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Künstler lässt auf Ratte schiessen und will so «Grenzen überschreiten»

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Der Künstler Florian Mehnert gibt eine Ratte im Namen der Kunst zum Abschuss frei. Mitmachen kann jeder, der einen Computer oder ein Smartphone besitzt. Ein aufrüttelnder Kommentar zur Ego-Shooter-Kultur? Oder reine Tierquälerei?

14.03.15, 13:33 15.03.15, 11:43

Ein Artikel von

Am digitalen Abzug sitzt der rechte Zeigefinger ja gern mal locker. Der virtuelle Feuerstoss tötet Gegner in Serie – man ist daran gewöhnt. Auch Drohnen funktionieren per Fernsteuerung und liquidieren Menschen in den entferntesten Weltgegenden. Diese Tötungen prangert der Künstler Florian Mehnert nun in seinem jüngsten Werk an. In dem Kunstprojekt «11 days» können Zuschauer mit ihren Endgeräten wirklich metzeln. Das Opfer ist eine Ratte.

Das kleine Tier hat der Künstler in eine weisse Box mit Stroh gesetzt. Auf sie ist eine Pistole gerichtet. Als User sieht man nur den Lauf und die Mündung – ganz so, als befände man sich in der virtuellen Welt eines Egoshooters. Aus dieser Perspektive kann man die Ratte von kommendem Samstag an beobachten, dann wird ein Livestream aus der Box freigeschaltet. 

Ratte soll sterben – im Namen der Kunst

Künstler erwartet «Massaker»

Elf Tage lang wird die Ratte vor den Augen der Welt hoppeln und quieken, dann schlägt ihr die letzte Stunde: Am 24. März, Punkt 19 Uhr, können alle Zuschauer per Klick einen Schuss der real existierenden Waffe auslösen. Die Signale aus dem Netz werden über USB-Kabel an kleine Motoren weitergegeben, die die Waffe bewegen und den Abzug betätigen. So erklärt es der Künstler. Florian Mehnert erwartet am 24. März nach eigenen Angaben ein «Massaker».

Mehnert ist 34 Jahre alt und hat in seinen Kunstwerken immer wieder das Verhältnis des Menschen zur Technik analysiert. Zu seiner Rattenexekution erklärt er: «Eine Ratte stirbt für die Kunst. Mir wäre es auch lieber, wenn das nicht nötig wäre. Aber die Menschen sind abgestumpft. Ich muss geradezu Grenzen überschreiten.» Mehnert will zeigen, dass Menschen mithilfe des Internets töten können, will auf die Gefahr von ferngesteuerten Drohnen hinweisen. Die Ratte wird in seinem Experiment dadurch, was sie immer schon war: ein Versuchstier.

Umfrage

Darf eine Ratte im Namen der Kunst sterben?

  • Abstimmen

421 Votes zu: Darf eine Ratte im Namen der Kunst sterben?

  • 33%Ich habe dafür überhaupt kein Verständnis.
  • 25%Die Aktion ist gut gemeint, aber deswegen muss kein Tier sterben.
  • 30%Der Künstler will auf das ferngesteuerte Töten aufmerksam machen und das gelingt ihm.
  • 7%Ich verstehe nicht, dass sich die Leute nicht mehr über das ferngesteuerte Töten von Menschen aufregen. Bye bye, Ratte!
  • 4%Ich kann mich nicht entscheiden. Was sagen denn die anderen?

Wird die Ratte wirklich sterben?

Die Hoffnung, dass sich die Zuschauer des Livestreams in elf Tagen friedlich verhalten und die Ratte am Leben lassen, hegt der Künstler indes nicht. Bei einer Umfrage auf seiner Website hätten sich bereits rund 1000 User gemeldet, die die Ratte tot sehen wollen. Zurzeit ist der Auftritt nicht zu erreichen – die Server sind unter der Last des grossen Ansturms zusammengebrochen.

Vor zwei Jahren hatte Florian Mehnert wegen eines Kunstwerks Ärger mit der Staatsanwaltschaft bekommen: Er hatte einige Stellen im Wald verwanzt und die aufgenommenen Dialoge der Passanten anschliessend veröffentlicht. Die Empörung wundert ihn heute noch.

Und dies Mal? Dem kleinen Tier wird, so darf man vermuten, in elf Tagen niemand zu Hilfe eilen. Mehnert beteuert, dass er die Waffe, die auf den Bildern aus der Box zu sehen ist, besitzen und benutzen darf. Auch eine Fernsteuerung der Pistole ist seiner Einschätzung nach erlaubt.

Viele Monate hat der Künstler sein Projekt geplant, in den vergangenen Stunden haben ihn deshalb schon Morddrohungen erreicht. «Wegen des Drohnenkrieges oder der Totalüberwachung im Internet regen sich die Menschen nicht auf. Wenn eine einzige Ratte getötet werden könnte, explodiert die Empörung», sagt er. Immerhin: Die Ratte müsse ja nicht zwangsläufig sterben. Die User werden entscheiden.

Florian Mehnerts Videoinstallation «Menschentracks». video: youtube/florian mehnert

(cri)



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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • glüngi 15.03.2015 11:38
    Highlight Wenn bein einem Dronenangriff im nahen osten 50 unschuldige sterben interessiert es keine sau, stirbt eine Ratte kriegt man Morddrohungen.
    8 8 Melden
    • EvilBetty 15.03.2015 18:55
      Highlight Das eine ist Krieg, da gibt es leider zivile Opfer, und es regen sich auch genügend Leute darüber auf. Das andere ist reinste Selbstdarstellung.
      2 0 Melden
  • Bowell 15.03.2015 10:17
    Highlight Was gewisse Künstler heute für ein wenig PR bereit sind zu tun...dann lieber die silikonbebrüstete Nackte die Farbeier sch*****...
    5 7 Melden
  • Zeit_Genosse 15.03.2015 08:13
    Highlight Eigentlich hat er schon erreicht was er wollte. Ob es wirklich noch mehr braucht?
    9 0 Melden
  • Alnothur 14.03.2015 18:08
    Highlight «Wegen des Drohnenkrieges oder der Totalüberwachung im Internet regen sich die Menschen nicht auf. Wenn eine einzige Ratte getötet werden könnte, explodiert die Empörung» - besser kann man es kaum ausdrücken. Kranke Gesellschaft.
    33 8 Melden
  • decay 14.03.2015 17:15
    Highlight Kann man auch auf den künstler schiessen?
    27 12 Melden
  • pun 14.03.2015 15:52
    Highlight Wo bleibt die Animal Liberation Hacker Front? Oder Anonymous Animals?
    18 7 Melden

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