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Sänger und Komponist Udo Jürgens: «Der grösste deutschsprachige Popstar der vergangenen Jahrzehnte». bild: apa

Nachruf auf Udo Jürgens

So leicht, so schwer

Keiner beherrschte die Kunst besser, dem deutschen Schlager Tiefgang zu geben. Keiner stand zugleich so über diesem Genre. Udo Jürgens war die Grösse in der Branche, die doch sonst so von Oberflächlichkeit lebt.

22.12.14, 05:38 22.12.14, 13:15

Alexander kühn

Ein Artikel von

Dass Udo Jürgens jemals abtreten könnte, war unvorstellbar. Um so mehr, wenn man ihn in den vergangenen Tagen noch auf der Bühne erlebte. Etwa bei einem seiner letzten Auftritte, der Aufzeichnung der ZDF-Weihnachtsshow vorletzten Freitag. Gegen Mitternacht sang Jürgens ein Duett mit der Gastgeberin Helene Fischer. Der 80-Jährige übertraf an Präsenz so ziemlich jeden jüngeren Künstler, der an dem Abend im Berliner Velodrom vor der Kamera gestanden hatte. Und sie waren alle jünger als er.

Jürgens, ein Star seit 50 Jahren, würde immer weitermachen, das schien ausgemacht. Dabei zählte es zu seinen Ängsten, als Greis zu enden, der sich auf die Bühne führen lassen würde. Früher ein Vorbild von Charme und Potenz, war er zunehmend zum Idol in puncto Altwerden gereift. Dass die Jahre auch ihm Kräfte geraubt hatten, merkte man, wenn man ihn jenseits der Bühne traf. Vor Publikum liess er sich davon nichts anzumerken.

Jürgens' bis zuletzt in seinen Konzerten trotzig vorgetragene Behauptung, das Leben beginne so richtig erst mit 66 Jahren, war natürlich eine fromme Lüge. Aber dass mit 66 noch lange nicht Schluss ist, bewies er eindrucksvoll. Bis in den Dezember hinein war Jürgen auf Konzertreise, im kommenden Jahr hätte sie weitergehen sollen. «Mitten im Leben» hiess die Tournee. Genau so hat ihn nun der Tod erwischt, bei einem Spaziergang am Sonntag.

Jürgens war wohl der grösste deutschsprachige Popstar der vergangenen Jahrzehnte, grösser als Grönemeyer, Westernhagen oder Lindenberg. Wie sehr die Deutschen ihn verehrten, merkte man daran, dass sie ihn als einen der ihren begriffen. Dabei war er Österreicher, mit Wohnsitz in der Schweiz.

Udo Jürgens

Das Erstaunlichste an Jürgens war womöglich, dass er nie peinlich wirkte. Selbst wenn er als alter Mann zum Ende eines Konzerts den weissen Bademantel überzog, haftete ihm nichts Lächerliches an, vielmehr schien das Kleidungsstück ihm noch mehr Würde zu verleihen. Hatte Jürgens in früheren Jahren mal wieder irgendwo eine junge Frau abgeschleppt, die seine Tochter hätte sein können, erregte das eher Bewunderung als Empörung. Eine ähnliche Narrenfreiheit genoss in der alten Bundesrepublik allenfalls Harald Juhnke, wenn er sich mal wieder einen Vollrausch geleistet hatte.

Als am Sonntag gegen Abend die Nachricht von Jürgens' Tod kam, fielen einem sofort Zeilen aus seinen Liedern ein. Das «Adieu, adieu, adieu» aus «Merci Chérie». Oder «Tausend Jahre sind ein Tag». Allesamt Lieder mit Tiefgang. Die Jürgens-Lieder mit den platten Texten hatte es zwar auch gegeben, «Buenos Dias Argentina» etwa, seine Hymne an Argentinien anlässlich der Fussball-WM 1978, die alle politische Realität ausser Acht liess. Aber man hatte sie schnell wieder vergessen und ihm als Ausrutscher verziehen, auch das gehörte zum Phänomen Udo Jürgens.

Im September zeichnete das ZDF in Freiburg eine Show zu seinem runden Geburtstag auf. Junge Musiker interpretierten an diesem Abend seine Lieder. Tim Bendzko sang «Vielen Dank für die Blumen», Lang Lang spielte dazu Klavier. Yvonette Catterfeld, Annett Louisan, Christina Stürmer traten auf. Jürgens war sehr oft gerührt an diesem Abend.

In Einspielfilmen war noch einmal der junge Udo Jürgens zu sehen. Sein Sieg beim Grand Prix 1966. Und die grossen französischen Chansonniers wie Gilbert Bécaud, deren Nähe er damals suchte. Die Ausschnitte führten noch einmal vor Augen, wie sehr Jürgens ihrer Tradition entstammt. Mit hiesigen Showgrössen wie Rex Gildo oder Roy Black war ihm allenfalls gemeinsam, dass er in denselben Shows auftrat.

Jürgens stand über dem deutschen Schlager und war zugleich Teil davon. Die besten seiner Lieder hatten Tiefe wie «Ein ehrenwertes Haus», das die Selbstgerechtigkeit des Spiessertums anprangert. Mit «Rot blüht der Mohn» beklagte er das Elend, das Drogenmissbrauch mit sich bringt. Und trotzdem funktionierten die Lieder als Stimmungsmacher in Bierzelten und am Ballermann.

Am Abend seiner Geburtstagsgala schaute Jürgens nur einmal verstimmt. Da wurde ein Jahrzehnte alter Film aus «Verstehen Sie Spass?» eingespielt. Zu sehen war eine junge, blonde Frau, die Jürgens während eines Konzerts immer wieder Blumen auf die Bühne bringt, schliesslich grosse Pflanzen und am Ende Tannenbäume. An eine Fortsetzung seines Vortrags ist nicht zu denken. Was Jürgens in dem Film irritiert, ist sichtbar nicht das Grünzeug, sondern die atemberaubende junge Dame.

Genau auf dieses Klischee wollte er in seinem Alter nicht mehr festgelegt werden. Die Zeit des Beutefangs war vorbei. Die Frau, mit der er seine letzten Jahre verbrachte, war zwar auch kaum mehr als halb so alt wie er. Aber sie war keine 17-Jahr-blondes-Haar-Trophäe nach dem Jürgens-Beuteschema, kein Abziehbild früherer Affären.

Man konnte die beiden beobachten bei der After-Show-Party nach der ZDF-Gala im September. Jürgens umarmte die junge Frau, sie umarmte ihn. Sie taten das nur, wenn sie wussten, dass keine Presse in der Nähe war. Man kann in keinen Menschen hineinschauen, schon gar nicht, wenn man ihn nur aus der Ferne kennt. Aber Udo Jürgens wirkte, als sei er angekommen.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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