkihund

Erklärt, wies am Züri Openair 2014 läuft. YouTube/SRF Virus

Bendrit Bajra

Erklärt einmal mehr den Unterschied zwischen Schwizer und Uslender. YouTube/SteamBreak Tv

Oliver Polak

Über Tod, Trauer und Depression (September 2014). YouTube/MySpassde

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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