Populärkultur

Lamar-Album «To Pimp a Butterfly»: Schwarze erobern das Weisse Haus.

Kendrick Lamars HipHop-Meisterwerk: Wie päppelt man einen Schmetterling auf? Man liebt ihn!

HipHop-Hoffnungsträger Kendrick Lamar hat über Nacht sein neues Album «To Pimp a Butterfly» veröffentlicht – ein sanft fliessendes Meisterwerk aus Soul, Jazz und politischer Botschaft. Es dürfte viele Hörer elektrisieren.

16.03.15, 22:49 17.03.15, 17:31

Andreas Borcholte

Ein Artikel von

«Keep calm. All is well», twitterte Kendrick Lamar um sechs Uhr morgens, als sich im Internet ein Sturm der Aufregung entfachen wollte: Bleibt ruhig, alles ist gut.

Seit ein paar Stunden war Lamars zweites, mit wachsender Spannung erwartetes Album über iTunes und Spotify veröffentlicht worden, eine Woche früher als annonciert. Offenbar reagierte Lamars Label Top Dawg damit auf ein drohendes Leck beim Vertriebspartner Universal, worüber sich Labelboss Anthony Tiffith wiederum via Twitter heftig echauffiert hatte: «Irgendjemand wird dafür bezahlen müssen!»

Lamar indes hat allen Grund, Ruhe zu bewahren: «To Pimp a Butterfly», so der Titel seines neuen Albums, ist der grosse Wurf, auf den die Szene gewartet hat. Es ist ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, das allerdings bei Weitem nicht so klingt, wie man sich die aktuelle Produktion eines Rap-Superstars vorstellt. «Butterfly» ist das selbstbewusste Statement eines veritablen Beat-Poeten, der fast komplett auf klassische HipHop-Beats verzichtet. Über fast 80 Minuten erstreckt sich seine Musik als schillernder Flow aus Funk-, Soul- und Free-Jazz-Elementen.

Performer Lamar: Ging vor dem zweiten Album mit Kanye West auf Welttournee. Bild: Getty Images North America

Flying Lotus - Never Catch Me (Official Audio) ft. Kendrick Lamar

Inspiriert wurde das ganz offensichtlich von Avantgarde-HipHopper Flying Lotus und seiner ebenfalls in Los Angeles basierten Low-End-Theory-Posse. Lamar war auf Lotus' kaleidoskopischem Album «You're Dead!» als Gastrapper dabei, nun werkelte dessen Bassist und Co-Producer Thundercat gleich auf mehreren Lamar-Stücken mit. Das Ergebnis ist ein faszinierend aktueller Sound, der gleichzeitig zu den Ursprüngen des Genres im Jazz und Spoken-Word verweist. Mehr als zeitgenössische Rapper und Star-Produzenten stehen hier Klassiker wie Gil Scott-Heron und The Last Poets Pate, gleichzeitig werden Funk-Pioniere wie Parliament und Roy Ayers zitiert. Folglich stammen auch die prominentesten Gastauftritte von Altmeistern wie George Clinton, Ronald Isley (und Snoop Dogg), während experimentierwillige Hipster wie Flying Lotus, Taz Arnold und Sounwave die Produktion ins Heute transportieren.

Rap-Hoffnungsträger Kendrick Lamar: Beat-Poet, der weiss, was er will. Bild: Jack Plunkett/Invision/AP/Invision

Dieses mutige, eklektizistische Klangkonzept überrascht umso mehr, da selten in letzter Zeit so viel Druck auf einem Hoffnungsträger der Szene lastete. Das Debüt-Album des aus L.A.s berüchtigtem Problembezirk Compton stammenden Rappers, Good Kid, m.a.a.d. City, verkaufte sich 2012 allein in den USA eine Million Mal; Lamar wurde als lyrisch begabter Erzähler des Reim-Genres gefeiert, Pharrell Williams verglich seine Songwriterkunst mit der Bob Dylans, ein Kritiker sah in Lamars situativer Prosa, mit der er einen ganz normalen Tag in seinem Teenagerleben re-imaginierte und damit ein romanhaftes Alltags-Panorama schuf, gar Parallelen zu Joyces wortmächtigem «Ulysses».

 Kendrick Lamar «Good Kid, m.a.a.d. City» (full album).

Auf die Coming-of-Age-Geschichte folgt die Message

Nach der Coming-of-Age-Geschichte, der Vorstellung des jetzt 27 Jahre alten Künstlers und seiner Wurzeln im West-Coast-Gangsta-Rap der Neunziger, folgt mit «Butterfly» nun Lamars Message. Und die hat es durchaus in sich, wie bereits im vorab veröffentlichten Stück «The Blacker the Berry» auffiel. Denn ähnlich wie die aus Philadelphia stammende Rap-Gruppe The Roots und ihr Vordenker Questlove positioniert sich Lamar als politischer «conscious rapper», der sich in seinen Texten tiefgehende Gedanken über den aktuellen Stand der «Blackness» und der schwarzen Kultur macht. In «The Blacker the Berry», angelehnt an Wallace Thurmans gleichnamiges Buch über Rassismus, nimmt Lamar die lyrische Position der schwarzen Gesellschaft ein, die sich über die Polizeigewalt in Ferguson empört und Tränen über den Tod von Trayvon Martin vergiesst. Heuchelei sei das: «So why did I weep when Trayvon Martin was in the street/ When gang banging make me kill a nigga blacker than me? Hypocrite!»

The Blacker The Berry.

Solange Schwarze andere Schwarze umbringen und sich dem Selbsthass hingeben, solange kann aus der Raupe, die sich in einen dunklen Kokon aus Autoaggression und Konsumismus verkapselt hat, kein schöner Schmetterling entwickeln, jener titelgebende «Butterfly», der nun für eine bessere Zukunft «gepimpt», also fitgemacht und aufgemotzt werden soll.

Mortal Man.

Auch «King Kunta», «Hood Politics» «Institutionalized» befassen sich mit der Identität der Schwarzen, dem «black pride», an den Lamar hier nicht, wie sein Freund und Mentor Kanye West, mit martialischem Lärm und Black-Panther-Ermächtigungsposen appellieren will, sondern mit der Besinnung auf Schönheit, Spiritualität und afrikanische Roots. «I love myself» heisst es in «i» immer wieder, ein Mantra der Selbstliebe.

Natürlich reibt sich Lamar auch wieder an den alten Recken aus Compton, die er als Kind bewundert hat. Dr. Dre gibt ihm gleich am Anfang das Competition-Credo der Branche mit auf den Weg: «Anybody can get it, the hard thing is keeping it, motherfucker.» Doch am Ende steht der Bruch mit der Getto-Mentalität: Im 12 Minuten langen Schlussstück «Mortal Man» begibt sich Lamar in einen – ziemlich unheimlichen – Dialog mit alten Interview-Schnipseln seines verstorbenen Vorbilds Tupac Shakur. Wie es denn mit den Schwarzen weitergehen werde, will er von der Westcoast-Legende wissen. Es steuere alles auf ein Blutbad hin, sagt der von den Gang-Kriegen der Neunziger geprägte Rapper. Doch Lamar, die nächste Generation, durchbricht diese aus der Vergangenheit gedachte Zukunft: «Das ist verrückt, Mann. Meiner Meinung nach ist die einzige Hoffnung, die wir haben, die Musik.»

Wie päppelt man einen Schmetterling auf? Ganz klar, mit Liebe! Und davon liess Kendrick Lamar jede Menge in seinen Love-, Peace- und Hippietraum eines Albums fliessen. Es hat die Wucht, das intellektuelle Potenzial, aber auch den Groove und die Emotionalität, sich wie ein kühlender, heilender Balsam über die Gewalteruptionen der jüngsten Vergangenheit zu legen.

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • TY 16.03.2015 23:56
    Highlight @watson:
    Es Ist nach Section.80, Good Kid, M.A.A.D City das dritte Studioalbum. BTW kdot is on fire
    3 1 Melden
    • Tiny Rick 17.03.2015 05:05
      Highlight Wollte ich auch gleich sagen.
      1 0 Melden

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