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Musik-Streamingdienst Tidal: Jay-Z macht die Popstars zu Teilhabern

Tidal macht zum Neustart eine ziemliche Welle: Der von HipHop-Unternehmer Jay-Z aufgekaufte Streamingdienst wirbt mit einer starbesetzten Veranstaltung für den Wert der Musik – man gibt sich als Rächer der Kreativen. 

02.04.15, 10:21 02.04.15, 10:45

Felix Bayer



Ein Artikel von

Die Szene hatte etwas von dem alten Werbespot – «Mein Haus, mein Auto, mein Boot». So als würde der Newcomer Tidal den Konkurrenten auf dem Markt für Musik-Streaming seine Trümpfe hinblättern: Beyoncé, Daft Punk, Madonna, Jack White, Rihanna, Kanye West. Sie alle traten auf die Bühne für eine spektakuläre Pressekonferenz am Montagabend (deutscher Zeit), insgesamt 16 Top-Acts im Pop der Gegenwart, um den Neustart eines Streamingdienstes zu annoncieren.

Tidal wird betrieben von der skandinavischen Technologiefirma Aspiro, die der Rapper und Geschäftsmann Jay-Z unlängst für rund 50 Millionen Euro gekauft hatte. Nun wird klar, welche Strategie Jay-Z mit seinem Investment verfolgt: Er will einen Streamingdienst anbieten, der im Besitz der Künstler ist – zumindest der Künstler, die sich auf der Bühne in New York präsentierten.

(Von links) Rihanna, Nicki Minaj, Madonna, Deadmau5, Kanye West, JAY Z, und J. Colefiern in New York #TIDALforALL. Bild: Getty Images North America

In einem über die Tidal-Website live übertragenen Video unterzeichneten die sorgfältig nach Genres ausgewählten Stars eine Deklaration – Madonna legte sich dafür halb auf den Tisch –, in der sie den Wert der Musik betonten.

Zwei Angebote – und eins, das bewusst fehlt

Dementsprechend soll es bei Tidal zwei Abo-Angebote geben: Eins bietet den von Anbietern wie Spotify oder Deezer bekannten Service und kostet 10 Dollar im Monat, für 20 Dollar gibt es ein spezielles HiFi-Angebot mit Musikdateien in besserer Soundqualität. Entscheidend ist aber ein Angebot, das Tidal nicht macht: Einen von Werbung unterbrochenen Gratis-Zugriff auf den Musik-Katalog soll es nicht geben. 

Deadmau5, Kanye West, JAY Z, und J. Cole hatten Spass bei der Präsentation.  Bild: Getty Images North America

Das Umsonst-Angebot von Spotify ist bei Künstlern (wie Taylor Swift) und Labels (wie Universal) in die Kritik geraten, weil es die Musik entwerte – trotz der Argumentation von Spotify, über den freien Zugang könnten Bezahl-Abos akquiriert werden, die dann wiederum höhere Lizenzeinnahmen brächten.

Tidal glaubt, diese Abonnenten mit dem Versprechen auf exklusive Inhalte anlocken zu können. Von den 16 Star-Präsentatoren zum Beispiel, die allesamt Anteile an der Firma erworben haben – jeweils drei Prozent, will das Branchenblatt Billboard erfahren haben. In Pasadena im Februar, kurz vor der Grammy-Verleihung, soll es zu einem genreübergreifenden Geheimtreffen gekommen sein, bei dem Jay-Z seine Teilhaber vom Konzept eines Streamingdienstes in Musikerbesitz zu überzeugen versuchte.

Einfach so: Jay-Z & Alicia Keys – «Empire State of Mind». video: youtube/xcrackspiderx

Das Konzept erinnert an die Filmfirma United Artists, Jack White macht in einem Tidal-Video (hier ab Minute 15:20) selbst darauf aufmerksam: 1919 hatten Stummfilmstars um Charlie Chaplin eine eigene Produktionsfirma gegründet, weil die Studios versuchten, die Gagen von Schauspielern und Regisseuren zu drücken. Nun beklagen die Musiker, dass Streaming sich zur umsatzstärksten Form des Musikkonsums entwickle, aber bei ihnen zu wenig ankomme. Firmenboss Jay-Z verspricht, bei Tidal bekämen die Musiker ein grösseres Stück vom Kuchen, «selbst wenn es weniger Profit für uns bedeutet».

«So was wie die Avengers der Musik»

Die grosse Frage ist nur, ob dieser Kuchen gross genug wird. Tidal startet mit ziemlich grossem Rückstand neu: Vor Jay-Zs Einstieg, im Dezember 2014, vermeldete Aspiro gerade mal 512'000 zahlende Nutzer. Spotify wird nach eigenen Angaben weltweit von über 60 Millionen Menschen genutzt, mehr als 15 Millionen davon zahlende Abonnenten.

Beyoncé ist offen für Neues. Bild: Getty Images North America

Um die exklusiven Inhalte herrscht ein immer stärkerer Konkurrenzkampf, in den sich künftig auch noch Apple (das Beats Music als Streamingangebot integrieren will) und Google (mit dem geplanten Music Key für YouTube) verstärkt einschalten werden. Und die Künstler werden nicht frei entscheiden können, wem sie den Erstzugriff aufs neue Album zubilligen, solange sie bei Plattenfirmen unter Vertrag stehen – die Majorlabels halten ja übrigens Anteile an Spotify.

Komplizierte Ausgangslage also, der aber mit grossem Optimismus und starken Sprüchen begegnet wird: Man habe die Liebe zur Musik gemeinsam, verkündete Jay-Z bei einem Treffen der prominenten Teilhaber, «das unterscheidet uns von Leuten, die vor allem Technik oder Werbung verkaufen wollen».

Alicia Keys mischt auch bei Tidal mit. Bild: Getty Images North America

Im gleichen Video erklingt unter einem der Daft-Punk-Helme eine Stimme mit französischem Akzent. Sie sagt, dass in den 70er-Jahren die Künstler die Ikonen gewesen seien. Heute hätten Technikfirmen diese Rolle übernommen, für die Künstler blosse Produkte seien. Zusammen könnten die Künstler sich wehren: «Wir können so etwas wie die Avengers der Musik werden.»

Kritische Stimmen merken allerdings an, dass diese «Rächer» reichlich etabliert sind und sich keine Sorgen um den Lebensunterhalt machen müssen – anders als der Musikernachwuchs. Jay-Z verspricht im Billboard-Interview, dass Tidal «super-transparent» sein werde – doch was sie konkret auszahlen werden, wird nicht verraten. Was ist sie denn nun künftig wert, die Musik, mit deren Wert Tidal doch so offensiv wirbt?

Tidal erklärt sich selbst. video: youtube/tidal

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